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Jon Ronson – So You’ve Been Publicly Shamed

Es zählt zu den großen Errungenschaften moderner Gesellschaften, dass sie den Pranger und öffentliche Auspeitschungen zugunsten eines dem Gesetz verpflichteten Rechtssystems abgeschafft haben. Wir sehen uns regelmäßig Gesellschaften überlegen, die drakonische Strafen wie diese noch immer anwenden. Verfehlungen werden in der Regel nicht mehr von einem wildgewordenen Mob gerächt, sondern je nach Schweregrad in einem Gerichtsverfahren verhandelt. Wenn sich überhaupt von  einem justiziablen Vergehen sprechen lässt und nicht von einem geschmacklosen Witz. Mit dem Aufkommen sozialer Medien allerdings hat etwas eingesetzt, das Jon Ronson in seinem Buch als die „Demokratisierung der Gerechtigkeit“ bezeichnet hat. Aber wie weit darf diese Demokratisierung gehen?

Tweet von Justine Sacco. Quelle: mobilegeeks.de

Tweet von Justine Sacco. Quelle: mobilegeeks.de

Ein dummer und gedankenloser Witz auf Twitter oder Facebook kann heute ein Leben für immer verändern. Manchmal genügt auch eine unbedachte Äußerung in der Öffentlichkeit oder ein albernes Foto, um von einer gigantischen Community weltweit abgestraft und zur Rechenschaft gezogen zu werden. Dafür braucht es keine große eigene Followerschaft, sondern im Zweifelsfalle nur einen aufmerksamen Multiplikator, dessen Urteil innerhalb von Sekundenschnelle tausende andere mobilisiert. Die Namen und Geschichten der Betroffenen sind selbst Jahre nach ihren Fehltritten problemlos auffindbar: sie heißen Justine Sacco, Jonah Lehrer, Lindsay Stone oder Mike Daisey. Jon Ronson begibt sich in seinem Buch auf die Suche nach den Ursachen, der Wirkung und der Dynamik von „public shaming“. Das Internet war einst ein Ort, der den gewöhnlich Machtlosen eine Stimme verlieh. Entweder, indem sie sich selbst zu Wort meldeten und gehört oder von anderen offensiv in ihrem Anliegen unterstützt wurden. Es war eine Welt, in der es, so der Anschein, gerechter zuging, demokratischer. Ihre Bewohner ließen sich nicht kaufen oder korrumpieren, sie blieben frei. Frei in ihrer Meinung und deren Äußerung. Welch enormen Einfluss soziale Medien mittlerweile im Hinblick auf sich entwickelnde Gruppendynamik  und Protestbewegungen haben, ließ sich in der Vergangenheit nicht nur im Zusammenhang mit der Arabischen Revolution beobachten, sondern gegenwärtig in Deutschland leider auch durch Pegida, AfD und ähnliche Gruppierungen. Das Internet und mit ihm soziale Netzwerke haben die Macht, Menschen zusammenzubringen und Menschen zu zerstören. Beides geschieht im Fall von „public shaming“. Es bringt die Ankläger in einer Art Echokammer der Selbstbestätigung zusammen und zerstört den Angeklagten.

„I can’t fully grasp the misconception that’s happening around the world.“, Justine said. „They’ve taken my name and my picture and have created this Justine Sacco that’s not me and have labelled this person a racist. I have this fear that if I were in a car accident tomorrow and lost my memory and came back and googled myself, that would be my new reality.“

Unter „public shaming“ ist vielleicht am ehesten ein medialer Pranger zu verstehen, an dem sich innerhalb kürzester Zeit dutzende Menschen versammeln, um den „Angeklagten“ abzustrafen. Das passiert durch Tweets, Facebookposts, Blogbeiträge und jede erdenkliche andere Form der Veröffentlichung. Oft zieht ein „public shaming“ in sozialen Netzwerken auch eine Verurteilung durch konventionelle Medien nach sich. Der Beschämte wird daraufhin an Leib und Leben bedroht, mit respektlosen und erniedrigenden E-Mails bombardiert, auf jede nur denkbare Art öffentlich gedemütigt und, falls er in einem Arbeitsverhältnis ist, vermutlich auch entlassen. Nicht selten auf Wunsch der rasenden Onlinegemeinde, die vermeintlich einem höheren und guten Zweck Genüge tut. Jon Ronson hat nicht nur mit Betroffenen gesprochen, sondern auch zu begreifen versucht, welche schier unaufhaltbare Dynamik hinter solchen Ausbrüchen steckt. Hinter Ausbrüchen, die nicht selten von durchschnittlichen, intelligenten und unauffälligen Menschen angefacht und verbreitet werden. Hinter Ausbrüchen, die mehr als einmal zum Suizid des öffentlich Beschämten geführt haben. Was bringt gebildete und gewöhnlich einigermaßen gutwillige Menschen dazu, im virtuellen Raum den Scheiterhaufen wiedereinzuführen? Wie verändert das Gefühl der Scham und öffentlichen Erniedrigung einen Menschen? Besteht die Möglichkeit, ein „public shaming“ unbeschadet zu überstehen?

The phrase ,misuse of privilege‘ was becoming a free pass to tear apart pretty much anybody we chose to. It was becoming a devalued term, and was making us lose  our capacity for empathy and for distinguishing between serious and unserious transgressions.

Er liest dafür Gustave Le Bons „Psychologie der Massen“, um der schlussendlich wenig haltbaren These auf den Grund zu gehen, dass jede Massenbewegung den Menschen die zivilisatorische Leiter abwärts steigen lässt. Er beschäftigt sich mit Philip Zimbardos Stanford Prison Experiment. Er besucht einen Kurs, der sich der radikalen Ehrlichkeit verschrieben hat und damit das Aufkommen von Scham im Keim zu ersticken versucht. Wo kein Geheimnis, da keine Scham, dass man entdeckt und bloßgestellt werden könnte. Er nimmt an einem Seminar für zukünftige Experten bei Gerichtsverhandlungen teil, denen von Vornherein Strategien vermittelt werden, sich gegen die Erniedrigung durch einen gegnerischen Anwalt zur Wehr zu setzen. Vor Gericht ist das Beschämen und Verunsichern akzeptierte und gängige Praxis. Er sieht sich Gefängnisprogramme an, die statt auf die Beschämung des Veurteilten auf Empathie und Menschlichkeit setzen und damit deutlich größere Erfolge erzielen. Und er gewährt Einblick in eine Firma, die eine ganz spezielle Dienstleistung anbietet. Während es in Europa mittlerweile das Recht auf Vergessenwerden gibt, gilt den Amerikanern ein solcher Eingriff in Suchmaschinenergebnisse als Zensur. Niemand sollte sich im Nachhinein aus seinen Fehlern herauslavieren können, indem die entsprechenden Nachweise schlicht bei Google de-indexiert werden. Hier kommen Anbieter wie reputation.com ins Spiel. Sie sorgen, strategisch geschickt, in einem längeren Prozess der Informationsverbreitung durch Blogs und Social Media Accounts für eine Verdrängung der missliebigen Schlagzeilen. Meistens auf die zweite oder dritte Seite der Google-Suchergebnisse. 89 % schenken der zweiten Seite bereits keine Aufmerksamkeit mehr.

The fact was, they weren’t brutal. We were brutal.

Ronson stellt nicht nur heraus, dass die Reaktionen unterschiedlich ausfallen (Männern wird eher mit dem Verlust ihres Jobs gedroht, Frauen häufig mit Vergewaltigung), abhängig vom Geschlecht des Beschämten, sondern auch, dass mittels der Beschämung eine Objektisierung stattfindet. Mike Daisey, ein Betroffener, findet gegenüber Jon Ronson drastische Worte für den Prozess der öffentlichen Erniedrigung:

It feels like they want an apology, but it’s a lie. (…) What they want is my destruction. What they want is for me to die. They will neyer say this because it’s to histrionic. But they never want to hear from me again for the rest of my life, and while they’re never hearing from me they have the right to use me as a cultural reference point whenever it services their ends. That’s how it would work out best for them. They would like me to never speak again. I’d never had the opportunity to be the object of hate before. The hard part isn’t the hate. It’s the object.“

Zu keinem Zeitpunkt stellt Ronson die Notwendigkeit in Frage, eine Verfehlung öffentlich zu machen, wenn sie eine deutliche Gefahr darstellt. So ist z.B. die Verbreitung von Onlinevideos über Polizeigewalt ausdrücklich nicht das, worauf er sich bezieht. Für ihn geht es um Verfehlungen, die in keinerlei Verhältnis zu der Lawine der Niedertracht stehen, die sie auslösen. Um jemanden vor Zerstörung und Verwundung zu schützen, wird ein anderer ohne eine Spur des schlechten Gewissens zerstört und verwundet, vermeintlich für die gute Sache. „It’s a SHAME“, muss ich an dieser Stelle sagen, dass dieses hellsichtige, hochintelligente und trotz aller Düsternis noch mit charmantem Witz durchzogene Sachbuch bisher nicht in deutscher Übersetzung erschienen ist. Ich sprechie hiermit eine unbedingte Leseempfehlung für ein aktuelles, durchdachtes und ungeheuer wichtiges Buch aus, dessen Aufforderung, Fackeln und Mistgabeln nur in äußerst ausgewählten Situationen in die Höhe zu recken, von möglichst vielen Menschen gehört werden sollte.

Jon Ronson ist ein walisischer Journalist, Dokumentarfilmer und Autor des Beststellers „The Men Who Stare At Goats„. Er beschäftigt sich in seinen Werken besonders mit Macht und sich verschiebenden Machtverhältnissen on- und offline.

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