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Bettina Spoerri – Herzvirus

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Letztendlich ist es ein „Herzvirus“, eine Entzündung des Herzmuskels, der zum Tod der Mutter führt. Schon viele Jahre war sie manisch-depressiv, mal überschäumend vital, dann wieder in sich gekehrt und abwesend. Dazwischen psychotische Episoden, Wahnvorstellungen, Psychiatrieaufenthalte. Bettina Spoerri erzählt einfühlsam und gewandt von einer Krankheit der Extreme, die die Familie zerreißt.

Eine verschleppte Erkältung und in deren Folge eine Herzmuskelentzündung sorgen für einen plötzlichen Tod der Mutter, deren Erkrankung im Mittelpunkt des Romans steht. Nach der Beerdigung beginnt ihre Tochter, der Frau nachzuspüren, die immer wieder von heftigen, widerstreitenden Gefühlen gequält wurde. Sie war manisch-depressiv. Bipolar heißt es im Fachjargon, wenn das Gefühlsspektrum zwischen tiefer Deperession und krankhaftem Hochgefühl immer wieder hin und her pendelt. In der Depression erscheint das Leben kaum den Zufall wert, aus dem es entstanden ist; in der Manie ist alles möglich. Betroffene bleiben tagelang wach, legen weite Strecken zurück, verprassen Geld in rauen Mengen. Die Mutter der Erzählerin verschenkt es gar mit vollen Händen; die Auserwählten geben es mehrheitlich irritiert zurück. Gemeinsam mit ihren zwei Brüdern wächst die Ich-Erzählerin ohne Vater auf, zusammengeschweißt in einer kleinen aber wehrhaften Familie, die sich gegen die über sie hereinbrechenden Stürme zu behaupten weiß. Trotz aller Widrigkeiten. Nur der Sturm der Krankheit erweist sich als ein zu hartnäckiger Gegner.

Für viele Menschen ist es normal, eine schützende Haut um sich zu haben, so eine Art psychisch aktives PVC oder Neopren; was an ihnen abprallte, drang bei meiner Mutter tief ein. Sie erschien mir stets ausgeliefert, verletzlicher als die meisten anderen Menschen, die ich kannte und kenne. Als Kind stellte ich mir vor, dass eine flauschige Decke, die ich um sie legte, das Schlimmste abhalten würde.

In montageartiger Zusammenstellung von Einzelsequenzen legt Bettina Spoerri im Laufe des Erzählens nicht nur die Entwicklung der Krankheit bloß, sondern stellt durch die Ich-Perspektive der Tochter vor allem die Außenperspektive in den Fokus. Nicht immer ist die Erzählperspektive konsistent und so ist bisweilen nicht ganz klar, ob die Erzählerin ihre Kindheit rückwirkend beurteilt oder aus kindlicher Perspektive beschreibt.  Mitunter geht beides ineinander über, verwischen die Grenzen. Während man das literarisch kritikwürdig finden kann, ist es psychologisch geschickt und nachvollziehbar komponiert. Es existieren selten klare Trennlinien zwischen der kindlichen Wahrnehmung, die im Falle Spoerris von Angst und Unverständnis geprägt ist und einer aufgeklärten Erwachsenensicht, die das Übel benennen kann – auch wenn das zur Lösung freilich wenig beiträgt. Die Mutter ist sensibel, nicht selten unberechenbar. Für die heranwachsende Tochter ein untrüglicher Beweis für die Unberechenbarkeit der Welt. In einer instabilen Umgebung wie dieser aufzuwachsen, bedeutet vor allem, das Urvertrauen zu verlieren, das im Kampf mit dem Leben unerlässlich ist.

Es ist wieder so weit. Oder es ist bald wieder so weit. Es bahnt sich wieder an. Es braucht sich etwas zusammen. Es. Es nimmt Besitz von unserer Mutter und ist zugleich sie selbst. Wir kennen sie so und so ist sie uns fremd.

Anhand verschiedener Kunstwerke aus Film und Literatur sowie historischer Ereignisse versucht Spoerri auch immer wieder, die Geschichte zeitlich zu verorten. So spielen die Beatles, Easy Rider und Georg Kreisler ebenso eine Nebenrolle wie die Entführung Hanns Martin Schleyers oder die Anti-Atomkraft-Bewegung. Spoerris Stil ist bildhaft und treffsicher. Scheinbar mühelos gelingt es ihr, Einzelepisoden so miteinander zu verknüpfen, dass ein lebendiges Gefühlsbild der Ich-Erzählerin entsteht. Die empfindet sich nach diversen Umzügen überall bloß als provisorisch anwesend, jederzeit auf dem Sprung, haltlos und einsam. In den Büchern ihrer Mutter findet sie in der frühen Jugend Halt, sie liest sich durch die literarischen Vermächtnisse der Schwermut: Sylvia Plath, Jean Améry, Ingeborg Bachmann. „Herzvirus“ ist ein sprachmächtiges, gefühlvolles und eindringliches Buch, das von seiner Stimmung und seinen Beschreibungen lebt. Unverstellt und voller Mitgefühl beschreibt es die inneren Widersprüche, Hoffnungen und Ängste einer Angehörigen im Umgang mit der emotionalen Übermacht der Bipolarität. Es ist im besten Sinne des Wortes vor allem eines: wahrhaftig.

"buchhandel.de/Bettina Spoerri: Herzvirus
braumüller Verlag,
300 Seiten
21,90 €

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