Rezensionen, Romane
Kommentare 5

Vendela Vida – Des Tauchers leere Kleider

Eine Frau reist nach Casablanca, um ihrem in Auflösung begriffenen Leben zu entkommen. Ihre Ehe steht vor dem Aus, eine Absprache mit ihrer Schwester hat sich wider Erwarten als Sprengstoff innerhalb der Geschwisterbeziehung erwiesen. Sie muss abschalten. In der flimmernden Hitze Marokkos aber wird sie wie fremdbestimmt in immer neue Umstände verwickelt, denen sie sich anpassen muss.

„Es gibt Phasen in der Evolution“, heißt es in einem Gespräch im Roman, „in denen manche Arten in ihrer Entwicklung stagnieren, weil es keine Notwendigkeit für Veränderung gibt. Aber dann, meistens aufgrund von Umweltveränderungen, müssen sie sich ganz schnell anpassen. So entstehen neue Arten.“  Auf geschickte Weise ist dieser Ausflug in die Evolutionstheorie auch eine Charakterisierung von Vendela Vidas windiger Protagonistin und ihres Aufenthalts in Casablanca. Bereits zu Beginn läuft nichts nach Plan. Beim Einchecken ins Hotel wird ihr der Rucksack mit allen wichtigen Dokumenten, ihrem Laptop und ihrem Geld geklaut. Die Ermittlungen laufen schleppend, die Hotelangestellten scheinen großteils nicht willens oder fähig, sich des Diebstahls anzunehmen. Als man sie endlich doch zu einer Polizeistation bringt, händigt man ihr dort einen falschen Rucksack aus, den sie samt der Papiere einer anderen an sich nimmt. Außerdem erhält sie vom diensthabenden Beamten ein Dokument mit offiziellem Stempel, das ihr kurz darauf abhanden kommt. Sie kann nicht mehr beweisen, dass sie sich den falschen Rucksack nicht widerrechtlich angeeignet, gar eine Straftat begangen hat.

Du bist so erschöpft, dass du gar nichts mehr sicher sagen kannst. Jede Geschichte scheint plausibler zu sein als deine eigene.

Der Zufall treibt die wildesten Spielereien mit der namenlosen Frau, die, man weiß es nicht genau, von ihren eigenen Spekulationen oder den widrigen Umständen in mehrere alternative Identitäten und Leben gedrängt wird. Sie muss sich anpassen, an neue Umweltbedingungen und schlägt sich wacker, indem sie immer wieder neue Arten von sich selbst entwickelt. Darin brilliert sie von Anfang an durch einen zupackend flexiblen Umgang mit Wahrheit. Vendela Vida, Frau von Dave Eggers und Herausgeberin von The Believer, spielt gekonnt mit Wahrnehmung, indem sie den Roman komplett in einer direkten Ansprache des Lesers abfasst und ihn dadurch zum Protagonisten macht. Unweigerlich wird der Leser vom bloßen Zuschauer zum Handelnden. Es ist nicht die Geschichte eines anderen, Vendela Vida macht es zur Geschichte eines jeden, der sie liest; die sich außerdem im Präsens gerade unmittelbar entfaltet und nicht längst vergangen ist. Diese Erzählperspektive baut Distanz ab. Sie entwickelt einen unwiderstehlichen Sog und zieht hinein in das staubige Land und die Befürchtungen dieser Frau. Nicht immer ist dabei klar, was nur einer überspannten Wahrnehmung entspringt und was real ist. Zeitweise wird der Roman gar von einer Bedrohungskulisse geprägt, die manchem Hitchcockfilm zur Ehre gereicht hätte (man denke nur an „Der Mann, der zuviel wusste“, auch das 1956er Remake spielt in Marokko). Hat man sich gegen sie verschworen? Hat man die Frau ermordet, deren Identität sie fälschlicherweise angenommen hat? Viel bedrohlicher als das, was der Roman tatsächlich sagt, scheinen die Andeutungen, die er macht. Die sich unweigerlich überschlagenden Ereignisse, die trotz ihres zufälligen Aufeinanderfolgens wie die Räder einer Maschine ineinandergreifen. So absurd alles ist, es scheint einer Logik zu folgen. Selbst als sie Licht-Double bei einem Film wird, der gerade in der Stadt gedreht wird, fügt es sich nahtlos ein.

Den Empfangsmitarbeitern des Hotels geht es vor allem darum, nicht mitangeklagt zu werden bei dieser Sache, in die sie, wie du nun glaubst, garantiert verwickelt waren. Du weißt nicht, wohin mit dieser Erkenntnis. Sollst du die Polizei informieren? Oder stecken Polizei und Hotel unter einer Decke?

Karoline von deep read* führt in ihrer Besprechung nicht zu Unrecht die Tatsache an, dass marokkanische Männer sowie das Land als solches äußerst negativ und fremd dargestellt werden. Kaum ein Einheimischer wirkt freundlich und aufgeschlossen, hier würden subtil Feindbilder untergeschoben und zementiert. Das ist eine bedenkenswerte Lesart. Für mich drücken sich allerdings in dieser Darstellung keine kulturellen Stereotype aus, sondern die überreizte Wahrnehmung der Protagonistin, die sich subjektiv deutlich häufiger bedroht fühlt als angebracht. Vidas Roman, der auf verschlungenen Pfaden auch an die Wurzel des Übels führt, ist intelligent komponiert und mitreißend geschrieben. Er ist packend im wahrsten Sinne dieses Wortes, denn er packt zu. Packt den Leser bei seiner gut einstudierten Passivität und enthebt ihn seiner bloßen Beobachterposition. Spannend, humorvoll und originell, dieses Buch ist ein kleines Glanzstück!

Weitere Rezensionen gibts bei *deep read und Die Buchbloggerin.

"buchhandel.de/Vendela Vida: Des Tauchers leere Kleider
Aus dem Amerikanischen von Monika Barck
aufbau Verlag,
252 Seiten
19,95 €

Bestellen bei:
Buchhandel.de

5 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Vendela Vida – Des Tauchers leere Kleider – #Bücher

  2. Liebe Sophie, dass du meine Lesart „bedenkenswert“ findest, bereitet mir wiederum Bedenken. Du schreibst: „Für mich drücken sich allerdings in dieser Darstellung keine kulturellen Stereotype aus, sondern die überreizte Wahrnehmung der Protagonistin, die sich subjektiv deutlich häufiger bedroht fühlt als angebracht.“ Das finde ich fast genauso schlimm, denn damit sagst du nichts anderes als: Die Frau ist überreizt und soll sich nicht so anstellen. Oder in anderen Worten: Die Männer im Buch vermitteln ihr nicht nur das Gefühl hysterisch zu sein, sondern sie ist es wirklich! Fakt ist aber, dass ihr kein einziges Mal Hilfe angeboten wird und sie vom Polizeichef einen fremden Pass ausgehändigt wird. Das bildet sie sich nicht ein, die Bedrohung im Roman ist also real. Was mich wieder auf meinen Punkt zurückführt: Die Autorin instrumentalisiert und inszeniert meiner Meinung nach den fremden, wilden Orient als Drohkulisse. Was ich gerade von einer Autorin, die sich sonst so politisch und liberal gibt, daneben finde. Denn nicht jeder Leser wird das als erzählerisches Mittel verstehen, sondern sie muss damit rechnen, dass einige Leser denken: Jau, die da im Nahen Osten sind alles Verbrecher!

    • literaturen sagt

      Liebe Karo,

      mit „bedenkenswert“ meine ich aber nicht bedenklich. Das ist klar, oder? Ich will mit dem, was ich geschrieben habe, nicht sagen, sie solle sich nicht so anstellen. Das war vielleicht missverständlich ausgedrückt. Ich halte es nur, auch angesichts der Erzählperspektive, für möglich, dass sie hilfsbereite Signale auch übersieht. Sie empfindet zwei Personen vom Filmset, die sie letztlich als Double engagieren, ja genauso bedrohlich wie viele Einheimische. Und über den Händler mit dem Makeup z.B. berichtet sie durchaus positiv.

      Dass ihr ein fremder Pass und Rucksack ausgehändigt wird, empfinde ich nicht als bedrohlich. Sie lässt ja auch zu keinem Zeitpunkt erkennen, dass das nicht ihre Sachen sind. Sie nimmt es so hin und erzählt uns, dass sie sich gleichsam auch dazu genötigt gefühlt habe, weil der Polizeichef sie sicher kein zweites Mal sehen wolle. Aber diese Wahrnehmung kann doch genauso fehlerhaft sein? Vielleicht hätte er sich ja länger ihres Falls angenommen, wenn sie gesagt hätte, dass es sich bei diesen Sachen nicht um ihre verlorenen handelt. Woher wissen wir das? Die Perspektive des Buches ist radikal subjektiv (mehrfach wird ja auch erwähnt, wie lange sie bereits nicht mehr richtig geschlafen hat). Und es gibt, siehe Polizeichef, meistens mehrere mögliche Deutungen für eine Situation.; wir erfahren aber immer nur eine. Ich habe nicht jede vermeintliche Bedrohungssituation im Roman als durch die Realität gedeckt empfunden – und das macht für mich gerade auch den Reiz des Ganzen aus.

      Es ist schon möglich, dass manche sich vom Roman in ihren rassistischen Vorurteilen bestätigt fühlen, allerdings entdecke ich tatsächlich nicht die große Steilvorlage, die du darin liest. Was ja interessant ist. Freut mich sehr, dass du darauf reagiert hast. Kommt hier mal Leben in die Kommentarbude!

      • Schon klar, dass mit „bedenkenswert“ nicht „bedenklich“ gemeint ist, aber ich fand das trotzdem etwas missverständlich. Auch klar, dass personelle Erzähler immer unzuverlässige Erzähler sind, aber ihre Perspektive ist nunmal die Realität des Romans und darüber hinaus gibt es zusätzliche Hinweise im Roman auf faktisch passierte Dinge, z.B. wörtliche Rede, die man dann als Leser natürlich entweder so oder so interpretieren kann.

        Dass sie die Filmleute ebenfalls als bedrohlich ansieht, kann man beispielsweise auch so deuten, dass sie bereits so eingeschüchtert, dass sie niemand „Fremden“ mehr traut – außerdem hat sie zu dem Zeitpunkt bereits allen Grund, Angst zu haben, schließlich hat sie Identitätsklau begangen.

        Genau die Tatsache, dass die Romanheldin es hinnimmt, dass ihr falscher Rucksack und Pass ausgehändigt werden und die Tatsache, dass du das als Leserin auch nicht bedrohlich findest, bestätigt aus meiner Sicht, was ich bereits in meiner Rezension geschrieben habe, nämlich, dass die Dinge im Roman suggerieren, sie seien ganz normal (das ist das, was ich mit „manipulativer Sprache“ meine). Denn es ist natürlich so, dass sie eine Wahl hat! Sie hätte sich wehren können! Vielleicht hätte sie sogar Hilfe vom Polizeichef bekommen! Aber sie tut NIX. Und das werfe ich nicht der Hauptfigur, sondern der Autorin vor. Klar, hätte das ihre Story nicht weitergebracht. Aber es ärgert mich, wie sie total überholte Rollenbilder und Machtverhältnisse benutzt, nicht durchbricht, sondern weiter in den Köpfen der Leser zementiert. Für mich ist das gerade eine „Steilvorlage“, weil es so subtil abläuft.

        Hach ja, endlich mal nicht einer Meinung sein, ist auch schön 😉

  3. Pingback: Rezension - Vendela Vida: "Des Tauchers leere Kleider" 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.