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Miranda July – Der erste fiese Typ

Miranda July hat sich als Autorin von Kurzgeschichten, Regisseurin, Schauspielerin und Performancekünstlerin längst einen Namen gemacht. Immer etwas versponnen und verspielt erzählt sie Geschichten von Beziehungen, dem Erwachsenwerden, von der Suche nach Identität und Sexualität. So auch in ihrem ersten Roman, der selbstbewusst mit allerlei Erwartungen und Klischees bricht.

Cheryl Glickman ist Mitte vierzig und auf den ersten Blick gut organisiert. Mithilfe eines ausgeklügelten Systems behält sie im Haushalt den Überblick. Gegessen wird direkt aus der Pfanne, der Gebrauch von Geschirr ist auf das Nötigste beschränkt. Was nicht da ist, lässt sich nicht turmhoch stapeln. Die Wäsche landet nicht auf dem berüchtigten Ablagestuhl, sondern direkt in der Waschmaschine. Wenn sie sich doch gezwungen sieht, Dinge in der Wohnung von A nach B zu tragen, bildet sie „Fahrgemeinschaften“. Sie verdient ihr Geld in einer gemeinnützigen Organisation, die sich, einst auf die Produktion von Selbstverteidigungsanleitungen für Frauen, heute weitgehend auf die Herstellung von Fitness-DVDs beschränkt. Zwar geht es noch immer lose um Selbstverteidigung, viel mehr aber darum, die damit einhergehende Bewegung für die körperliche Gesundheit und Fitness zu nutzen. Warum die Abwehr eines Überfalls nicht als Workout nutzen? Cheryls Idee findet reißenden Absatz.

Für den Bruchteil einer Sekunde nahm ich das für bare Münze – ich dachte, er würde mir gleich ein Verbrechen gestehen, einen Mord vielleicht. Dann wurde mir klar, dass wir alle glauben wir könnten schreckliche Menschen sein. Aber das offenbaren wir nur, bevor wir jemanden bitten, uns zu lieben. Es ist wie ausziehen.

Auch Cheryl ist sich ihrer selbst nicht sicher. Sie leidet unter einem globus hystericus, dem Gefühl einer Kugel im Hals, die starke Schluckbeschwerden verursacht. Diese Kugel schwillt besonders dann zu voller Größe an, wenn sie sich behaupten und für sich einstehen, wenn sie sich mit ihren Belangen und Gefühlen auseinandersetzen müsste. Heimlich verliebt in ihren über zwanzig Jahre älteren Arbeitskollegen Philip, lässt sie zu, dass er von ihr Absolution für eine Affäre zu einer Sechzehnjährigen erbittet. Darüber hinaus zieht die knapp zwanzigjährige Clee, Tochter zweier Arbeitskollegen, vorübergehend bei Cheryl ein. Ihr wohlorganisiertes Ordnungssystem kommt angesichts der jungen Frau vollständig zum Erliegen. Clee hält wenig von Körperhygiene, von einer begrenzten Tellernutzung oder vornehmer Zurückhaltung. Sie ist mit ihrem jugendlichen Nonkonformismus die Explosion, die Cheryls Verteidigungswall nachhaltig beschädigt. Was folgt, ist eine rasante Beziehung nicht nur auf verbaler, sondern auch auf körperlicher Ebene. Ein privater Fightclub, über den beide Stillschweigen bewahren. Ausgenommen die Minuten, die Cheryl bei ihrer Therapeutin Ruth-Anne zubringt.

Jahrelang hatte ich mich darauf getrimmt, meine eigene Dienerin zu sein, damit für mich gesorgt war, falls es einmal hart auf hart kam. Aber das Haus funktionierte nicht mehr so, wie es früher funktioniert hatte. Alle Teller waren in Gebrauch, und der allgemeinen Unordnung ließ sich auch mit Fahrgemeinschaften nicht mehr beikommen – nichts trennte mich mehr von einem Tierleben im Dreck.

Miranda July sprengt Fesseln, Klischees und Erwartungen. Die ihrer Protagonisten und die ihrer Leser. Als Cheryl und Clee im Radio „ihren Song“ festlegen wollen – als könnte es sich dabei um eine Wahl handeln, die man im vollen Bewusstsein ihrer Tragweite trifft -, handelt es sich dabei nicht etwa um einen eingängig tanzbaren Popsong, sondern um gregorianische Gesänge. Der Ordnung des Konventionellen setzt Miranda July komplizierte und ungewöhnliche Beziehungen entgegen. Beziehungen vor allem, die streitbar sind, uneindeutig. Am Ende suchen sie alle nach dem, was sie wirklich erfüllt, nach einem Hafen, der sie auch beschädigt mit offenen Armen empfängt, als die, die sie wirklich sind. Sie, abzüglich aller Verrenkungen, die sie sich nur um der anderen willen aufbürden. Selbst Cheryls Therapeutin zwängt sich im Rahmen eines vermeintlichen „Erwachsenenspiels“ mit einem befreundeten Arzt in eine Rolle. Hauptsächlich, um zu gefallen. Aus einem Spiel wird schnell Ernst, wenn es aus den falschen Beweggründen gespielt wird. Julys Frauenfiguren sind, trotzdem sie sich nicht vollständig von den Erwartungen gelöst haben, die man an sie stellt, starke Charaktere, an denen nicht zuerst das Äußere interessiert. Sie haben Fußpilz, zwanghafte Sexfantasien und keine Scheu, neue Wege einzuschlagen, wenn sie sich ergeben. Auch wenn das bedeutet, als lesbisches Liebespaar ein Baby großzuziehen. „Der erste fiese Typ“ ist garantiert kitschfrei, witzig, ohne albern zu sein und ziemlich skurril. Die spielerisch-übersprudelnde Kreativität Miranda Julys ist auch in diesem ersten Roman greifbar, der trotz oder vielleicht auch gerade wegen seiner Verrücktheiten einen ganz eigenen Sog entfaltet.

"buchhandel.de/Miranda July: Der erste fiese Typ
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs
Kiepenheuer & Witsch,
336 Seiten
19,99 €

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PS: Für alle Netflix-User unter euch – seit kurzem kann man sich dort Miranda Julys Film The Future ansehen.

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