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David Wagner – Sich verlieben hilft

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Wenn man gerade keine Menschen zum Verlieben findet, gibt es reichlich Alternativen. Im jüngst erschienenen Essayband von David Wagner, u.a. Preisträger der Leipziger Buchmesse 2013, werden schlaglichtartig Bücher und Serien besprochen, die einen Blick lohnen. Und obendrein erfahren wir von dem herrlichen Vorgang des Enteselns, den man am besten mit der richtigen Literatur in Gang setzt.

Es dürfte nicht vielen passieren, dass sie am Morgen erwachen und denken: „Heute muss ich anfangen, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu lesen.“ David Wagner ist es passiert. Und er hat den Gedanken nicht zu einer bloßen Absichtserklärung erstarren, sondern umgehend Taten – heißt: einen Gang in die Buchhandlung – folgen lassen. Proust animiert ihn schließlich, nicht nur annehmbar, sondern anwendbar Französisch zu lernen. Wagner „serendipitiert“ (Serendipität: zufälliger Fund von etwas nicht Gesuchtem, das sich als neue Entdeckung erweist) durch Blogs, Zeitungen, online und offline, stößt in einem unendlichen Geflecht aus Informationen immer wieder auf neue Lektüre. Er lässt sich treiben, beraten und beschenken. Liest Roberto Bolaño, Nicholson Baker, Teju Cole, Alexandre Dumas, Raija Siekkinen, Emmanuel Carrère. David Wagner ist begeisterungsfähig, verharrt nicht in professionell distanzierter Pose, sondern kann sich ganz auf Texte einlassen. Sich verlieben eben, sich vom Text vereinnahmen lassen, mit der nötigen Hingabe. So entdeckt er erst nach vielen Jahren Roland Barthes‘ Die Lust am Text neu. Auch das ist, in der Textbetrachtung, eine große Qualität von Wagners Essays: er erlaubt sich eine Neubetrachtung, eine wiederholte Lektüre verstaubter Regalhüter und entdeckt ganz Neues darin. Wie wir einen Text lesen und beurteilen, hängt nicht selten auch von der Situation ab, in der wir sie in die Finger bekommen.

Und kann es Zufall sein, dass ein Anagramm von „ich lese“ ausgerechnet „ich Esel“ lautet? Ich lese, ich Esel; ich Esel lese. Und wie sagt das bekannte Palindrom? „Ein Esel lese nie.“

Eigentlich sollte dieser Sammelband „sich enteseln“ heißen. Ein wünschenswerter Vorgang eigentlich, aber bereits akustisch kein Selbstläufer. Der Begriff entstammt einer Übersetzung von Apuleius‘ „Der goldene Esel“ aus dem Jahr 1783 und meinte, nicht mehr bepackt durch unwegsames Gelände laufen und schwer tragen zu müssen, nicht mehr geprügelt zu werden. In Apuleius‘ Erzählung ist das freilich ganz wörtlich und nicht bloß im übertragenen Sinne zu verstehen. Dennoch ist das Enteseln, so David Wagner, sicherlich ein menschliches Grundbedürfnis. Eines nach Erleichterung, Stärkung, Verständnis. Literatur kann auch enteseln, wenn sie gut ist, wenn sie packt an empfindlichen Stellen, wenn sie etwas klarer macht, was vorher unklar war. „Sich verlieben hilft“ erzählt auch vom Schreiben, von wechselseitigen Autoren-Cameo-Auftritten in den Büchern des jeweils anderen und der Sorge, einen befreundeten Schriftsteller mit einer ehrlichen Meinung zu vergrätzen. David Wagners IKEA-Besuch mit Ines Hanika jedenfalls hat Eingang in einen ihrer Romane gefunden – heißt es. Und plötzlich überschneiden sich Wirklichkeit und Fiktion so unmittelbar, dass man ihnen dabei zuschauen kann.

Sich zu verlieben, hilft gegen fast alles. Gegen Missmut, Traurigkeit und Langeweile. Und solange ich verliebt bin, muss ich bleiben; das ist der Trick, deshalb verliebe ich mich immer wieder. Und so wird auch ein Leben draus, ich muss das Buch zu Ende lesen, die Serie zu Ende sehen. Muss noch bleiben, muss da bleiben, ich möchte wissen, wie es ausgeht, was noch passiert. Und was danach passiert. Ich bin doch verliebt.

Fast alle Essays dieses Sammelbandes sind zuvor bereits andernorts erschienen, im MERKUR z.B. oder als Nachwort. Das tut der Schönheit dieses in Leinen gebundenen Kleinods aber keinerlei Abbruch. Wagners Texte sind einnehmend, offen und unprätentiös. Sie zeigen nicht nur Mut zu Liebe und Leidenschaft, sondern auch zu Zweifel und Unverständnis. Hier schreibt nicht einer vom hohen Ross über kanonische Kunstwerke, sondern auf Augenhöhe über das, was ihn begeistert. Man kann diese Texte als Bekenntnisse und Fürsprache lesen, aber sich auch mit ihnen selbst auf die Spuren der erwähnten Bücher begeben oder eine der besprochenen Serien ansehen. Und so macht dieses kleine Büchlein vor allem Lust auf mehr, Lust auf Geschichten und das fahrlässige, willentliche Versinken in ihnen. Manchmal zum Zwecke der Enteselung, manchmal auch einfach so.

"buchhandel.de/David Wagner: Sich verlieben hilft
Verbrecher Verlag,
160 Seiten
19,00 €

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