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Wolfgang Popp – Wüste Welt

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Mit „Die Verschwundenen“ präsentierte Wolfgang Popp im letzten Jahr vermutlich einen der originellsten Erzählbände des Jahres. Im Zentrum seines aktuellen Romans steht eine Bruderrivalität, die bis in die Wüste Marokkos führt. „Wüste Welt“ ist ein mystischer und ätherischer Roman, der sich streckenweise wie eine Fata Morgana anfühlt.

Sie sind Brüder, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Der eine so leidenschaftslos und kontrolliert wie ein Uhrwerk, rational und pragmatisch bis in die Haarspitzen. Der andere ein Abenteurer, eine Naturbegabung, ein dynamischer Jungspund, dem alles gelingt, was er anpackt. Und der selbst aus dem, was ihm misslingt, noch einen Vorteil für sich herausschlägt. In seiner Kindheit und Jugend wurde der Ältere von beiden stets vom Jüngeren überflügelt. Immer, wenn er glaubte, etwas nur für sich zu haben, wurde es nur kurze Zeit später vom hochbegabten Bruder vereinnahmt. Immer war dieser Bruder präsent, selbst wenn er nicht körperlich anwesend war. Als unerreichbarer Orientierungspunkt am Horizont, durch den die eigene Unzulänglichkeit nie auch nur für einen kurzen Moment außer Sicht gerät. Der Protagonist sagt sich von seinem Bruder los und baut sich ein Leben auf. Er wird – mehr zufällig und weniger aus Berufung – Sänger, zieht mit seiner Freundin zusammen. Bis er eines Tages von seinem Bruder eine SMS erhält, die der Beginn einer Suche markiert. Vorrangig nach dem Bruder in Marokko, aber genauso auch nach sich selbst außerhalb des brüderlichen Schattens.

Die Grenzbeamten im Flughafengebäude agieren mit einer abweisenden Ernsthaftigkeit. Jeder einzelne von ihnen ein Gott, schwer damit beschäftigt, die Welt am Laufen zu halten. Keine Ahnung haben die, dass mein Bruder derjenige ist, der macht, dass die Welt sich dreht. Und zwar um ihn und ausschließlich um ihn.

Alles, was der Protagonist im Laufe der Reise in der Hitze Marokkos erlebt, scheint wie eine flirrende Luftspiegelung, wie auf Wüstensand gebaut. Er wird von einer verschleierten Frau in eine Kellerbar gelockt, landet mit einer anderen Touristin im Hotelbett, verfolgt eine von Jasminduft umhüllte geisterhafte Erscheinung im Hotel und lässt sich von einer alten Frau und ihrem Hausdiener in einer abgelegenen Villa mit Obst und Rosenwasser bewirten. Schwer zu sagen, wie viel davon nur seinem überdrehten Geist entspringt. Vielleicht sind es der Schlafmangel, die Hitze oder die Durchfalltabletten, treibender Motor jedenfalls ist der nahezu ahabsche Wahn, den Bruder zu finden, ihn einmal zu überraschen, zu übertrumpfen. Er folgt kleinen Spuren, einer zerbrochenen Sonnenbrille und anderen Notizen, die ihm vermeintlich den Weg weisen. Sein Bruder erforscht Geistererscheinungen, sogar auf eine Austreibung von Dämonen lässt er sich ein, als die beiden sich schließlich begegnen.

Zum Singen muss man einfach mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen, und auf dem Stein der Vernunft steht es sich einfach besser als im Sand der Emotionen.

Dennoch sinkt der Protagonist, in Begleitung zweier Alt-Hippies, fortwährend tiefer im Sand der Emotionen ein und gibt sich ganz seiner Reise und den Begegnungen hin. Die Leere der Wüste und die Verlassenheit der Siedlungen tragen ihren Teil dazu bei. Popps Roman hätte in der Großstadt unweigerlich an Wirkung verloren, es braucht das Zurückgeworfensein auf sich selbst, die völlige Abwesenheit von Ablenkung. Sein Handy ist tagelang abgeschaltet, es stört ihn nicht. Zwar spielt ,Wüste Welt‘ geschickt mit Wahrnehmung und beschwört eine zwischenweltliche Atmosphäre, bleibt am Ende aber völlig offen. Keine Chance, diese marokkanische Twilight-Zone oder vielleicht bloß den überdrehten Geist eines Mannes zu verlassen, übrig bleibt Ungewissheit. Existiert sein Bruder tatsächlich? Was ist mit den zahllosen Hinweisen? Zufälle? Fügung? Mit dem Bruder wird auch eine alternative Perspektive zum Ur-Konkurrenzkonflikt angeboten, von der man sich mehr zu hören gewünscht hätte: der vermeintliche Überflieger brauchte den Bodenständigen, um sich an ihm zu orientieren. Popps Roman ist verschwommen wie flirrende Luft über heißen Straßenbelägen. Faszinierend uneindeutig, aber gerade deswegen auch nicht ganz rund. Zu interpretationsoffen. Die Brüder sind Stereotypen, exemplarisch für ihre Art, ansonsten aber schwer greifbar, eben weil sie etwas holzschnittartig geraten. Die Wahrnehmungsverwüstung des Protagonisten im heißen Sand führt nicht merklich zu einem Überdenken der Prioritäten: trotz allem steht sein Bruder im Mittelpunkt, auch wenn eine Aussöhnung und Annäherung stattgefunden hat. Das lässt am Sinn und Zweck der Reise zweifeln. Und somit auch ein bisschen am  Buch selbst.

"buchhandel.de/Wolfgang Popp: Wüste Welt
Edition Atelier,
160 Seiten
18,50 €

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