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Arthur Schnitzler – Später Ruhm

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Eduard Saxberger hat vor gut dreißig Jahren einen Gedichtband geschrieben, der von der Öffentlichkeit weitgehend unbeeindruckt zur Kenntnis genommen worden ist. „Die Wanderungen“ gerieten, wie ihr Verfasser, in Vergessenheit, bevor sie überhaupt so richtig bemerkt werden konnten. Saxberger wird Beamter und verwirft eine schriftstellerische Laufbahn, bis eines Tages ein junger Mann vor seiner Tür steht, der sich als glühender Verehrer seines Frühwerkes herausstellt.

*Rezension enthält Spoiler

Unter dem Scheitern seines frühen Lebenstraumes hat Eduard Saxberger nie besonders gelitten. Zwar hat er seine Gedichte in der Jugend mit einiger Verve verfasst, allerdings blieben sie auch seine einzige Veröffentlichung. Er führt ein einfaches Junggesellendasein, trifft sich regelmäßig mit seinen Freunden in einer Gastwirtschaft zum Billard und verschwendet darüber hinaus keinen Gedanken mehr an seine längst begrabene Dichterkarriere. Als eines Tages aber Wolfgang Meier vor seiner Tür steht, der vor lauter Inbrunst und Ehrerbietigkeit nahezu durch seine Wohnung vibriert, ändert sich einiges. Meier lädt ihn zu seinem Dichterstammtisch ein. Deren Mitglieder würden Saxberger allesamt bewundern und über sein Kommen sicher hocherfreut sein. Der Alte lässt sich überreden und tritt ein in den Kreis des Vereins, der sich nur „Begeisterung“ nennt. Begeistert sind die jungen Herren vorallendingen von sich selbst, obwohl oder gerade weil sie unter dem Radar der Meinungsmacher und des Mainstreams verschwinden. Sie schreiben hervorragend, bloß kennt sie niemand! Das ist gleichzeitig Auszeichnung und Ablehnung. Eduard Saxberger, der trotz aller vermeintlichen Genialität ein Lied davon zu singen weiß, nicht bemerkt zu werden, wird ihr Schutzpatron. Der Mann, zu dem sie alle aufblicken.

Er hatte geschaffen und suchte die Anerkennung, die ihm bisher versagt geblieben. Nun hatte er sie ja wenigstens zum Teil gefunden, und zu einer Zeit, da er fast vergessen hatte, dass er ihrer würdig wäre. Nun aber konnte er doch nicht mehr daran zweifeln, und wenn er, wie es jetzt manchmal geschah, in seinen Dichtungen blätterte, da verweilte er selbst bei einem oder dem anderen Gedichte mit einer gewissen Rührung und begann sich zu wundern, dass die Welt an diesen Versen so achtlos vorübergegangen.

Die Bewunderung der anderen beginnt auf Saxberger abzufärben. Er glaubt jetzt selbst, tatsächlich zeit seines Lebens ein genialischer Poet gewesen zu sein, der sich wegen der Banausenhaftigkeit öffentlicher Wahrnehmung zum Beamtentum verdammt sehen musste. Die jungen Dichter beschließen, einen Vortragsabend zu organisieren, um sich Gehör zu verschaffen. Saxberger soll zu diesem Anlass ein neues Gedicht verfassen, das die exzentrische Gelegenheitsschauspielerein Ludwiga Gasteiner angemessen leidenschaftlich rezitieren wird. Unbedarft stimmt Saxberger zu, bis er bemerkt, dass er vollkommen unfähig ist, auch nur einen Vers zu Papier zu bringen. Die von Arthur Schnitzler sehr unmittelbar stockenden Passagen der erlebten Gedankenrede lassen eine Schreibblockade zu einer nahezu körperlichen Erfahrung werden. Unstete springende Sinneswahrnehmung oder ewig kreisende Grübelei um ein einziges Wort, Saxberger kriegt nichts zu fassen. Beim Vortragsabend wird schließlich ein Gedicht aus den „Wanderungen“ zum Besten gegeben, der Applaus bleibt verhalten, aber, so glaubt er, womöglich bestätigend, bewundernd. Bis er jemanden aus dem Publikum „armer Teufel“ sagen hört.

Und wie er die Worte „armer Teufel“ immer wieder in seinen Ohren klingen hörte, nahmen sie einen immer traurigeren, mitleidsvolleren Ausdruck an … Tränen rannen ihm über die Wangen, aber er wusste es: es war nicht Rührung über seinen Erfolg – nein, es war ein quälender Schmerz, der Zorn über die unbegreiflichen Worte irgendeines Unbekannten, den er nie finden würde.

Diese Worte sind der Anfang vom Ende. Das ambitionierte Dichterkollektiv zerbricht letztlich an seiner Eitelkeit, seinem Hang zur Phrase, zum vermeintlich künstlerischen Palaver. Dabei sprechen sie deutlich mehr darüber, unter welchen Umständen sie am besten schreiben und welche skurillen Angewohnheiten sie haben als über irgendetwas Inhaltliches. Sie sind weit mehr damit beschäftigt, ihr Künstlerdasein wie eine Rolle auszufüllen statt Kunst zu schaffen. Kunst, die nicht erst durch ihr funkelndes Gewand und den Nachdruck des Künstlers dazu gemacht wird. Arthur Schnitzlers Novelle ist komödiantisch und besonders treffsicher im Ausloten solcher Belanglosigkeiten. Es stellt sich gar heraus, dass all die, die Saxberger so lautstark bewunderten, seine „Wanderungen“ gar nicht gelesen haben. Nach einigen Wochen des Höhenflugs muss auch Saxberger auf den Boden der Tatsachen zurückkehren. „Später Ruhm“, bereits im Frühjahr 1894 entstanden, fristete lange unentdeckt sein Dasein im Nachlass Arthur Schnitzlers, 2014 wurde es erstmals veröffentlicht. Die Novelle beweist einen feinen psychologischen Blick und ein humoristisches Gespür. Beides lässt die Wandlung vom Unbekannten zum fälschlich Unerkannten nicht nur komisch, sondern auch emotional nachvollziehbar erscheinen. „Später Ruhm“ ist ein wundervolles Kleinod klassischer Literatur, dessen Spitzen nichts an Schärfe eingebüßt haben.

"buchhandel.de/Arthur Schnitzler: Später Ruhm
Piper,
160 Seiten
8,99 €

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Oben abgebildet ist noch die Hardcover-Ausgabe aus dem Hause Zsolnay & Deuticke.

10 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Arthur Schnitzler – Später Ruhm – #Bücher

  2. Danke für die massiven Spoiler. Ich wollte das Buch noch lesen, das kann ich mir jetzt wohl sparen. Eigentlich habe ich eine Rezension erwartet und keine Nacherzählung.

    • literaturen sagt

      Nun, für mich ist das kein Spannungsroman, bei dem ich das Lesevergnügen daraus ziehe, dass ich nicht weiß, wie es ausgeht. Es ist ein Roman, bei dem ich mich an der Sprache erfreue, den genauen Beobachtungen, dem subtilen Witz. Nicht daran, dass ich nicht weiß, was als nächstes passiert. Aber es tut mir natürlich leid, wenn dich das jetzt davon abbringt, ein gutes Buch zu lesen.

          • Soll ich jetzt etwa begeistert sein, dass du mir ein Buch verdorben hast? Und das, bevor ich es gelesen habe? Dankbarkeit kann man bei solchen Fällen wohl kaum erwarten

            Bei sowas schreibt man normalerweise eine Spoilerwarnung an den Anfang. Dann kann jeder für sich entscheiden, ob er weiterlesen möchte oder nicht.

            Es ist ein Roman, bei dem ich mich an der Sprache erfreue, den genauen Beobachtungen, dem subtilen Witz. Nicht daran, dass ich nicht weiß, was als nächstes passiert.

            Ja, für dich… . Ich gehöre zu den Lesern, die nicht schon die komplette Handlung + Ausgang wissen wollen. Die gibt es auch.

            Letztendlich braucht man darüber nicht zu diskutieren, der Schaden ist eh angerichtet und ich kann das Buch ungelesen bei Tauschticket einstellen. Immerhin habe ich Zeit gespart, die ich andersweitig verwenden kann.

        • Georg Königer sagt

          wie kann eine Nomandenseele an einer Inhaltsangabe scheitern???..ich denk ich bin im falschen Film….wer bei Schnitzler auf ein happy end hofft kann denke ich lange warten!…also kommt es nicht darauf an wie es ausgeht sonder wieso es so ausgeht!!..also kein Grund sich ein Buch verderben zu lassen …unabhängig von der Frage wer eigentlich jemanden zwingt eine Buchkritik zu Ende zu lesen bei der er fürchten muss er könne erfahren was er nicht wissen möchte???…..also bitte::: FRIEDEN

  3. literaturen sagt

    Nein, du sollst nicht begeistert sein und ich verstehe auch deinen Ärger. Mir ist schon bewusst, dass manche sehr allergisch auf Spoiler reagieren. Deshalb musst du dennoch nicht so derart zickig reagieren. Offensichtlich haben wir unterschiedliche Erwartungen und Herangehensweisen in diesem Fall – ich möchte ,Don Quijote‘ auch noch lesen, obwohl ich genügend darüber weiß. Dass es mir leid tut, dass du das Buch nun nicht mehr lesen möchtest, war im Übrigen ernst gemeint. Nichtsdestotrotz gibt es einen Unterschied zwischen „Schade, dass ich jetzt keine Lust mehr habe, das Buch zu lesen, das war mir viel zu viel Inhalt“ oder „Vielen Dank auch, dass du mir das Buch verdorben hast, ganz toll, Gratulation!“.

    • Es hat nicht mit zickig zu tun, wenn du mir meine Lektüre, und anderen Leser vermutlich ebenfalls, verdirbst und ich darüber verärgert bin.

      • literaturen sagt

        Lassen wir es gut sein, du verstehst nicht, was ich meine. Das ist ja nicht die erste Diskussion, die wir über deinen Tonfall führen. Ich habe mich entschuldigt, werde dem Text eine Spoilerwarnung voranstellen und damit hat es sich dann auch jetzt.

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