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Rui Zink – Die Installation der Angst

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Es ist eine Binsenweisheit, dass Angst ein außerordentlich wirksames politisches Instrument ist. Ängstliche lassen sich weitaus besser formen und zu „unpopulären Maßnahmen“ überreden, sofern die Rettung vor dem Abgrund verheißen. Rui Zink, in Portugal schon länger ein gefeierter Star, verwandelt diese Weisheit nun in eine bissige Parabel auf unser wachsendes Sicherheitsbedürfnis in einer unsicheren Welt.

Stellen wir uns vor, die Angst wäre ein Produkt, an dem so mancher gut verdient. Und stellen wir uns weiterhin vor, man könnte sie in der Wohnung installieren lassen wie einen neuen Internetanschluss oder eine Alarmanlage. Sie zu installieren wäre keine Angelegenheit von ein paar Handgriffen, sondern ein dynamischer Prozess, der niemals an ein Ende gelangte. Angst neigt dazu, in Kopf und Körper zu wuchern und Metastasen zu bilden, auf bisher unberührte Bereiche überzugreifen, ein Bewusstsein zu kontaminieren. Angst expandiert gleichsam wie ein erfolgreiches Unternehmen. Und irgendwann betrifft sie sämtliche Szenarien des Alltags, die wahrscheinlichen und die unwahrscheinlichen. Rui Zink stellt uns eine Frau und Mutter vor, die eines Tages überraschend von zwei Männern besucht wird, die die Angst bei ihr installieren wollen. Erschrocken versteckt sie ihren Sohn im Badezimmer, die Männer sollen ihn nicht zur Kenntnis nehmen.

Die Märkte sind flüssiges Nitroglyzerin in einem dünnwandigen Reagenzglas in der Hand eines betrunkenen Jungen, der zum ersten Mal Auto fährt.

Während der Installation stellen Sousa und Carlos, Spezialisten für die Inbetriebnahme von Angst, verschiedene Spielarten ihres Produkts vor. Für jeden, sind sie überzeugt, findet sich die passende Angst. Sobald man sich von Kinderängsten emanzipiert hat, eröffnet sich ein weites Feld: Angst vor Gewalt, Terror, Krankheit, Einsamkeit, Entfremdung, Armut. Die Frau lässt alles weitgehend schweigend über sich ergehen. Sie stellt keine Fragen, sie wirft die beiden nicht hinaus, sie mischt sich nicht ein. Die Installation gerät Sousa und Carlos immer mehr zur Performance, in der sich in Hochgeschwindigkeit die Bälle zuspielen. Rui Zink gelingt es meisterhaft, die Unruhe und endlose Kreisbewegung von Angst in Sprache zu übersetzen. Dialoge zwischen Sousa und Carlos bilden dann auch das Herzstück von Zinks Novelle, – kurze Sätze, ein stetiger Wortwechsel, atemlos, endlos, leer. Der Gebrauch von leeren Worthülsen und schicken Catchphrases aus Wirtschaft und Politik ist hoch. So geht es um „sensible Märkte“, „unpopuläre Maßnahmen“, „strukturelle Reformen“, um „Krisen“ und „Alternativlosigkeit“.

Die Angst führt uns zurück in die Kindheit der Welt.

Rui Zink führt mit der notwendigen Bissigkeit und einem sicheren Gefühl für’s Absurde und Groteske die Götzen von Neoliberalismus und Kapitalismus vor. Es geht um Leistung, es geht um Effizienz, um Einsparung, Moralabbau. Alles hat seinen Preis, auch ein Menschenleben. Die beiden reden sich in Rage, die jeden Zweifel erstickt. Mit der Angst erlischen die Zwischentöne. Dabei geht Zink äußerst sensibel mit Sprache um, stellt Redundanzen aus, wenn er schreibt: „Carlos, der Gesprächige, spricht“ oder „Sousa, der Gehilfe, hilft nach“. Manch einen Satz lässt man sich mehrmals durch den Kopf gehen: „Sie verstehen nicht, daß es für den, der die Entscheidungen trifft, genauso hart ist wie für den, den die Entscheidung trifft.“ Es wird viel mit Wiederholungen gearbeitet, die einem Gebet weit näher kommen als einer Erklärung. Aber es geht, wie sie sagen, auch zu keinem Zeitpunkt um Verständnis. Viel mehr soll und muss Verwirrung gestiftet werden, mit Fachvokabular und undurchdringlichen Satzstrukturen. Wer nicht versteht, was geschieht, hat Angst. Und wer Angst hat, der schweigt. Der lässt geschehen. Es entsteht die schweigende und duldende Mehrheit, die weit mehr zu fürchten ist als extremistische Randerscheinungen. „Nichtverstehen ist das neue Verstehen“, heißt es, „Je weniger Sie verstehen, desto besser für Sie.“ Leider verstehen auch Carlos und Sousa etwas Wesentliches nicht: nämlich ihre duldsame Kundin, die das Spektakel mit einer überraschenden Wende in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt. „Die Installation der Angst“ ist eine hochintelligente Satire mit beeindruckender Durchschlagskraft. Unbedingt lesen und beobachten, wie einem das Schmunzeln einfriert und das Lachen im Halse steckenbleibt!

„Diese zweideutige Sprache.“
„Dreideutig.“
„Die Sprache als Geisterbahn.“
„Harmlos beginnen, so tun, als ob nichts wäre, Fachbegriffe verwenden, die niemand kennt…“
„Und dann muss man die Leute nur noch dazu bringen, daß es ihnen peinlich ist…“
„Nachzufragen, was all diese Worte bedeuten.“
„Benchmarking.“
„Spread“.
„Downsizing.“
„Layoff.“
(…)
„Worte, die man sich aufs Brot schmieren kann.“
„Brot, für das man die Beine breit macht…“
„Worte, die auch aus der Werbung sein könnten.“
„Guter Werbung.“

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Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler
Weidle Verlag,
120 Seiten
18,00 €

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