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Emmanuel Carrère – Amok

Emmanuel Carrère ist ein brillanter Geschichtenerzähler. Vor allem deshalb, weil seine Geschichten keine fiktiven sind. Für ihn bietet das Leben selbst genug Stoff, in den er sich unumwunden einbezieht. Das tut er, wenn er von einem sowjetischen Polit-Abenteurer („Limonow„) spricht, von Sterblichkeit („Alles ist wahr„) oder vom Glauben („Das Reich Gottes„, erscheint im März bei Matthes & Seitz). Carrère ist aufrichtig interessiert an allem Menschlichen – und schließt sich zu jedem Zeitpunkt in seine Beobachtungen ein. So auch in „Amok“.

Amok, das im Original eigentlich L’Adversaire heißt, Der Widersacher, erschien bereits 2001. Zum jetzigen Zeitpunkt (Februar 2016) ist es ausschließlich antiquarisch erhältlich, aber es wäre nicht verwunderlich, würde ein Verlag wie Matthes & Seitz, bei dem viele seiner Werke auf Deutsch erscheinen, sich zu einer Neuauflage entschließen. Die Geschichte, die Carrère in diesem Bericht niederschreibt, ist nahezu unglaublich. Könnte man sich nicht verlässlich ihres Wahrheitsgehalts versichern, wäre man versucht, an einen nicht besonders realistischen Kriminalroman zu denken. Im Mittelpunkt steht Jean-Claude Romand, der am 09.Januar 1993 seine Frau, seine Kinder und seine Eltern tötet, nachdem er sie achtzehn Jahre lang in dem Glauben belassen hatte, er arbeite in einer hochrangigen Funktion bei der WHO. Romand galt als freundlich, unauffällig, vielleicht etwas zurückhaltend. In den Jahren seines spektakulären Doppellebens gab es selten Situationen, in denen die Gefahr einer Enttarnung bestanden hätte. Das ist etwas, das man sich in der perfekt vernetzten, digitalen Welt von heute nicht mehr so recht vorstellen kann. Romand bestand gegenüber seiner Frau Florence auf eine strikte Trennung zwischen Beruf und Privatleben. Nie rief sie ihn in seinem vermeintlichen Büro an, das war so zwischen ihnen abgesprochen. Sie akzeptierte es, ohne sich viel dabei zu denken. Etwaige Zweifel bei seiner Frau oder guten Bekannten haben nie ein Ausmaß angenommen, das sie Nachforschungen über den Wahrheitsgehalt von Romands Erzählungen anstellen ließ.

Ich begriff, dass er sich von mir mehr erhoffte als von seinen Psychiatern und Anwälten: Ich sollte ihm und der Welt seine Geschichte begreiflich machen. Es war mir ein bisschen mulmig zumute, aber schließlich hatte nicht er sich an mich, sondern ich mich an ihn gewandt, weshalb ich mich nun verpflichtet fühlte, die Konsequenzen dieses Schrittes zu tragen.

Während er vermeintlich zur Arbeit oder zu Verhandlungen und Kongressen ins Ausland fährt, sitzt er stattdessen in seinem Wagen auf Autobahnraststätten oder in Hotels in Flughafen – und Bahnhofsnähe. Die Mitbringsel von seinen Reisen besorgt er im dortigen Souvenirshop. Um finanziell über die Runden zu kommen, erleichtert er zunächst Familienmitglieder um größere Summen, die er angeblich bei der Bank für sie anlegt. Niemand misstraut ihm. Erst als er auch das Geld seiner Geliebten für seine Zwecke nutzt und die etwas von ihren Ersparnissen zurückverlangt, gerät er in Erklärungsnöte, die schließlich zur Eskalation führen. Seine Geldquellen versiegen und er sieht sich mit dem Rücken zur Wand nur noch in der Lage, seine Familie auszulöschen. Emmanuel Carrère korrespondiert über längere Zeit mit Romand, ist bei der Gerichtsverhandlung anwesend und versucht, diesem ungeheuerlichen Verbrechen und seiner Entstehungsgeschichte nachzuspüren. Am Ende steht keine nüchterne Berichterstattung, sondern die subjektive Verarbeitung des Falls, wie Carrère ihn im Laufe seiner Recherchen erlebt. Er und seine Bedenken sind zu jedem Zeitpunkt des Buches präsent. Wie ist es überhaupt möglich, eine solche Geschichte zu erzählen? Kann man sie nüchtern erzählen, unbeteiligt? Aus welcher Perspektive blickt man am besten auf Geschehnisse wie diese? Carrère entscheidet sich, wie auch in seinen späteren Büchern, überwiegend für seine eigene. Abgesehen von einzelnen Passagen erlebter Gedankenrede, die Romands Erwägungen und die seiner Wegbegleiter fassbar machen. Er lässt sich nicht vereinnahmen und ergreift für niemanden Partei. Er hadert und zweifelt und spart diese Erfahrungen nicht aus.

Das Problem war nur, dass er, selbst wenn er Geld hätte, nicht wüsste, was er mit diesem Leben anfangen sollte. Aus der Haut des Dr. Romand zu schlüpfen, würde bedeuten, keine Haut mehr zu haben. Er wäre mehr als nackt, gleichsam entrindet.

„Amok“ erzählt vom Unbegreiflichen und seinem Entstehen. Niemals reißerisch oder sensationslüstern, sondern menschlich, faktengestützt. So beginnt Romands Lügenkarriere bereits lange bevor die Tragödie des Fünffachmordes der größten Lüge von allen ein Ende setzt. In bester Manier des Tatsachenromans begibt sich Carrère auf die Spuren eines Mannes, dessen Geschichte über die Jahre Pate für manche Krimiserie gestanden hat. Nicole Garcia verfilmte Carrères Bericht 2002 unter dem Originaltitel „L’adversaire„. Es folgten Bühnenfassungen, und Falladaptionen für Serien wie CSI und die BBC-Krimiserie Waking The Dead. Romands Fall fasziniert die Gemüter noch Jahrzehnte später. Vermutlich auch, weil er nicht das Monster ist, das wir erwarten. Weil hinter Normalität und Erfolg schließlich ein Abgrund zutage getreten ist, dessen Ausmaß mit Worten schwer zu fassen ist. Freilich beantwortet Carrère nicht die vielstrapazierte Frage nach dem Warum. Aber er entschlüsselt anhand Romands Lebensgeschichte und seiner eigenen Gedanken dazu auf packende Weise das Wie.

Emmanuel Carrère: Amok, aus dem Französischen von Irmengard Gabler, Fischer Verlag, 192 Seiten, 9783596156900, erhältlich zum Beispiel hier oder hier.

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