Literaturmagazine
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EDIT

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Die Leipziger Literaturzeitschrift EDIT darf bereits auf eine lange Geschichte zurückblicken. 1993 mit dem gleichnamigen Verein zur Unterstützung junger, deutsprachiger Literatur von Katrin Dorm gegründet, gehört sie seitdem als eines der profiliertesten und renommiertesten Literaturmagazine unverbrüchlich zur Literaturszene. Dreimal jährlich flattert die EDIT gewöhnlich ins Haus und gewährt einen Blick in die junge Literaturszene. Ob Prosa, Lyrik oder Drama, – abgesehen von Qualität sind keine engen Grenzen gesetzt. Auch für Erstübersetzungen und Essayistik macht die EDIT sich stark. Das wiederum gipfelte in einem Essaypreis, der 2012 ausgelobt und seitdem jährlich vergeben wird. So liest man in der aktuellen Ausgabe 68 zum Beispiel einen hochinteressanten Essay von Thorsten Krämer, der seit zehn Jahren Offtexte für’s Fernsehen schreibt. Oft für „Das perfekte Dinner“, mehrheitlich im Auftrag des Privatfernsehens. Er gibt Einblick in eine ganz andere Art des Schreibens, die sich entlang der eng gesetzten Deadlines und einer bereits visuell bereitstehenden „Handlung“ entfaltet, sofern das in diesem Zusammenhang ein passendes Wort ist. Er räumt mit einigen Vorurteilen über das Fernsehen auf, seine Sicht ist erfrischend und undogmatisch. Dasselbe kann man von der EDIT insgesamt sagen, die in den nunmehr dreiundzwanzig Jahren ihres Bestehens einige große Autoren unter wechselnder Herausgeberschaft für einen Beitrag gewinnen konnte. Als Herausgeber waren, neben Jörn Dege und Matthias Zeiske, die gegenwärtig damit betraut sind, bekannte Größen des Literaturbetriebs am Werk: Jo Lendle, Jana Hensel, Franziska Gerstenberg und Jörg Schieke, um nur ein paar zu nennen.

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2002 wurde die EDIT mit dem Calwer-Hermann-Hesse Preis ausgezeichnet (so übrigens auch die Kollegen von Am Erker), der alle zwei Jahre im Wechsel jeweils an eine(n) Übersetzer(in) und eine Literaturzeitschrift vergeben wird. Leipzig ist als Stadt wie geschaffen für ein Literaturmagazin. Nicht nur ist es „Austragungsort“ einer der zwei jährlich stattfindenden Buchmessen, es ist auch Standort des Deutschen Literaturinstituts, das neben dem Hildesheimer Studiengang ,Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus‘ als Talentschmiede für junge, ambitionierte Literaten gilt. Hier laufen Fäden der deutschen Literaturszene zusammen. Und EDIT ist genau der Ballungsraum dieser jungen Szene. Viele AutorInnen, die dort veröffentlicht werden, bringen es zu etwas. Einem Roman, einem Gedichtband, größerer Bekanntheit, Erfolg bei Feuilleton und Leserschaft. Aber nicht nur junge Talente nutzen das Magazin für erste Erfahrungen auf dem literarischen Parkett, immer wieder gelingt es den Machern auch, namhafte Autoren für einen Gastbeitrag zu gewinnen. Marcel Beyer, Sibylle Berg, Kathrin Röggla oder Jenny Erpenbeck haben für sie geschrieben. Jan Brandt (mit seinem „Berliner Journal“), Heike Geissler, Ursula Krechel und Danilo Scholz. Einfacher wäre es wahrscheinlich, danach zu fragen, wer sich in der EDIT noch nicht zu Wort gemeldet hat. Auch Entwicklungen in der Sparte der Digitalverlage verfolgen die Verantwortlichen mit Interesse und der notwendigen Neugier. So ist in der aktuellen Ausgabe ein Text von Assaf Alassaf („Abu Jürgen„), in einer älteren einer von Aboud Saeed („Der klügste Mensch im Facebook„, „Lebensgroßer Newsticker„) zu lesen. Beide veröffentlichten bereits beim Berliner Digitalverlag mikrotext.

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EDIT zeichnet eine Neugier und Frische in Verbindung mit einer Geschmackssicherheit aus, die als glaubwürdiges Qualitätsurteil durchgeht. Man wagt etwas, übersetzt (politische) Essays auch aus anderen Sprachen und bildet eine Vielseitigkeit ab, die inspirierend und so gar nicht kulturpessimistisch ist. Auch wenn es immer wieder mehr oder weniger gerechtfertigte Debatten über den Stellenwert junger, deutscher Literatur, über ihre Blutleere und Erfahrungsarmut gibt, lohnt sich ein Blick in die EDIT. Mit gewöhnlich über hundert Seiten und einer professionellen Gestaltung lädt sie äußerst überzeugend dazu ein, sich mit ihr für einige Stunden in die Stille zurückzuziehen und den Blick schweifen zu lassen. Es ist gut und schön, Bücher bekannter Autoren zu lesen. Noch schöner ist es fast, Unbekannte zu entdecken und den eigenen literarischen Radius zu vergrößern. Für die Illustration und visuelle Gestaltung abseits der Texte zeichnen außerdem wechselnde Künstler verantwortlich; die Werke reichen von der klassischen Zeichnung bis zur Fotocollage. Erlaubt ist eben nicht nur, was möglichst vielen gefällt. Erlaubt ist, was erzählt. Von bekannten Dingen auf unbekannte Weise und von Unbekanntem so offen und einladend wie möglich.

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Bei Spector Books erscheint unter der Schirmherrschaft von EDIT seit 2014 außerdem die Buchreihe ,Volte‚: für „neue Literatur mit Formbewusstsein, Haltung, Witz“, wie es auf der Homepage heißt. Unter den Veröffentlichten sind u.a. Heike Geissler, die mit ihrer Erfahrung als Saisonarbeiterin bei amazon einen sehr klugen und kompromisslosen Text über Selbstausbeutung geschrieben hat und Wolfram Lotz, der mit seinen Theaterstücken innerhalb der Szene schon länger Eindruck macht. 2015 erhielt er den Nestroy-Theaterpreis für sein Stück Die lächerliche Finsternis. EDIT ist stetig am Puls einer gut vernetzten und verschlungenen Literaturszene, die abseits des Mainstreams existiert. Das hat sie einerseits ihrer vorteilhaften Lage, andererseits aber auch ihrer Offenheit und Professionalität zu verdanken. Man wehrt sich hier beharrlich gegen das Einrosten, das Festhalten an konventionellen und überkommenen Arbeitsweisen. Dafür spricht auch der stete Rotationswechsel der Herausgeber. Nach geraumer Zeit gibt es immer einen Wandel der Perspektiven, der Prioritäten, der Vorlieben und Wahrnehmungen. Ein solches Vorgehen verhindert nachhaltig diese ganz bestimmte Gemütlichkeit, die sich nach längerer Zeit des erfolgreichen Bestehens manchmal einstellt. Lange Rede, kurzer Sinn: wer sich mit deutschen Literaturmagazinen beschäftigen möchte – und warum sollte man eigentlich nicht? -, der kommt an der EDIT nicht vorbei. Glücklicherweise!

EDIT im Web

Facebook: EDIT , Twitter: @editmagazin, Instagram: editmagazine, Homepage: www.editonline.de

Preis: pro Ausgabe 5 €, Bezugsorte

2 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] EDIT – #Bücher

  2. Ich kann mich noch an die ersten Ausgaben und die damit verbundenen Leseveranstaltungen erinnern. Wie die Zeit vergeht…

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