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Yorck Kronenberg – Tage der Nacht

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Seit einem Einbruch in sein Haus ist Anton, ein pensionierter Literaturwissenschaftler, aus dem Takt geraten. Zwar sind weder seine Frau noch er ernstlich zu Schaden gekommen, doch dieser harte Einschnitt in seine alltägliche Routine hat Geister der Vergangenheit geweckt. In einem unheimlich dynamischen Erzählfluss überlagert Yorck Kronenberg Vergangenheit und Gegenwart, die gelegentlich fast nahtlos ineinander übergehen. Es ist eine packende Geschichte über das Suchen und Finden von Halt und Geborgenheit.

Anton schläft schlecht, seit mehrere Maskierte in sein Haus eingedrungen sind. Ständig ist er müde und voller Sorge, eigenartig abwesend und melancholisch. Während er spärlich bekleidet mit einem Messer am Hals auf einem Stuhl festgehalten wurde, führte einer der Einbrecher  seine Frau aus dem Zimmer. Und trotzdem keiner von beiden verletzt ist, hat dieser Einbruch, der nicht nur ein Eindringen in sein Haus, sondern vor allem in sein bis dato wohlgeordnetes Leben bedeutet, tiefe Spuren in ihm hinterlassen. Selbst nach Wochen spürt er das Gefühl der Ohnmacht, Hilflosigkeit und Schuld. Immer wieder muss seine Frau ihm versichern, dass er nicht anders hätte handeln können, ohne sie beide in noch ernstere Gefahr zu bringen. Beim Kaffeekränzchen mit Freunden nickt er ab, auf ihm liegt bleierne Erschöpfung, die noch so viele Stunden Schlaf nicht lindern können. Der Einbruch hat Gefühle wachgerufen, die ihn zum ersten Mal seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten, wieder in Kontakt mit seiner Vergangenheit bringen.

Auch die eigene Furcht war Anton fremd geworden, das Zittern der eigenen Füße auf dem Wollteppich, der ihm wie Stacheldraht vorkam, war ihm seltsam erschienen, komisch geradezu, er würde später darüber lachen. Hätte Anton den Maskierten umgebracht, wäre es nicht anders gewesen als jede andere neue Erfahrung, auch mit achtzig hat man vieles noch nicht erlebt.

Yorck Kronenbergs Roman oszilliert immer wieder zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Nachdem der Einbruch die Trennwand zwischen beiden Lebensabschnitten zum Einsturz gebracht hat, wird die Welt für Anton durchlässiger. Er erinnert sich an seine Eltern, den alkoholabhängigen und gelegentlich gewalttätigen Vater und seine hilflose Mutter, die seine Erniedrigungen zumeist schweigend erträgt. Es ist die Zeit des Nationalsozialismus, in der die politische Gesinnung einer Familie über deren Stand und Zukunft entscheidet. Antons Eltern sind keine Anhänger Hitlers und doch wird ihr Leben zunehmend von den Gegebenheiten überschattet. Antons Vater ist Musiker und muss nach einem Zwischenfall seine musikalische Karriere begraben. In der Schule fragt man Anton, was die Familie von Hitler hält. Unbedarft gibt er ehrlich Antwort und provoziert damit einen Besuch der Gestapo, die seinen wenig linientreuen Vater abführt und ihn mit der Mutter allein zurücklässt. Ohnmacht ist auch in seiner Kindheit ein bestimmendes Gefühl. Ohnmacht gegenüber den Gewalttätigkeiten des Vaters und Ohnmacht gegenüber des politischen Systems. Nicht verwunderlich also, dass der Einbruch alte Dämonen weckt. Er begibt sich auf einen Spaziergang ans Meer, um zur Ruhe zu kommen.

Drei Menschen bilden die kleinste Gemeinschaft der Gruppendynamik und Kollektivzwang überhaupt möglich sind. Die Familie, deren Teil Toni war – Vater, Mutter und Kind -, war hingegen schon früh keine Gemeinschaft mehr. Zu tief saß schon zu Beginn des Krieges das Misstrauen zwischen den Eltern.

Yorck Kronenbergs Roman ist wirkmächtig und voller Bewegung. In ihm verbinden sich viele Motive und Erzählungen zu einem Kaleidoskop der Zeiten, niemals steht er still. Den Wellenbewegungen des Meeres gleich begleitet der Leser Anton auf seinem Spaziergang am Wasser entlang, taucht gleichsam ein in seine Erinnerungen, die immer häufiger in die Gegenwart einbrechen. Seine Erinnerungen finden Entsprechung in der Natur, der inneren Bewegung steht eine äußere gegenüber. Außerdem flicht Kronenberg noch eine dritte Erzählung ein, die im kleinen Ort am Meer geradewegs zu einer Legende geworden ist. Sie handelt von der jungen Annie Tyler, die im neunzehnten Jahrhundert Tag um Tag am Rande einer Klippe auf ihren verschollenen Mann gewartet habe, der im Meer ertrunken sein soll. Sie gibt sich die Schuld, weil sie ihn zu seiner verhängnisvollen Fahrt gedrängt habe. Mit Fortschreiten der Erzählung ergeben sich Parallelen auch zu Antons Biographie und der seiner Eltern. „Tage der Nacht“ ist ein im besten Sinne engmaschiges Geflecht von Erlebnissen und Erinnerungen, die immer weiter ineinandergreifen. Kronenbergs Erzählen erzeugt eine Sogwirkung, die gleichermaßen für jeden Teil der Geschichte gilt. Anton setzt sich als Person Stück um Stück, Erinnerung um Erinnerung langsam wieder zusammen. Es gelingt ihm Frieden zu schließen mit weit zurückliegenden Nächten, die noch seine Gegenwart verdunkelt haben. Geschickt komponiert und arrangiert, lohnt sich dieser literarische Kampf mit den Brüchen eines Lebens.

"buchhandel.de/Yorck Kronenberg: Tage der Nacht
dtv Verlag,
256 Seiten
19,90 €

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