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Marion Brasch – Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot

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Nach der Lektüre von Marion Braschs neuem Roman kann man es nicht mehr verwunderlich finden, dass Godot in Samuel Becketts Theaterstück die wartenden Herren Wladimir und Estragon niemals erreicht. In herrlich sprachspielerischen und anarchischen Episoden des Flaneurs Godot finden sich zahlreiche Begründungen für seine Verspätung: u.a. niedergehende Werte, Plüschbären, Stimmverlust und ein gefährlicher Reißwolf.

„Das ist Godot. Woher ich das weiß? Keine Ahnung, es ist einfach so.“ heißt es zu Beginn eines Buches, das sich aller Ketten entledigt hat. Es gibt keine stringente Handlung, die auf ein Ziel gerichtet ist. Keine gute Botschaft, keine Moral, keinen literarisch verpackten Lehrsatz und erst recht nicht den Ernst und die kulturelle Schwere, die man dem Literarischen oft nachsagt. ,Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot‚ ist ein im besten Sinne anarchisches und experimentierfreudiges Stück Literatur, getragen und getrieben vor allem von einem feinen Sinn für Sprache und Assoziation. Godot mit Hut, gewandet in einen etwas abgetragenen Anzug, spaziert ziellos durch eine Welt, die mit allerlei Merkwürdigkeiten aufwartet. So regnet es tatsächlich Hunde und Katzen, bevor der Niedergang der Werte beginnt. Es wird endlich geklärt, wie Jesus zum Kreuz kam – wenn dabei auch unbeachtet bleiben muss, woher er den rechten Schuh eines Lackaffen hatte. Es gibt Gabelstapler, die Gabeln stapeln, einen gefährlichen Reißwolf, von dem Godot seine in einem Wahllokal abgegebene Stimme zurückverlangt und Menschen mit schmückenden Nahrungsketten.

Während Godot darüber nachsann, bügelte seine Mutter gerade ihr hübsches grünes Kleid mit den rosa Karos. Es war ihr Lieblingskleid, und sie bügelte es jeden Mittwoch, weil der Mittwoch ihr Lieblingstag war. Überhaupt mochte sie Dinge, die in der Mitte lagen. So trug sie ihr Haar am liebsten mittelbraun mit einem schönen Mittelscheitel, sie liebte Bücher über das Mittelalter, die sie allerdings bei der Hälfte aus der Hand legte, um einen kleinen Spaziergang am Mittellandkanal zu machen, wo sie sich wegen des windigen Wetters oft eine Mittelohrentzündung zuzog, von der sie sich später bei einem Urlaub am Mittelmeer erholte.

Marion Braschs Text, hervorragend illustriert von Matthias Friedrich Muecke, lebt von der Weigerung, irgendetwas ernst oder als gegeben hinzunehmen. Er spielt mit Redewendungen, biblischen Gleichnissen und Doppeldeutigkeiten, indem er bereits Bekanntes in neue Kontexte überträgt. Wenn Brasch von einem schreibt, der „seine Augenringe verlor“ hört man es bereits klimpern, wenn sie zu Boden fallen. Wenn es heißt, Godot nehme einen Martini aus der Hand eines Pudels, „der auf einer älteren Dame wohnte“, braucht es nicht viel Mühe, sich den symbiotischen Dame-Pudel-Zustand sehr bildhaft vorzustellen. Marion Brasch belebt die Sprache auf ihre ganz eigene Art, indem sie ihr neue Bedeutungen einhaucht und dadurch ganz neue Figuren schafft. So trifft Godot am Wegesrand auf einen „Wegweiser“ aus Fleisch und Blut, den er um Rat fragt. Godot lässt sich treiben und die Geschichte wie auch die Sprache treiben mit ihm. Es ist wie ein Traum, in dem die wildesten Dinge geschehen können, ohne, dass man sie für eine Sekunde in Zweifel zieht. Dieses surreale Element überträgt Marion Brasch in den Roman, in dem sich niemand darüber verwundert zeigt, dass in einem Waschsalon Geld gewaschen wird.

Ebenso unbemerkt blieb, dass er sich zwischendurch in ein Nilpferd verwandelte, dann in einen Regenschirm, zwei Wiener Würstchen, einen Elfenbeinturm, in dem er mehrere Jahre glücklich verbrachte, und zuletzt in seinen eigenen Kern, an dem er sich schließlich verschluckte.

Neben Godots Episoden werden kurze Geschichten von Würfelmolchen, Lackaffen, Teufeln eingestreut, die sich von Godot unbeachtet in einer alternativen Wirklichkeit abspielen. Wir alle bewohnen nur eine kleine Nische der Realität und zu jedem Zeitpunkt laufen unzählige Leben parallel zu unserem. Vielleicht versucht gerade jetzt irgendwo ein Teufel sich statt drei goldener Haare Autoreifen wachsen zu lassen. Womöglich existieren irgendwo tatsächlich zwei telepathische Chinesen, die von den Bedürfnissen und Wünschen des jeweils anderen in den Wahnsinn getrieben werden, eine menschliche Echokammer. Wir wissen all das nicht. Aber wir sollten offen dafür bleiben. Offen für Abweichungen, für Assoziationen, für das Abseits ausgetretener Bedeutungen. Marion Braschs Roman ist weit mehr als eine Fingerübung mit Wortwitz, sondern gleichzeitig auch ein unterhaltsames und charmantes Plädoyer für geistige Beweglichkeit. Witzig, verrückt und unberechenbar ist dieser neue Roman, der weder sich selbst noch seine Leser allzu ernst nehmen will.

Illustration von Matthias Friedrich Muecke

Illustration von Matthias Friedrich Muecke

"buchhandel.de/Marion Brasch: Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot
Voland & Quist,
160 Seiten
18,00 €

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