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David Garnett – Dame zu Fuchs

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Bereits 1952 schon einmal im Rowohlt Verlag als „Meine Frau die Füchsin“ veröffentlicht, geriet David Garnetts kafkaeske Erzählung schließich wieder in Vergessenheit. Ebenso wie David Garnett, geboren 1892, Buchhändler und Verleger. Die Handlung ist schnell zusammengefasst: als die frisch vermählten Mr. und Mrs. Tebrick eines Tages in einem Wäldchen spazierengehen, verwandelt sich Mrs. Tebrick unerwartet in einen Füchsin. Das stellt ihr Zusammenleben und ihre Liebe auf eine harte Probe.

David Garnett hatte eine Vorliebe für Geschichten mit Tieren. In „A Man In The Zoo“ erzählt er von einem Mann, der sich im Tierpark ausstellen lässt. Sein Erstlingswerk jedoch ist das enigmatische Kleinod „Lady Into Fox“, das erstmals 1922 veröffentlicht wurde. Es erzählt von dem Ehepaar Tebrick, dessen Ehe durch die Verwandlung von Mrs. Tebrick in ihren Grundfesten erschüttert wird. Ihr Fuchswerden geschieht plötzlich, grundlos, völlig unerwartet. Zwar sei ihr Name vor der Hochzeit Fox gewesen, darüber hinaus habe aber nicht das Geringste auf ein solches Schicksal hingewiesen. Benimmt sich Mrs. Tebrick zunächst noch sehr menschlich – sie lässt sich einparfümieren, ankleiden, isst am Tisch und verweigert das Gehen auf vier Beinen -, brechen die animalischen Triebe in ihr im Laufe der Zeit immer deutlicher hervor. Sie schläft nicht mehr im Bett, verweigert das Ankleiden und Bürsten, isst unter dem Tisch und reißt einen Hasen, den Mr. Tebrick ihr vor die Nase gesetzt hat, um sie zu testen. Zu testen, wie viel Frau und wie viel Mensch noch in ihr steckt. Er wird bitter enttäuscht und kann sie doch nicht loslassen.

Aber die eigenartige Begebenheit, von der hier die Rede ist, kam allein, von selbst und unbegleitet in eine feindselige Welt, und genau aus diesem Grund erregte sie unter den Menschen keine größere Aufmerksamkeit.

Was folgt, sind quälende Wochen der Annäherung und Abstoßung. Mrs. Tebrick verliert Stück für Stück ihre menschlichen Eigenschaften und scheint darunter deutlich weniger zu leiden als noch zu Beginn. Sie fügt sich in ihr Schicksal, während ihr Mann noch immer an ihr festhält, wie sie war. Aber auch durch seine Zivilisiertheit brechen mit der Zeit tierische Impulse, sowohl aus Trauer wie auch aus Gewohnheit. Wenn er seiner Frau, an deren Gestalt er sich mühsam gewöhnt, nahe sein will, muss er ihr entgegenkommen, muss er wie sie werden. Nachdem er ihr die Freiheit geschenkt hat, lebt auch er selbst freier. Er schläft im Wald nahe des Fuchsbaus, bricht den Kontakt zu seinen Mitmenschen ab. Die halten sich ohnehin schon länger von ihm fern, weil sie seine Geschichte über den Verbleib Mrs. Tebricks nicht recht glauben und ihn für einen Verrückten halten. Garnett endet u.a. mit der Feststellung: jedoch bestand nun kein Zweifel mehr, dass seine Nachbarn recht daran getan hatten, ihn einen Irren zu nennen, obwohl er als Erzähler durchweg von der Wahrhaftigkeit dieser Geschichte überzeugt ist, was er mehrfach betont.

Wie sehr du dich auch verändern magst, meine Liebe verändert sich nicht.

David Garnett erzählt vor dem Hintergrund einer elementaren Verwandlung von Liebe und Abhängigkeit. Zwar ist Mr. Tebrick ohne Umschweife bereit, die Verwandlung seiner Frau zu akzeptieren, jedoch immer unter der Prämisse, dass ausschließlich ihre äußere Gestalt, nicht ihr Inneres sich verändert. Als er feststellt, dass mit dem Wandel der Gestalt auch ein innerer Wandel einhergeht – von Mensch zu Tier -, wird er panisch, wütend, besitzergreifend. Er versucht gar, mit ihr Abmachungen zu treffen und wütet, als sie sich diesen Abmachungen widersetzt. Garnett ist ein guter Erzähler, der nah am Geschehen die Zuspitzung der Lage verfolgt, hin und wieder auch erläuternd eingreift. Er erzählt als er selbst und hält sich, wie er sagt, nur an das, was tatsächlich geschehen ist. Den nachbarschaftlichen Klatsch spart er aus. „Dame zu Fuchs“ ist ein märchenhaftes und eigenartiges Buch, das ausgehend von einer unglaublichen Begebenheit in einer „feindseligen Welt“ Fragen an den Leser richtet. Was ist Liebe? Wie weit geht sie? Wohin führt sie? Auf welcher Basis können Menschen überhaupt zusammenleben, ohne sich gegenseitig in ihrer Natur zu behindern? Auch wenn Garnett diese Fragen freilich nicht restlos beantwortet, spielt er sie exemplarisch am Beispiel der Tebricks durch. Was wir mit den Antworten anfangen, die die Erzählung uns liefert, ist uns überlassen.

"buchhandel.de/David Garnett: Dame zu Fuchs
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch
Dörlemann Verlag,
180 Seiten
17,00 €

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3 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] David Garnett – Dame zu Fuchs – #Bücher

  2. Ja, Du bringst es auf den Punkt: Das ist ein eigenartiges Buch. Es hat mir sehr gefallen, ich war hin und her gerissen, mal amüsiert, dann wieder gerührt. Für mich ist es auch ein Buch der Überraschungen: erst die Umwandlung, dann diese konstante Hingabe und Fürsorge und schließlich diese Toleranz gegenüber der Fuchsfamilie, mit der ich nicht gerechnet habe. Viele Grüße

  3. Herr Hund sagt

    Manche Wahrheiten werden besser erzählt als erklärt. Die in diesem Buch ist so eine. Und sie ist auf’s Schönste erzählt, so wenig angenehm die Wahrheit selbst auch ist.
    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

    P.S. Ausnehmend gute Besprechung.

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