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Alessandro Baricco – Mr. Gwyn

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Alessandro Baricco, in Deutschland besonders durch seinen 2007 verfilmten Roman „Seide“ bekannt, meldet sich nun mit einem neuen Roman zurück. „Mr. Gwyn“ jedoch krankt an einer platten und streckenweise kitschigen Geschichte und stilistischen Redundanzen, die das Lesen zu einer eher unangenehmen Angelegenheit machen. Insbesondere die Körperfülle einer seiner Protagonistinnen hat es ihm beim Schreiben angetan, sie zieht sich unerhört hartnäckig wie eine verräterische Spur durch den Roman.

Mr. Gwyn, ein anerkannter Autor, beschließt eines Tages aus ungeklärten Gründen sehr spontan, seine schreibende Tätigkeit einzustellen. Um sofort Nägel mit Köpfen zu machen, schreibt er an den Guardian eine Liste mit zweiundfünfzig Dingen, die er, Jasper Gwyn, nie mehr tun wolle. Darunter u.a.: sich mit der Hand am Kinn in nachdenklicher Pose fotografieren lassen und Bücher schreiben. Sein Verleger hält das zunächst für einen gelungenen PR-Coup, muss sich aber Stück für Stück mit der Realität anfreunden, dass sein Schützling künftig nicht mehr schreiben wird. Schon bald aber bemerkt Jasper, dass das Schreiben eine elementare Funktion in seinem Leben erfüllt hat. Ohne das Schreiben fühlt er sich leer, unbrauchbar. Er erleidet „Attacken“ der Desorientierung, aus denen ihn die Praktikantin seines Verlegers retten muss. Offensichtlich hat das Schreiben in ihm eine lebensnotwendige Balance hergestellt, die ihm nach seinem Entschluss abhanden gekommen ist. Nach dem Besuch einer Ausstellung, der mehr zufällig denn aus Leidenschaft für Kunst zustandekam, glaubt er, eine Lösung gefunden zu haben. Er wird keine Bücher mehr schreiben, sondern Porträts.

Und so musste Jasper Gwyn sich eingestehen, dass der Verzicht auf Bücher eine Leere erzeugt hatte, der er nicht anders zu begegnen wusste als mit dem Inszenieren unvollkommener, provisorischer Ersatzliturgien, wie im Geist Sätze zusammenzustellen oder sich mit der Langsamkeit eines Idioten die Schuhe zuzubinden.

Er will Porträts schreiben wie andere sie malen. Er will die Menschen durch seine Porträts „nach Hause bringen“. Was genau damit gemeint ist, wird im ganzen Buch kaum ersichtlich, es gibt kein Beispielporträt, das Jaspers kunstvolle Versprachlichung eines Menschen dem Leser erklärlich macht. Gwyn investiert viel Geld in ein heruntergekommenes Atelier mit Wasserschaden, lässt sich von einem Freund eine Collage aus unaufdringlichen Geräuschen komponieren und Glühbirnen anfertigen, die nach rund dreißig Tagen geräuschlos verglühen. So lange soll seine erste Testperson Modell sitzen, denn ob gelingt, was er sich vorstellt, ist ihm selbst nicht klar. Die zuerst Porträtierte darf nicht zu hübsch sein (denn seine Modelle sollen nackt sein, warum, weiß er auch nicht), weshalb seine Wahl auf Verlegerpraktikantin Rebecca fällt. Dass Rebecca dick ist, erfahren wir früh. Wie wichtig das offenbar Baricco ist, wird für den Leser erst nach einiger Zeit ersichtlich. Was folgt, sind ermüdende Anspielungen auf die Körperfülle der Frau, die gelegentlich gar vollkommen sinnlos ins Bösartige abdriften. Eine Auswahl:

Genau in dem Moment war im Waschsalon ein recht elegant gekleidetes, dickes Mädchen auf ihn zugekommen und hatte ihm ein Mobiltelefon gereicht. (S.22)

Er machte das Handy aus und winkte der dicken jungen Frau, die sich aus Höflichkeit ein paar Schritte entfernt hatte. Er bemerkte, dass ihr Gesicht sehr schön war, ansonsten hielt sie den Schaden mit geschickt gewählter Kleidung in Grenzen. (S.24)

Es endete damit, dass das dicke Mädchen das ganze Viertel mit dem Auto durchkämmen musste, bis es ihn fand. (S.31)

Als Jasper Gwyn in das Auto des dicken Mädchens gestiegen war, fühlte er sich schlagartig besser. Während er sich entschuldigte, konnte er den Blick nicht von ihren fleischigen Händen abwenden (…) (S.32)

Jasper Gwyn hatte sich überlegt, dass dieses Mädchen perfekt geeignet war. Er stellte sich vor,wie die rettungslose Schönheit ihres Gesichts ein Begehren weckte, das ihr Körper dann langsam, träge und gründlich widerlegte. (S.79)

„He, Jasper, haben wir etwa eine Schwäche für Pummelchen?“ (S.80)

Wie alle wirklich dicken Menschen rührte sie das Gebäck nicht an. (S.84)

Dann brachte sie Emma zur Schwiegermutter, einer sympathischen Frau, noch dicker als sie, die ihr ewig dankbar sein würde (…) (S.200)

Obwohl der Körper Rebeccas für den Verlauf der Geschichte keine tragende Rolle spielt, scheint es für Baricco unerlässlich, ihn und damit seine Unzulänglichkeit immer wieder in neuen Variationen zu erwähnen. Dicke sind also per se nicht begehrenswert und müssen den Schaden ihres Körpers durch geschickte Kleidung kaschieren, um ihren Mitmenschen mit ihrem Anblick nicht allzu sehr zur Last zu fallen. Gleichgültig, ob diese Seitenhiebe von Baricco beabsichtigt sind, humorvoll intendierte Verfehlungen darstellen oder Schlampereien des Lektorats – sie zu lesen ist ermüdend und ärgerlich. Gwyn beobachtet nun also künftig knapp dreißig Tage lang vier Stunden täglich nackte Menschen im Atelier. Er spricht nicht mit ihnen, nur zum Schluss ein paar Worte und fertigt ihr Porträt an. Oder: mehr eine Geschichte, die ihre Person widerspiegeln soll. Alle sind restlos begeistert und loben die „Erfahrung“, die sie gemacht hätten. Alle, bis auf ein renitentes Mädchen, das Jaspers Spiel nicht mitspielt, seinen Namen der Presse zuspielt und ihn damit zur Flucht zwingt. Mittels mehrerer Pseudonyme nimmt er später durch Geschichten, in die er Porträts montiert, nochmal Kontakt zu Rebecca auf, die ihn als Sekretärin unterstützt hat. Vermutlich versucht Baricco das Erkennen und Erkanntwerden zu thematisieren, wie es uns alle beeinflusst und prägt, umso mehr je verletzlicher wir uns zeigen. Diese Geschichte aber hat wenig Herzliches und Mitreißendes, stattdessen versammelt sie viele Andeutungen, die nie präzisiert werden. Die Figuren bleiben farblos. Jasper ist der geheimnisvolle Autor, der selbst nicht genau weiß, warum er Dinge tut, wie er sie tut. Sein Verleger ist konventionell aufs Geldverdienen aus und hat wenig Verständnis für Jaspers künstlerische Ambitionen, Rebecca ist dick und hat einen „Arschlochfreund“. Alle anderen Charaktere gleichen dem Flackern einer von Jaspers handgefertigten Glühbirnen. Ihr kurzes Auftauchen erlaubt keinerlei Rückschlüsse über sie.

Es gibt tatsächlich keinen guten Grund, diesen Roman zu lesen. Mittels eines durchschnittlichen Stils erzählt Baricco eine durchschnittliche Geschichte mit durchschnittlichen Charakteren und einer unausgereiften Idee, die bis zum Ende ein Mysterium bleibt. Im Roman taucht das fiktive Buch „Dreimal im Morgengrauen“ auf, das in dieser Ausgabe auf „Mr. Gwyn“ folgt. In Italien erschienen die drei kurzen Erzählungen separat, glücklicherweise bleibt uns im Deutschen seine solche „Zerstückelung“ erspart. Es bedeutet aber auch: viel haben diese Erzählungen nicht mit der Originalgeschichte zu tun, sie lehnen sich nur äußerst lose an sie an, indem sie Teil eines dort erwähnten fiktiven Werkes sind. Wenn man die Wahl hat, sollte man statt „Mr. Gwyn“ lieber ein gehaltvolleres, ein sympathischeres, ein packenderes Buch lesen und sich Ärger ersparen.

"buchhandel.de/Alessandro Baricco: Mr.Gwyn
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Hoffmann & Campe,
320 Seiten
22,00 €

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