Rezensionen, Romane
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Ronja von Rönne – Wir kommen

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Ronja von Rönne genießt, aufgrund ihrer kontrovers diskutierten Artikel, mit ihrem Debüt einen Aufmerksamkeitsvorschuss. Joachim Lottmann spricht laut Buchrücken sogar von einer Erzählstimme, die nicht nur „schnoddrig“, sondern auch „überlegen“ sei, –  was immer das bedeutet. Wem überlegen? Und ist literarisch zelebrierte Überlegenheit wirklich so lobenswert, so lesenswert? Abzüglich des ganzen Brimboriums ist Ronja von Rönne ein durchschnittlicher Debütroman geglückt, dessen Lektüre bei weitem weniger sensationell ist als mancher vielleicht gehofft hat.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Im Mittelpunkt stehen Ich-Erzählerin Nora, Karl, Jonas, Leonie und ihre schweigende Tochter Emma-Lou. Die vier leben partnerschaftlich zusammen und verweigern sich mit dieser offenen Viererbeziehung plus Kind nicht nur der Eifersucht, sondern auch koventionellen Beziehungskonzepten. Jeder darf mit jedem von ihnen, vier gegen den Rest der Welt. Es ist eine Idee, die nicht ausschließlich jugendlicher Experimentierfreude entspringt, sondern auch minutiöser Vorsorge für den Fall, dass einer von ihnen ausschert. Selbst wenn das passiert, bleiben noch immer zwei, die entstandene Lücken schließen könnten. Nora weiß um den Schmerz, der durch Lücken und Abschiede entsteht. Als sie vom Tod ihrer aufmüpfigen und vom Leben wenig verwöhnten Jugendfreundin Maja hört, will sie es gar nicht glauben. Sie hält es für eine schlechte Pointe. „Solche Dinge haben wir immer abgesprochen“, scheibt sie in ein Notizbuch, das ihr Therapeut ihr aushändigt. Es sieht genauso aus wie das Buchcover. Maja ist eine, über deren Beerdigung man im Ort nicht ganz so traurig ist. Vor allem aber ist Maja eine, deren große Klappe und Furchtlosigkeit ihr die Hilfe vom Hals geschafft haben, die sie gebraucht hätte. Bei Nora zuhause wird bloß geschwiegen, mal freundlich und mal vorwurfsvoll.

Es muss die beste Feier aller Zeiten werden. Sie muss uns heilen.

Nora nimmt sich also für die „Pointe“ ihrer Freundin Urlaub von den zweifelhaften TV-Formaten, an denen sie beruflich beteiligt ist. Sie will – oder soll vielmehr – durch das Beschreiben ihrer Erlebnisse begreifen und loslassen. Weil urbanes Leben generell „over“ ist, wie Karl sagt, zieht die Vierertruppe mit Emma-Lou auf unbestimmte Zeit in ein Strandhaus, das schon Nora und Karl in ihrer vorangegangenen Zweierbeziehung gute Dienste geleistet hat. Dort leben sie, auf eine Wende in ihrem Leben wartend, von deren Gestalt sie keine Vorstellung haben. Sie zerstören ihre Handys und einen Laptop, um „frei“ zu sein, weil es das ist, was man sich heute unter Freiheit vorstellt. Umgehen können und wollen sie mit dieser Freiheit nicht, stattdessen trudeln sie ziellos durch die Tage. Schließlich entscheiden sie sich für eine große Party, weil Partys „immer gehen“, zu jeder Zeit. Irgendwas muss man ja tun. Die Party endet, wie so oft, mit einem großen Eklat, der die Scheinheiligkeit und das Provisorische und Verzweifelte ihrer Beziehung bloßlegt. Da sind nicht vier zusammen, die sich lieben, sondern vier, die vor den Alternativen Angst haben und sich für das geringste Übel in einer üblen Welt entschieden haben.

Ich wusste bei Leonie nie, ob sie darüber nachdachte, sich die Wimpern zu tuschen oder sich das Leben zu nehmen.

Von Rönne schreibt so abgeklärt über Gefühle als ob man sie durch eine Milchglasscheibe oder ein umgedrehtes Fernglas betrachtete. Kaum ein Gefühl, das ohne popkulturelle Referenz auskäme, kaum eine Betrachtung, die von Nora nicht so gönnerhaft beschrieben würde als ginge es sie nichts an. Unentwegt muss sie nicht nur ihre Gefühle in einen größeren Referenzrahmen einpassen, von Rönne lässt ihre Protagonistin auch überproportional viel erklären. Warum sie eine Feier brauchen (um ihnen die Gleichgültigkeit zu nehmen), wie sie sich danach fühlen werden, wie sie sich vorher gefühlt haben. Der ganze Roman ist durchzogen von einer ständig mittels Ironie gebrochenen Zivilisationsmüdigkeit. Alles ist so gleichgültig, so gewöhnlich, alles ist so anders als in all den Filmen, die wir benutzen, um unser Leben zu beschreiben. Und diese Zivilisationsmüdigkeit wird ausschließlich durch Posen erträglich, an einer Stelle heißt es gar: „Wir brauchen mehr Künstlichkeit“. Das scheint der Roman unentwegt zu brüllen: seht her, was uns all diese Forderungen nach Authentizität gebracht haben, so geht es nicht! Nun, ist man nach diesem Roman zu antworten versucht, auch durch Langeweile kaschierte Orientierungslosigkeit macht es nicht besser, nicht einfacher. Die Figuren bleiben leblos. Dazu hätte allein die kokette Ironie, mit der jede tiefere Aussage umkränzt ist, schon ausgereicht. Dass jedes Gefühl entweder erst durch eine Bedeutungsmaschine gewalzt werden muss oder im Vagen verbleibt, trägt sein Übriges dazu bei. Ronja von Rönne kann schreiben und verfügt über einen spitzen Humor. Mancher Seitenhieb auf die zeitweise verzärtelte, digitalisierte und moderne Selbstverwirklichungsgesellschaft trifft ins Schwarze, das allein aber trägt keinen Roman. Oder wenigstens diesen nicht. Verstünde man den Titel „Wir kommen“ als Drohung, müsste man sich bei diesen vier jungen Menschen wirklich keine Sorgen machen. Eine Bedrohung sind sie allenfalls für sich selbst – und selbst das könnte eine Pose sein.

"buchhandel.de/Ronja von Rönne: Wir kommen
Aufbau Verlag,
208 Seiten
18,95 €

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13 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Ronja von Rönne – Wir kommen – #Bücher

  2. Elsie sagt

    Aufbau war mal ein guter Verlag. So jemanden zu verlegen zeugt nur von Profitgier. Das ist jemand, den man gut vermarkten kann dank reißerischer Springer-Artikel. Mehr nicht.

  3. Fabian sagt

    Heyho!

    Bin direkt mal von Twitter hierher gerauscht, um mir deine Rezension durchzulesen. Kann ich im Grunde alles nur so unterschreiben.

  4. Danke für die aussagekröftige, fundierte Vorstellung! Ich war mir unsicher, ob ich den Roman anlesen will. Jetzt denke ich, es würde mich nur aufregen 😉 LG

  5. Chris sagt

    Die Kritik kann ich im Grunde unterschreiben. Aber sprachlich ist das Buch trotzdem top – und daher bleibt es bei allem Nicht-Vorhanden-Sein einer eingehenden Handlung lesenswert. Ohne zu viel zu verraten: es handelt sich ja um ein therapeutisches Tagebuch. Da muss man der psychisch erkrankten Erzählerin doch einen sehr gefühlsbetonten Stil zugestehen, oder?¿?

    • literaturen sagt

      Hallo Chris,

      sicher sind gute Sätze im Buch, das will ich nicht abstreiten. Ich gestehe der Autorin, bzw. der Erzählerin auch einen gefühlsbetonten Stil zu, darum geht es gar nicht. Sondern um das Abgeklärte, das ständig Ironische, die dauernden Erklärungen zu jedem Gefühl, überall gibt es einen Referenzrahmen, einen Film, ein Buch, dem man nacheifert oder das man bewusst untergräbt. Alles ist Pose. Das fand ich störend. Nicht das Gefühlsbetonte.

  6. „Aufbau“ ist glaube ich noch immer ein guter Verlag und mittelmäßig ist das Buch, glaube ich, nicht.
    Sensationell warhscheinlich auch nicht, denn was ist schon sensationell und damit wäre eine Vierundzwanzigjährige auch sehr überfordert, wenn das so wäre. Ich würde auch sagen, der Plot geht irgendwo in der Hälfte verloren, aber es sind Sätze drinnen, die die Psychologin in mir, wenn vielleicht auch nicht im positiv beruhigenden Sinn , aufhorchen und denken ließen, das ist eine junge Frau, die läuft angespannt und aufgezogen herum, aber die kann das Leben in seiner Grausamkeit beschreiben, daß man nur hoffen, kann, sie hat das jetzt erfunden und nicht wirklich so erlebt, liebe Grüße, sehen wir uns ins Leipzig?

    • literaturen sagt

      Dass Aufbau ein guter Verlag ist, habe ich auch nirgendwo in Frage gestellt. 🙂
      Mich stört der so dahinplätschernde Plot auch überhaupt nicht, sondern der Stil und die Art der Beschreibungen. Für mich funktioniert der Stil eben gut in Kolumnen, in kurzen und prägnanten Texten, nicht in einem Roman. Mal abgesehen davon, dass die Haltung des Romans für mich sehr anstrengend ist – aus oben genannten Gründen. Ich habe es als mittelmäßig empfunden, anderen hat es sehr gut gefallen.
      Vielleicht laufen wir uns in Leipzig ja über den Weg, ich bin terminlich schon relativ ausgebucht.
      Grüße

      • Konstantin sagt

        »Für mich funktioniert der Stil eben gut in Kolumnen, in kurzen und prägnanten Texten, nicht in einem Roman.«

        Das ist auch mein Eindruck, ein Eindruck den ich auch schon bei anderen Journalistinnen und Journalisten hatte, die meinen einen Roman veröffentlichen zu müssen. Im Fall hier, war es ja auch der Verlag, der ihr den Roman angetragen hat – bleibt also eher die Frage, wem man „den Vorwurf“ machen kann.

        Danke für deine Besprechung, ich werde mir das Lesen wohl sparen.

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