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Gila Lustiger – Erschütterung

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Etwas über drei Monate sind seit den Pariser Terroranschlägen vom November 2015 vergangen, bei denen knapp 130 Menschen starben. Einer der Attentäter, Salah Abdeslam, ist nach wie vor auf der Flucht. In ihrem Essay „Erschütterung“ beleuchtet die Wahlpariserin Gila Lustiger die Ursprünge des Terrors. Was bringt im Westen sozialisierte junge Männer zu Taten wie diesen? Wo liegen politische Versäumnisse? Und kann man in Zukunft solche Katastrophen verhindern?

Nach Paris war Fassungslosigkeit. Lagen tiefe Trauer und trotziger „Jetzt erst recht“-Hedonismus nahe beieinander, zeigten sich gar als zwei Seiten derselben Medaille. Auch Gila Lustiger, Autorin und seit 1987 in Paris lebend, trafen die Anschläge tief und unvermittelt. In den Tagen unmittelbar danach kann sie, wie sie schreibt, kaum Abstand von den Nachrichten gewinnen. Sie liest alles, was zu den Anschlägen und den Attentätern veröffentlicht wird, ob wackelige Spekulation oder bestätigte Tatsache. Alles in der Hoffnung, durch mehr Informationen auch zu mehr Verständnis zu gelangen. Je mehr Fakten auf dem Tisch liegen, desto mehr kann man sich überzeugend einbilden, die Lage zu überblicken und die Ungeheuerlichkeit mit kühlem Sachverstand zu übertölpeln. Aber auch Gila Lustiger ist klar, dass das nur bis zu einem gewissen Grad gelingt. Die Frage nach den tieferen Zusammenhängen erfordert neben einer präzisen Analyse der Gegenwart oft auch einen Blick in die Vergangenheit. Was haben wir versäumt und warum? Nun zeigen sich im Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich bei genauer Betrachtung natürlich Unterschiede; sowohl betreffs der Mentalität wie auch der Gesellschaftsstruktur. Aber eben auch eine ganze Menge Gemeinsamkeiten. Lustigers Essay demonstriert eindrücklich, welche politischen Fehlentscheidungen auch Deutschland im Umgang mit der Flüchtlingskrise das Genick brechen könnten.

Wer in der Politik über Identität redet, bleibt immer allgemein und spricht vor allem vom Verlust. Auch eine gewiefte Strategin wie Marine Le Pen äußert sich zu diesem Thema im Scherenschnitt. Denn müsste sie mehrdimensionaler umgrenzen, was nach ihrer Auffassung die nationale Identität der Franzosen ausmacht, könnten sich Teile ihrer Wählerschaft ausgeschlossen fühlen. Madame Le Pen sagt nie, was die Grande Nation ist – höchstens ab und an einmal, was sie war, damals, in verklärten, glorreichen Zeiten – sondern vor allem, was Frankreich nicht sein soll: ein Land voller Frauen mit Kopftüchern und Männern mit muslimischen Bärten.

Bereits für ihren Roman Die Schuld der anderen ist Gila Lustiger in die berüchtigten Pariser Vororte, die Banlieues (banlieu von lat. bannum leucae „Bannmeile“), gefahren, um sich von den Zuständen dort selbst ein Bild zu machen. Es sind städtische Randbezirke mit hoher Kriminalitätsrate und Arbeitslosigkeit. Wer hier aufwächst, sieht sich von der Gesellschaft bereits ohne Chancen auf ein besseres Leben zurückgelassen. Schon 2005 gab es mehrtägige Krawalle in den Pariser Banlieues. Lustiger skizziert diese Unruhen, die sich seinerzeit hauptsächlich in Sachbeschädigungen und Brandstiftungen äußerten. Die Anschläge 2015 können nicht ohne 2005 gedacht werden, ohne das Versagen einer Politik, die findig in der Erschaffung neuer Begrifflichkeiten für die sozialen Brennpunkte ist. ZFU (Zones franches urbaines), ZUS (Zones urbaines sensibles), ZEP (Zones d’éducation prioritaire) – Kategorien sind schneller aus dem Hut gezaubert als Lösungen. Was bleibt, trotz von Aufbruchsstimmung durchzogener Umfirmierungen, ist Abschottung. Eine Abschottung, die in beide Richtungen Wirkung zeigt. Die begüterte Mittelschicht hält sich vom „Pöbel“ fern, die Banlieusards umgekehrt aber auch von den Zentren politischer Entscheidungsgewalt und des Wohlstands, der ihnen verwehrt ist. Nicht zu Unrecht weist Lustiger auf den Umstand hin, dass die Unruhen 2005 zu keinem Zeitpunkt über die Grenzen der Randbezirke hinausgingen. Revolution gegen „die da oben“? Mitnichten. Der Frust über mangelnde gesellschaftliche Teilhabe entlädt sich im unmittelbaren Umfeld, die Grenzen sind längst auch für die Revoltierenden zur Selbstverständlichkeit geworden. Angriffsziele sind für sie Bildungs – und Erziehungseinrichtungen in ihren Vierteln, nicht der Élysée-Palast.

Aber diese Namensgebungen (Anmerkung von mir: ZFU, ZUS, ZEP etc.) veranschaulichen nicht nur die Realitätsferne der Technokraten, sondern auch und vor allen Dingen eins: Der Umstand, dass soziale Ausgrenzung auch immer notgedrungen eine räumliche Ausgrenzung ist, wurde nie infrage gestellt. Der „Marshallplan“, den der französische Staat 1996 für die Banlieues entworfen hat, sah nichts anderes vor, als die Armen dort zu lassen, wo sie waren.

An Einblicken wie diesen lässt sich ablesen, wohin ein Deutschland sich entwickelt, das die Teilhabe der Migranten (konkret: Arbeit, Wohnung, Sozialleben und den Lebensmittelpunkt unter Einheimischen) mit allen Mitteln der Bürokratie verzögert und verhindert. Es bilden sich soziale Brandherde – man denke an den belgischen Stadtteil Molenbeek – mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, die mit der Gründung einer Begegnungsstätte oder eines Sportvereins schon längst nicht mehr zu befrieden sind. Der fanatisierte Islam ist, wie er sich in den letzten Jahren zeigt, nicht ausschließlich religiös zu erklären, in ihm spiegelt sich auch politisches Versagen. Und ein politisches Anliegen. Wer eine auf den Grundsätzen des radikalen Islam basierende Gesellschaftsordnung und die Abschaffung unserer Grundrechte fordert, hat, so Lustiger, auch und vor allem „eine politische Agenda“, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. Freilich bietet auch Lustiger keine endgültigen Antworten auf die drängenden Fragen von Terrorbekämpfung und Einwanderungspolitik. Auch sie verzweifelt an den Vorkommnissen von Köln, die eine sachliche und konstruktive Debatte auf lange Sicht noch erschweren. Aber sie bleibt offen und diskussionsbereit, bietet größere Zusammenhänge statt einfache Erklärungsmuster und legt auch eigene Zweifel und Unsicherheiten bloß, die andere mittels Dogmatismus beunruhigend einfach aus dem Weg räumen. Die Betrachtung französischer Zustände bietet Anknüpfungspunkte auch für eine deutsche Debatte. „Erschütterung“ ist ein kluges Zeitdokument, dessen bedachte Argumentation sich wohltuend vom populistischen Geschrei dieser Tage abhebt.

"buchhandel.de/Gila Lustiger: Erschütterung
Berlin Verlag,
160 Seiten
16,00 €

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2 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Gila Lustiger – Erschütterung – #Bücher

  2. Hardy Dilley sagt

    Ich habe gerade Gila Lustiger’s Buch „Die Schuld der Anderen“ gelesen.
    Und bin begeistert über ihren Schreibstil. Die Story ist packend und es gibt
    durchaus auch Paralellen zu Deutschland. Z.B. was sich bei uns gerade in der
    Agrarchemie tut, siehe das Geschäft mit dem Hunger seitens Bayer, BASF
    und Co. und den Einsatz der umstrittenen Wirkstoffe Glyphosat u.a., zum
    Schaden der Bevölkerung.

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