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Abbas Khider im Interview!

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© Peter-Andreas Hassiepen

Mit seinem Roman „Ohrfeige“ hat Abbas Khider gewissermaßen den Roman der Stunde geschrieben. Im Mittelpunkt der Flüchtling Karim, der von Bürokratie und deutschem Asylsystem aufgerieben dem Land den Rücken kehrt. Aber nicht, ohne zuvor mit seiner Sachbearbeiterin von der Ausländerbehörde ein ernstes Wort zu sprechen. Ich habe unterdessen mit Abbas Khider ein paar Worte über persönliche Erfahrungen, die Stimmung in Deutschland und das Gefühl von Heimat gesprochen.

Abbas, sicher verfolgst du die gegenwärtigen Debatten rund um das Thema Asyl und Flüchtlinge. Wie erlebst du diese Diskussionen vor dem Hintergrund deiner eigenen Erfahrungen?

Ich glaube, wir beschäftigen uns zurzeit mit falschen Inhalten. Die Menschen, die hierher kommen, brauchen Sicherheit. Das ist die erste Phase der Integration. Natürlich ist es eine wichtige Phase, aber die zweite Phase der Integration ist härter, da geht es nicht nur um Sicherheit sondern um die Zukunft. Die Zukunft der einzelnen Personen, der Asylbewerber. In dieser zweiten Phase leben diese Menschen nur in Angst. Und ihre Ängste sind unbeschreiblich, verursacht durch das bürokratische Verwaltungssystem. In der ersten Phase der Integration können die Einheimischen helfen, auch einfache Menschen auf der Straße. Das haben wir auch gesehen in Deutschland, was ich großartig finde. Aber in der zweiten Phase kann den Asylanten nicht mehr so leicht geholfen werden. Da sitzen Beamte in den Behörden und rufen ihnen immer und immer wieder zu: „So ist da Gesetz!“ Sie sind für die Asylanten: Schicksalsgötter. Deswegen sage ich, wir beschäftigen uns mit falschen Debatten. Die Erfahrung zeigt uns, dass die meisten dieser Menschen keine Zukunft hier haben. Die meisten von ihnen werden schnellstmöglich abgeschoben, wenn die politischen Umstände sich in ihrer Heimat verändern.

Unterscheidet sich die öffentliche Stimmung in diesen Tagen und Monaten von der, die du um 2000 herum empfunden hast?

Es gibt natürlich Unterschiede. Aber im Ganzen hat sich nicht so viel geändert. Ich habe das Gefühl, in solchen Zeiten ist die Vernunft eine Fremde.

Karim, dem Protagonist deines Romans, gelingt es trotz all seiner Bemühungen in drei Jahren nicht, in Deutschland Fuß zu fassen. Der 11. September trägt dann maßgeblich zu seinem Scheitern bei. Wie ist es dir damals gelungen, nicht aufgerieben zu werden?

Kämpferisch oder außergewöhnlich war ich nicht und bin ich auch nicht. Ich war wie alle Asylbewerber. Ich hatte Probleme, mich im Winter zu akklimatisieren – und ich hatte auch Schwierigkeiten mich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, was vor allem am seelenlosen Verwaltungssystem lag. Aber eins steht fest. Ich war einer von den wenigen, die Glück gehabt haben. Es ist wie ein Lottospiel. Das Schicksal hatte gute Zahlen für mich angekreuzt.

© Carl Hanser Verlag

© Carl Hanser Verlag

Spätestens nach dem 11.September werden Karim und viele seiner Freunde unter Generalverdacht gestellt. Schon davor wird immer erst in den Asylunterkünften gesucht, wenn Diebstähle im Ort gemeldet werden. Erlebst du solche Situationen der Vorverurteilung auch, obwohl du schon länger und legal hier lebst?

Bevor ich die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen habe, habe ich mehrere Schikanen und Peinlichkeiten von den deutschen Behörden erlebt. Aber nach meiner Einbürgerung sind solche Fälle seltener geworden. Einmal im Jahr vielleicht.

Wenn ja, wie gehst du damit um?

Wie alle Menschen ärgere ich mich zuerst, versuche mich dagegen zu wehren, fange an lustiges Zeug zu sagen, manchmal mache ich Witze und wenn es nicht klappt, gehe ich zu einem Rechtsanwalt. Also, die Rechtsanwälte verdienen wirklich gut an unseren Migranten, das können Sie mir glauben. Dank unserer Behörden.

Wie wichtig war es dir, dass Karim nicht vornehmlich aus politischen Gründen aus dem Irak flieht?

Ziemlich wichtig. Ich wollte zeigen, dass es nicht nur die Schubladen politische und wirtschaftliche Flüchtlinge gibt. Es gibt unzählige Gründe, warum Menschen ihre Heimatländer verlassen.

Im Roman messen die Flüchtlinge die Attraktivität einer Stadt auch daran, wie hoch ihr Ausländeranteil ist. Berlin erscheint ihnen dabei besonders paradiesisch. Im Augenblick lebst du in Berlin – kannst du die Hoffnungen deiner Protagonisten bestätigen?

Ja. Ich kann nirgendwo anders leben in Deutschland, nur in Berlin. Hier kann ich mich frei bewegen und habe keine Angst ständig von Polizisten kontrolliert zu werden. Ich bin hier kein exotischer Affe, sondern ein normaler Mensch. Es spielt hier in Berlin eine Rolle was du machst – und nicht woher du kommst und welche Hautfarbe du hast.

Ist der Roman auch ein Versuch, besonders im Augenblick, die Erfahrungen von Flüchtlingen begreiflich zu machen? Ist er auch Reaktion oder wolltest du ihn ohnehin schon lange schreiben?

Knapp vier Jahre habe ich an diesem Roman gearbeitet. Ich wollte eine Parallelgesellschaft darstellen, die in der deutschen Literatur oft nur oberflächlich vorkommt und unbekannt ist. Ich wollte auch zeigen, wie die Menschen, die in dieser Parallelgesellschaft leben die andere Gesellschaft der Einheimischen sehen und betrachten. Literarisch und historisch war mir das Thema ziemlich wichtig. Deswegen habe ich das Buch geschrieben. Komischerweise kommt einem das jetzt alles aktuell vor. Aber das zeigt auch, dass sich nicht so viel in der Beziehung dieser beiden Gesellschaften geändert hat, von 2001 bis jetzt.

Was müsste sich, nur aus deiner Sicht, im Umgang mit Flüchtlingen verändern?

Sie benötigen nicht viel. Sie brauchen nur eine Vorstellung von der Zukunft in den Asylländern. Und noch etwas: Sie müssen als Menschen behandelt werden, weil sie Menschen sind. Auch vor dem Gesetz. Wenn das der Fall wäre, hätten wir bestimmt viel erreicht. Aber leider ist die Realität ganz anders.

Letztlich geht es im Roman auch um Heimat, darum, anzukommen. Was ist für dich heute Heimat und wo liegt sie?

Ein Glas Wein mit einer guten Freundin oder einem guten Freund. Das Lächeln eines Kindes. Ein gutes Buch. In vielen Dingen befindet sich ein Stück Heimat. Meine neue Heimat befindet sich in den Augen der Hoffnung.

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