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Benedict Wells – Vom Ende der Einsamkeit

Knapp fünf Jahre ist es her, seit Benedict Wells, einer der jüngsten Autoren bei Diogenes, seinen letzten Roman veröffentlicht hat. „Fast genial“ war ein klassisches Roadmovie, ein jugendlicher Selbstfindungstrip mit Hindernissen, ein mitreißender und dynamischer Roman. Es ging ums Erwachsenwerden. Darum, trotz vieler Widrigkeiten zu sich selbst zu finden und dieses zerbrechliche Selbst wenigstens für einen Moment festzuhalten. So ähnlich ergeht es auch den Geschwistern in „Vom Ende der Einsamkeit“.

Sie sind eine normale Familie, bis ein Schicksalsschlag von einer Sekunde auf die andere die Karten neu mischt. Auf der Rückfahrt eines Ausflugs verunglücken die Eltern von Jules, Marty und Liz mit dem Auto tödlich. Die Kinder, die während des Unfalls nichtsahnend zuhause warteten, werden nun aufs Internat geschickt. Schon bei der Ankunft werden sie voneinander getrennt. Während Jules, Erzähler der Geschichte und eher introvertiert, von den Mitschülern eher zögerlich in die eigenen Reihen aufgenommen wird, schließen seine älteren Geschwister Freundschaften. Nicht immer die richtigen allerdings. Trotzdem die Trauer um ihre Eltern die drei verbinden müsste, driften sie immer weiter auseinander. Jules, früher geschätzter Klassenclown und beneidenswert frei von Angst, träumt vom Schreiben und verliebt sich in die rothaarige Alva. Marty widmet sich strebsam seiner Karriere. Liz begegnet den Wirren des Erwachsenwerdens mit Chemie, Alkohol und Aufmüpfigkeit. Die Ruhelosigkeit in ihr können auch regelmäßige Reisen ins fernere Ausland nur geringfügig dämpfen.

Das hier ist alles wie eine Saat. Das Internat, die Schule, was mit meinen Eltern passiert ist. Das alles wird in mir gesät, aber ich kann nicht sehen, was es aus mir macht. Erst wenn ich ein Erwachsener bin, kommt die Ernte, und dann ist es zu spät.

Jules versucht sich erfolglos als Fotograf. Auch sein Vater hatte fotografiert und ihm kurz vor seinem Tod eine Kamera geschenkt. Er sieht sich seinem Vater gegenüber in der Verantwortung, versucht ein Stück von ihm durch das Fotografieren zu erhalten, einen Streit wiedergutzumachen, der nie mehr beigelegt werden konnte. Marty ist erfolgreich im Management und kaschiert seine seelischen Unebenheiten mit nervösen Ticks und Zwangshandlungen, die ihn im Gleichgewicht halten. Liz heiratet überstürzt und fällt ins Bodenlose. Als Jules eines Tages wieder Kontakt zu Alva aufnimmt, die er selbst nach der Schulzeit zu vergessen außerstande war, beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Über einen Umweg finden beide schließlich zueinander und in diesem Beisammensein das erste Mal zu sich selbst und zur Ruhe. Eine tragende Rolle spielt dabei: der alternde Schriftsteller Alexander Nikolaj Romanow.

Als ich den Garten betrat, nickte ich meinem Bruder zu. Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind, dachte ich. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.

In seinem neuen Roman schöpft Benedict Wells aus den Vollen. Er erzählt nicht nur eine Lebens -, sondern auch eine Liebesgeschichte. Nicht nur von einem, sondern gleich von drei Schicksalsschlägen. Sie sind richtungsweisend in jeder Hinsicht, formen Jules‘ Leben und seinen Charakter. In einem Gespräch mit Alva formuliert er das tragende Fundament des Romans selbst: „Was wäre das Unveränderliche in dir? Das, was in jedem Leben gleich geblieben wäre, egal, welchen Verlauf es genommen hätte?“ Dieser Frage geht Benedict Wells in seinem Roman unermüdlich nach, er lotet Grenzen aus, unterzieht seine Charaktere, insbesondere Jules, harten Prüfungen. Gibt es etwas Unzerstörbares, einen Wesenskern in jedem Menschen? Oder sind wir sämtlich Opfer eines kontingenten Lebenslaufes, der uns wie ein Sturm mal in die eine, mal in die andere Richtung treibt? Die Frage ist nicht neu, gehört gar zu den klassischen Fragen der Philosophie und Anthropologie. Benedict Wells gelingt es, eine packende Geschichte um diesen Wesenskern des Buches herum zu konzipieren, die an einigen Stellen etwas überambitioniert wirkt. Es sind ungewöhnliche Lebensläufe. So lebt Jules gemeinsam mit Alva und ihrem Mann Romanow monatelang auf einem alten Chalet. Während der alte Mann jeden Tag Erinnerungen verliert, kehren für Jules und Alva die Erinnerungen an ihre Jugend zurück. Das Ende dieser fast etwas grotesken Episode auf dem Chalet grenzt ans Pathetische. Nichtsdestotrotz erzählt Benedict Wells, mit wenigen Abstrichen, eine einnehmende und mitreißende Geschichte. Eine Geschichte über die großen Themen und Fragen, über Verlust und Gewinn, Erinnerung und Vergessen. Und trotz schwieriger Fragen erzählt er sie leicht.

„Glaub mir, ich hab’s verdient, dass er mich verlassen hat.“ Fast spöttisch: „Jules, du siehst immer jemanden in mir, der ich nicht bin.“
„Nein, andersrum. Du bist jemand, den du nicht siehst.“

"buchhandel.de/Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit
Diogenes,
368 Seiten
22,00 €

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