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Anthony Doerr – Memory Wall

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Erinnerung ist nicht linear. Und sich zu erinnern, bedeutet nicht, einen Film chronologisch vor sich ablaufen zu sehen.  Oder ihn jederzeit bei Bedarf abrufen zu können. Erinnern ist eng an Kontexte und Emotionen geknüpft. Lösen die sich auf, verblassen auch Erinnerungen. So ergeht es der 74-jährigen Alma Konachek, die sich ihr vergangenes Leben nur noch mittels spezieller Kassetten ins Gedächtnis rufen kann.

Wer wir sind, wird wesentlich von dem beeinflusst, was wir erlebt haben und wie wir uns daran erinnern. Indem wir Erfahrungen sammeln, orientieren wir uns in einer komplexen Umwelt und erleichtern uns Entscheidungen. Wir erlangen Routine und verdanken es unserer Erinnerung, dass wir nicht jeden Tag auf’s Neue überlegen müssen, wie man ein Messer benutzt oder einen Fahrplan liest. Umso beängstigender ist der Zustand, in dem sämtliche Erinnerungen, ob sie nun persönliche Erlebnisse oder die Bewältigung des Alltags betreffen, in Auflösung begriffen sind. Alma Konachek ist dement und besucht mit ihrem langjährigen Pfleger Pheko regelmäßig eine medizinische Einrichtung, die sich gut auf das Konservieren von Erinnerung versteht. Durch eine Operation wurden ihr vier Ports in den Schädel implantiert, die mithilfe eines Stimulators und zahlloser Kassetten mit Einzelerinnerungen das Vergessen verlangsamen sollen. Bezeichnenderweise trägt der verantwortliche Arzt den klingenden Namen Dr. Amnesty. Erinnerungen zu verlieren, kann vereinzelt auch eine Begnadigung sein.

„Es gab Zeiten, in denen ich glücklich war, und andere, in denen ich es nicht war“, fährt Alma fort, „Wie alle Menschen. Zu sagen, jemand sei ein glücklicher Mensch oder ein unglücklicher Mensch, ist lächerlich. Wir sind in jeder Stunde tausend verschiedene Menschen.

Almas verstorbener Ehemann Harold entwickelte im Alter eine Leidenschaft für Fossilien, die Alma weder verstand noch billigte. Stunden brachte Harold im South African Museum oder der Karoo bei Kapstadt zu, voller Elan und Entdeckerlust, während Alma sich eher für die bequemlicheren Seiten des Alters interessiert. Bei einer seiner Touren erleidet Harold in Begleitung seiner Frau einen Herzinfarkt und stirbt. Nur Pheko kümmert sich danach noch um die alte Dame, die inmitten ihrer Kassetten den Überblick über ihr Leben zu behalten versucht. Es sind extrahierte Ausschnitte aus ihrem Gedächtnis, ungeordnet, verworren und willkürlich. Auf eine Erinnerung aber haben es zwei Außenstehende besonders abgesehen: Almas und Harolds letzter gemeinsamer Ausflug. Dort soll Harold ein seltenes Fossil entdeckt haben, mit dessen Verkauf Roger, einer der Männer, seine Schulden begleichen will. Er und sein Handlanger Luvo, ein Waisenjunge mit denselben Erinnerungsports wie Alma, brechen des Nachts wiederholt in Almas Haus ein und wühlen sich durch ihre aufgezeichnete Vergangenheit, auf der Suche nach der einen entscheidenden Frequenz.

Es war eine langsame Zersetzung, ein Leck. Siebzig Jahre Geschichten, fünfzig Jahre Ehe, vierzig Jahre Arbeit für Porter Immobilien, zu viele Häuser, Käufer und Verkäufer, um sie zu zählen – Bratenheber und Gabeln, Romane und Rezepte, Alpträume und Tagträume, Hallos und Goodbyes. Konnte das wirklich alles ausgelöscht werden?

Anthony Doerr, der für seinen Roman Alles Licht, das wir nicht sehen im letzten Jahr mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, spielt in Memory Wall das Thema „Erinnerung“ auf vielen verschiedenen Ebenen durch. Sei es, indem er den verstorbenen Harold nach Fossilien suchen lässt, die nichts anderes sind als versteinerte Erinnerungen an die ferne Vergangenheit. Sei es durch einen immer wieder beschworenen Sternenhimmel, an dem wir bekanntlich nur leuchten sehen, was schon lange der Vergangenheit angehört. Oder sei es in Gestalt des fünfzehnjährigen  Luvo, der sich an nichts vor der stümperhaften Implantation der Ports in seinem Schädel erinnert und erst durch Almas Erinnerungen gleichsam wie ein leeres Blatt beschrieben wird. Doerrs Sprache ist, ganz im Gegensatz zu manch verschwommener Erinnerung, gestochen scharf und sinnlich. Da sind die Autos „raubtierhaft“, Seiten wirbeln, Kassetten klappern, Reifen quietschen, Füße wispern über Böden. Alles um Alma herum scheint belebt und in Bewegung, während ihr Lebensradius immer weiter in sich zusammenschrumpft. Mit jeder verlorenen Erinnerung verliert Alma einen Teil von sich selbst. Doerr schreibt poetisch, verspielt, schießt dabei gelegentlich auch etwas über’s Ziel hinaus, wenn z.B. ein Windstoß durchs Fenster „hereinstreichelt“. Ist die Novelle anfangs noch auf Alma fokussiert, verliert sich ihre Spur und die Geschichte zerfasert in mehrere Nebenschauplätze. Das kann man zwar verkraften, insgesamt aber raubt es der Erzählung ein Gros ihrer Zugkraft. Letztlich ist Memory Wall eine hübsche kleine Geschichte über die Veränderlichkeit und Unbeständigkeit von Erinnerungen, die sich verschieben, überlagern und mit der Zeit wandeln. Diese Strukturen  spiegelt der Text selbst wider – das muss man mögen.

"buchhandel.de/Anthony Doerr: Memory Wall
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
C.H.Beck Verlag,
135 Seiten
14,95 €

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