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Matthias Engels – Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun

Sowohl Oscar Wilde, Dandy und Ästhet, als auch Knut Hamsun, unbekannter Norweger, besteigen um 1881/1882 ein Passagierschiff nach Amerika. Während Wilde als Vortragsreisender die Herzen der modernen Städter im Sturm erobert, verläuft Hamsuns Suche nach einer Arbeit nicht eben erfolgreich. Niemand kennt ihn, niemand hat auf ihn gewartet. Matthias Engels‘ collageartiger Roman um zwei Schwergewichte der Literatur versteht charmant zu unterhalten.

Manch einem Buch gelingt es schon auf den ersten Seiten, Stimmung zu kreieren als rollte ein Kulissenarbeiter im Hintergrund mal eben die richtige Atmosphäre ins Blickfeld. Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde und Hamsun ist so ein Buch. Mittels detailgenauer Beschreibungen und einem etwas barocken Erzählstil katapultiert Matthias Engels seine Leser nicht nur ins ausgehende 19. Jahrhundert, sondern jeweils an die Seite zweier Herren, von denen wir heutzutage alle gehört haben. Einer, Oscar Wilde, seines extravaganten Auftretens wegen in der Heimat bereits hinlänglich bekannt, wird auf amerikanischem Boden sofort von Reportern überrannt. Seine Vorträge über Ästhetik und Kunst sind ein Publikumserfolg, jedenfalls in den großen Städten. Im ländlicheren und kleinstädtischen Amerika verfängt seine Exaltiertheit nicht. Dort wird auch ein Oscar Wilde mit voller Haarpracht und einem Pelzmantel noch skeptisch beäugt. Doch darüber hinaus ziert sein Gesicht beinahe jede größere Tageszeitung.

Jeder kannte sein merkwürdig verzerrtes Spiegelbild und hielt es für echt und er selbst musste zugeben, dass es ihm außerordentlich gut gefiel und er es gern zur Marke trug. Nur die Oberfläche war schließlich interessant und alle Kunst Oberfläche. Wer darunter schaute, tat das auf eigene Gefahr.

Ganz anders: Knut Hamsun, der, zu diesem Zeitpunkt noch ohne Pseudonym und Nobelpreis, einfach als Knud Pedersen amerikanischen Boden betritt. Er kommt nicht mit einer Dienerschaft und großen Aufträgen, auf Knud aus Norwegen hat niemand gewartet. Eigentlich will er mit Journalisten sprechen, sich einen Namen machen, wenigstens einen Job finden. Sein Bruder hatte ihm Amerika in den schillerndsten Farben geschildert. Als Knud ihn nun besucht, findet er einen enttäuschten Säufer vor, auf den niemand sich mehr verlassen will. Der norwegische Gast mit Schriftstellerambitionen pendelt von einem Gelegenheitsjob zum nächsten und kommt seinem Traum keinen Millimeter näher. Eine niederschmetternde ärztliche Diagnose zwingt ihn zunächst zur Rückkehr nach Norwegen. Er ist, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt, Wildes Gegenentwurf; ein Antiheld, dem man wegen seines fortgesetzten Misserfolgs nur umso mehr Erfolg wünscht.

Ankunft des Elefanten Jumbo in New York City

Ankunft des Elefanten Jumbo in New York City. Bild: Ephemeral New York

Ein Grund, weshalb Engels‘ Roman eine so rasante Sogwirkung entfaltet, sind u.a. die kleinen Exkursionen, die er in die logbuchartigen Aufzeichnungen der Reisen Wildes und Hamsuns einstreut. Dabei geht es um Thomas Edison und die Erfindung der Glühlampe sowie dessen Mitarbeit an einem stabilen Stromnetz, das viel zu dem Gefühl beitrug, New York schliefe niemals. Es geht um P.T. Barnum, einen Zirkuspionier und stadtbekannten Märchenerzähler mit einem Hang zum Kuriosen und Gigantischen – so ließ er 1882 den riesigen Elefantenbullen Jumbo aus dem Londoner Zoo nach New York verschiffen. Am Rande zur Kenntnis gebracht werden den LeserInnen auch die Verhandlungen über den Greenwich-Nullmeridian (äußerst zäh) und die Abhandlungen des irischen Chirologen „Cheiro“ (eigentlich: William John Warner), der Oscar Wilde nach der Sichtung seiner Hände ein böses Schicksal voraussagte (äußerst dubios). Manches hat Engels erfunden, anderes dehnt und formt er zu seinen Gunsten. Am Ende entsteht ein Panorama, das ein weit umfassenderes Bild abgibt als nur biographische Eckdaten Wildes und Hamsuns.

Amerika war das lauteste Land, das je existiert hat. Man wachte morgens nicht vom Gesang der Nachtigall auf, sondern von der Dampfpfeife.

Engels ist dort wiklich überzeugend, wo die Collagetechnik aus Zitaten, Zeitungsartikeln und mehr oder minder verbürgten Anekdoten nicht allzu augenfällig ist. Dort, wo ein Dialog mit Oscar Wilde nicht klingt wie eine lose Aneinanderreihung seiner Aphorismen. Meistens glückt das Wagnis, manchmal wirkt Wilde hölzern und leblos. Als wollte mir jemand einen Charakter erklären, statt ihn zu zeigen. Bisweilen ist der Roman Qualitätsschwankungen unterworfen, die zu ärgerlichen Fehlern führen. Dort liest er sich plötzlich stockend als sei Sand ins Erzählgetriebe geraten: „Er hatte trotzdem feine Gesichtszüge und ein ziemlich intelligentes Gesicht.“ Ein Satz, den man besser redigiert hätte. Sätze wie „Danach verspürte sie den heftigen Wunsch, den Autoren (sic!) kennenzulernen„, „Sie ging zum Hotel, nachdem sie anlegt hatten“ oder „ein gewisser Odeur“ schmälern auf halber Strecke das Vergnügen. Allerdings sind solche Schnitzer eher dem Lektorat anzulasten als Matthias Engels selbst. Sieht man davon ab, ist Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun ein vergnüglicher und stimmungsvoller Roman, der seine Hauptakteure bis an ihr Ende begleitet. Oscar Wilde landet bekanntlich wegen Unzucht einige Jahre in Haft und stirbt 46-jährig vereinsamt in Paris. Knut Hamsun erreicht ein hohes Alter, wird 1920 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet und unterstützt die nationalsozialistische Politik. Von Goebbels, der Hamsun sehr schätzte, wurde diesem gar eine Audienz auf dem Obersalzberg gewährt. Beide, Wilde wie Hamsun, bleiben streitbare Gestalten; Menschen mit Ecken und Kanten, die ihnen im verklärenden Licht der Rückschau gelegentlich glattgeschliffen werden. Matthias Engels ist ein unterhaltsamer und lebendiger Roman geglückt, der Lust macht auf Wilde und Hamsun.

"buchhandel.de/Matthias Engels: Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun
Stories & Friends,
448 Seiten
19,90 €

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2 Kommentare

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  2. Horst Berger sagt

    Verehrte Frau Weigand!

    Wer auf dieser hohen Welle mitschwimmen will, hat es wohl auch schon gelesen:
    Oscar Wilde: „Das Bildnis des Dorian Gray“.
    Der Dandy, Oscar Wilde, hat als Mensch keine Figur abgegeben, die mir imponiert hätte. Nur sein einziger Roman — ein Vorbild für die gesamte fantastische Literatur — wird lange bleiben.
    Und somit bleibt er uns, auch mir, mit dessen Art zu lieben ich nichts anfangen kann, als großer Schöpfer einer tollen Idee und einer überwältigenden Geschichte in Erinnerung.

    Und Hamsun? Am Ende ein tragischer Greis; fast gehörlos und mit geschwächter Sehkraft. Er wollte es vielen recht machen, an der Schwelle zum „letzten Kapitel“. Er ist daran gescheitert, denn gehasst hat er auch. Es wird wohl mit seinen frühen Jahren zu tun gehabt haben, als er den Aufbruch über London nach Amerika wagte.
    Für mich aber bleiben trotz allem, „Hunger, Mysterien, und Pan“ in Erinnerung; vermutlich für immer. Es ist schon sehr lange her, dass ich diese drei schmalen Büchlein gelesen habe. Ich werde sie irgendwann wieder einmal lesen, wenn mein Bedarf gedeckt ist von dem Zeug, das ich heute lese.
    Und dabei werde ich dran denken, was Hamsun, als sein Leben sich dem Ende näherte, gesagt hat: „Ich habe die Zeit für mich, ich kann warten, tot oder lebend, das ist gleichgültig.“

    Herzlichen Dank liebe Frau Weigand, dass ich hier meine Meinung zum Buch „Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun von Matthias Engels“ ein Roman, der im Verlag STORIES & FRIENDS erschienen ist, schreiben durfte.
    Zugegeben, auf den Roman bin ich nicht besonders eingegangen. Schon gar nicht auf die schriftliche Raffinesse (da erlaube ich mir kein Urteil) oder auf den Wahrheitsgehalt (da vertraue ich auf die Recherche des Autors und auf die Bezeichnung: Roman). Ich freu mich nur darüber, dass wieder einmal ein Autor an diese beiden großen Schriftsteller des 19ten bis hinein ins 20te Jahrhundert erinnert.

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