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Andrea Gerk – Lesen als Medizin

Als LeserIn weiß man um die heilende Wirkung von Literatur. Sie erlaubt es nicht nur, Abstand von unliebsamen Gegebenheiten zu nehmen und in fremde Welten einzutauchen, mit ihrer Hilfe können wir auch aus uns selbst heraustreten. Uns und andere von außen betrachten, Neues kennenlernen, von Erfahrungen profitieren, die wir gar nicht selbst gemacht haben. Mit ,Lesen als Medizin‘ ist Andrea Gerk nicht nur ein Loblied auf das Lesen, sondern eine kleine Kulturgeschichte des Lesens als etwas gelungen, das großen Anteil an der Besserung, Gesundung und Menschwerdung hat.

Lesen ist nicht einfach bloß eine Freizeitbeschäftigung. Die Kraft, die mit der Lektüre guter Literatur verbunden ist, kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, auch kulturgeschichtlich betrachtet. Durch das Lesen und Erzählen verleihen wir einem kontingenten Leben Struktur und Sinn, indem in einer Erzählung zumeist das eine logisch auf das andere folgt. Das ist die Chance, aber auch die Herausforderung des Erzählens. Wir, die wir Geschichten hören und lieben, tun das aus vielerlei Gründen. Einerseits natürlich, weil sie uns einen Fluchtweg bahnen aus dem Alltag, einen Rückzugsort bieten, an den uns niemand so einfach folgen kann. Literatur aber auf ihren bloßen eskapistischen Wert hin zu beurteilen, verkennt in nahezu unverantwortlichem Ausmaß, was sie darüber hinaus noch sein kann. Ein Spiegel, in dem wir uns selbst entdecken. Eine Perspektive, aus der wir die Dinge noch nie betrachtet, ein Leben, das wir so nie geführt haben. Kaum ein Medium erlaubt uns mittels Erzählperspektive tiefere Einblicke in die Gedankenwelt eines anderen – mag dieser andere auch fiktiv sein. Literatur thematisiert Probleme und Möglichkeiten, sie zu lösen. Indem uns immer wieder ganz unterschiedliche Figuren und Geschichten begegnen, erweitern wir unseren Horizont, schulen wir unsere Empathie und unsere Fähigkeiten, uns in andere hineinzuversetzen. Worte haben Macht, weit über den kurzen Moment hinaus und bereits lange bevor das Lesen von Romanen gesellschaftlich akzeptiert war.

Schon die kultischen Handlungen, Beschwörungen und Opferriten vieler primitiver Kulturen waren von dem Glauben an eine magische Energie und Kraft bestimmter Worte getragen. Über der sagenhaften Bibliothek von Alexandria prangte der Schriftzug psychēs Iatreion (Heilstätte der Seele). Der griechische Gott Apollon gilt als Gott der Poesie und Heilkunst.

Andrea Gerk untersucht nun in ihrem Buch die Kulturgeschichte des Lesens im Hinblick auf die heilende Kraft, die ihm zugesprochen wurde. Begonnen mit erbaulicher religiöser Lektüre, die man dem Kranken empfahl bishin zu bibliotherapeutischen Maßnahmen im Jugendstrafvollzug von heute. Gerk besucht selbst ein Seminar, in dem man sich zum Bibliotherapeuten ausbilden lassen kann und lässt sich von Ella Berthoud (bekannt durch „Die Romantherapie„) ein eigens auf sie zugeschnittenes Leserezept ausstellen. Sie begleitet die Bibliotheksleiterin der Berliner Charité auf ihrem Rundgang zu den Patienten, die nicht mobil genug sind, um die Bibliothek selbst aufzusuchen. Auch im Jugendstrafvollzug wird gelegentlich die Beschäftigung mit literarischen Werken verordnet, zumeist in der Hoffnung, das Mitgefühl mit anderen zu stärken und sich Problemen der Jugendlichen anzunähern, die manch ein Autor deutlich besser in Worte fassen kann als sie selbst. Wer hat es noch nicht erlebt, dass er in einem Buch einen Abschnitt gelesen hat, der in nahezu beängstigender Weise die eigenen Gefühle ausdrückt? Allein diese Erfahrung allein kann schon hilfreich sein und den Rücken stärken. In einem brasilianischen Hochsicherheitsgefängnis können Inhaftierte ihre Haftzeit durch Lesen verkürzen, jedes gelesene Buch verspricht vier Tage weniger Haft.

Seit Mai 2013 kann man sich in England gegen leichte bis mittelschwere Depressionen Bücher vom Arzt verschreiben lassen. Mit dem Rezept geht der Patient dann nicht in die Apotheke, sondern in die Stastbibliothek. Die Aktion trägt den Titel ,Reading Well: Books on Prescription‘ und ist ein Gemeinschaftswerk verschiedener medizinischer und bibliothekarischer Organisationen.

Auch die Neurowissenschaften beschäftigen sich mit der Frage, was beim Lesen im Gehirn des Lesers passiert, wie er bestimmte Worte aufnimmt und welche neuronalen Auswirkungen das hat. So werden im Gehirn bei der Lektüre des Wortes „laufen“ die gleichen Areale aktiviert wie bei der tatsächlichen körperlichen Bewegung. Andrea Gerk ist mit „Lesen als Medizin“ eine umfassende und hochinteressante Darstellung des Lesens als Heilmethode in ganz unterschiedlichen Kontexten gelungen. Ob im Krankenhaus, im Strafvollzug, im Kloster oder in ganz persönlicher Runde, das Lesen stärkt und öffnet Türen. Selbst dann, wenn man selbst nicht mehr lesen kann. Besonders eindrücklich wird das  zum Beispiel im Projekt „Weckworte„, das der Poetry Slammer Lars Ruppel initiiert hat – in der Arbeit mit demenzkranken Menschen dienen Gedichte und Lieder als Brücke einerseits in die Vergangenheit, viele von ihnen haben damals in der Schule viele Gedichte gelernt. Andererseits aber auch in die Gegenwart, wo es jemanden gibt, der mit ihnen singt, spricht und sie bei der Hand nimmt. Wer selbst LeserIn ist, infiziert von fremden Worten und Gedanken, von Sprache und Geschichten, dem sei dieses Buch unbedingt empfohlen! Andrea Gerk präsentiert mit ihrem Buch ein sehr informatives und mitreißendes Porträt des Lesens, das weit über eine bloße Lobhudelei hinausgeht.

Literarische Welten entstehen aber nicht allein durch die Phantasie und Kreativität ihres Erfinders, sondern müssen in einem zweiten Schritt vor dem inneren Auge des Betrachters wiederbelebt werden. ,Man muss ein Erfinder sein, um gut zu lesen‘, heißt es bei dem amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson.

"buchhandel.de/Andrea Gerk: Lesen als Medizin
Rogner & Bernhard,
300 Seiten
22,95 €

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