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Sasha Abramsky – Das Haus der zwanzigtausend Bücher

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Chimen Abramsky lebte mit seiner Frau Miriam im Londoner Hillway inmitten von zwanzigtausend Büchern. Er war bibliophil, biblioman vielleicht sogar. Was ihn von so manchem literarisch behandelten Büchernarr – unweigerlich denkt man da an Domínguez ,Das Papierhaus‚ oder Flauberts ,Bücherwahn‚ – entschieden abgrenzt, sind seine Offenheit, seine Neugier und sein unersättlicher Wissensdurst. Chimen Abramsky gehörte zu den wichtigsten Gelehrten, Sammlern und Sachverständigen seiner Zeit, ihn reizten nicht vordergründig der Eskapismus und die Abschottung. Ihn reizten Diskurs, Debatte und Austausch.

Sasha Abramsky, der heute als freier Journalist für den Guardian, den Observer und den Independent schreibt, wusste schon früh, dass er einmal etwas über seinen Großvater schreiben würde. Über diesen kleinen Mann umgeben von riesigen Ideen und tausenden Büchern, über die Gastfreundschaft seiner Großeltern, die ihm als kleiner Junge dort stets entgegenschlug, wenn er zu Besuch im Hillway war. Vier Jahre nach Chimens Tod im März 2010 ist es ihm gelungen, die Geschichte seiner Großeltern niederzuschreiben. Eine Geschichte, die in großen Teilen um die imposante Büchersammlung des Großvaters kreist, von dort aber auch immer wieder in die Vergangenheit abzweigt. 1932 emigriert Chimen mit seinem Vater Yehezkel und seiner Mutter aus der Sowjetunion nach Großbritannien. Als Juden waren sie dort unter Stalin Repressionen und Verfolgung ausgesetzt, die Ausübung ihrer Religion war unter dem kommunistischen Regime zunehmend unmöglich. Nachdem Yehezkel 1929 als Konterrevolutionär zur Zwangsarbeit verurteilt und nur durch die Fürsprache internationaler Politiker (so z.B. Reichskanzler Heinrich Brüning) wieder in Freiheit entlassen worden war, beschloss die Familie, der Sowjetunion den Rücken zu kehren. Yehezkel Abramsky gehörte zu den einflussreichsten Rabbinern seiner Zeit, geriet jedoch durch seine streng traditionalistische Auslegung des Judentums im Alter immer wieder mit Chimen in Konflikt. Der war sich zwar seiner jüdischen Wurzeln bewusst und um Traditionen bemüht, bevorzugte insgesamt aber eine weltlichere Lebensart.

Chimen war ein kleiner Mann, nur einen Meter fünfundfünzig groß, mit langen, kräftigen Armen und einem Stiernacken – möglicherweise Folge seiner Jahre als Chef von Shapiro, Valentine & Co., in denen er regelmäßig schwere Bücherkisten herumschleppte. Einer der ältesten Freunde meines Vaters beschrieb Chimen in seinen Kindheitserinnerungen  an das London der Nachkriegszeit mit großer Zuneigung als „russischen Gnom“.

Sasha Abramsky breitet in diesem Buch in aller Ausführlichkeit die Biographie Chimens vor uns aus. Geordnet nach den einzelnen Zimmern des Hauses, vom Schlafzimmer über die Diele bis in die Küche und das Esszimmer, erzählt er von geschichtsträchtigen Begegnungen und Diskussionen, die sich inmitten der zwanzigtausend Bücher zugetragen haben. Hillway entwickelte sich über die Jahre zu einem der bedeutendsten linken Salons Großbritanniens, in dem angeregt über Politik und Weltgeschehen gestritten wurde. Viele Jahre war Chimen Mitglied der Kommunistischen Partei und überzeugter Marxist, dieses Interesse spiegelte sich auch in dem nicht unerheblichen Anteil marxistischer und sozialistischer Texte in seiner Bibliothek. Originalhandschriften und Manuskripte von Marx, Engels, Lenin und Rosa Luxemburg hütete Chimen wie einen Schatz. Wenn er dem Kommunismus auch den Rücken kehrte, nachdem er die Wahrheit über Stalins Gulags erfuhr – tief beschämt darüber, wie lange er stur diese vermeintliche Art des Fortschritts in Parteizeitschriften verteidigt hatte -, seine Faszination für Marx blieb ungebrochen. In einem Interview, das Tariq Ali – ein befreundeter Autor, Journalist und Historiker – einige Jahre vor seinem Tod mit ihm führte, sagt Chimen (nicht ganz zu Unrecht) ein „Marx-Revival“ voraus.

In diesem Zimmer kämpften die verschiedenen Aspekte von Chimens Intellekt am sichtbarsten um Einfluss:  der Religionswissenschaftler gegen den Marxisten; der Universalgebildete, der sich für Kunst, Philosophie, Soziologie und für alle großen Ideen der Renaissance und der Aufklärung interessierte, gegen den ideologischen Dogmatiker; der Zionist gegen den sozialistischen Internationalisten.

Chimen Abramsky war mit einem außerordentlichen Gedächtnis und einer unvergleichlichen Auffassungsgabe gesegnet, die ihm ermöglichte, einmal Gelesenes geradezu fotografisch zu speichern. Darunter leidend, aufgrund historischer Gegebenheiten in jungen Jahren keinen Studienabschluss erreicht zu haben, entwickelte er sich im Laufe seines Lebens zu einem der gefragtesten Sachverständigen u.a. für Judaica bei Sotheby’s. Er sammelte nicht nur kostbare Bücher und Schriften, er handelte auch mit ihnen. Durch Fürsprache u.a. von Isaiah Berlin gelang es ihm sogar, im Alter noch eine akademische Karriere einzuschlagen. Sasha Abramsky erzählt von diesem beeindruckenden Mann vielschichtig und niemals verklärend. Streckenweise geraten ihm dabei manche Schilderungen zu redundant, einiges wiederholt sich. Da der Erzählverlauf nicht chronologisch, sondern viel mehr assoziativ verläuft, ist das vermutlich schwer vermeidbar. Aber manche Zusammenkunft zwischen Chimen und führenden Forschern und Intellektuellen seiner Zeit, manche Entscheidung oder Begebenheit hätte keine Bekräftigung durch mehrfache Erwähnung nötig gehabt. Nichtsdestotrotz hat Sasha Abramsky mit diesem Werk, das nicht nur erhellende Informationen über das Judentum und dessen verschiedene Strömungen enthält, sondern auch die Biographie ist, die Chimen selbst nie zu schreiben gelungen ist, seinem Großvater zu Recht ein literarisches Denkmal gesetzt. Es erzählt von Brüchen, Irrtümern, Sehnsüchten und Leidenschaften eines bewegten 20.Jahrhunderts, dessen bedeutende Akteure sich alle in der einen oder anderen Form im Londoner Hillway präsent zeigten: sei es in papierener oder leibhaftiger Form. Chimen Abramsky war ein Ausnahmeintellektueller, dessen Leben nicht nur ein von Bibliophilie, sondern auch von Emigration geprägtes war, eines der lebenslangen Suche. Wer von „Das Haus der zwanzigtausend Bücher“ romantisierte Lobeshymnen ans Buch (ungeachtet seines Inhalts) erwartet, der wird schnell enttäuscht werden. Alle anderen erwartet eine so hervorragend recherchierte wie liebevolle Hommage an einen, der noch an die Antworten in Büchern glaubte.

Das in Büchern vorhandene Wissen zusammenzutragen, zu bewahren, zu lesen und weiterzugeben gebot dem Vormarsch der Zeit, der Rückkehr in den Staub, die uns beschieden ist, immerhin für einen Augenblick Einhalt.

"buchhandel.de/Sasha Abramsky: Das Haus der zwanzigtausend Bücher
Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter
dtv Verlag,
408 Seiten
22,90 €

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6 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Sasha Abramsky – Das Haus der zwanzigtausend Bücher – #Bücher

  2. Liebe Sophie, vielleicht hätte ich mehr Durchhaltevermögen zeigen müssen, denn ich habe das Buch bereits nach etwa 50 Seiten weggelegt … zwar habe ich keine „romantisierten Lobeshymnen auf das Buch“ erwartet, aber meiner Meinung fehlte es dieser Biographie an persönlicher Note. Es ist so vollgestopft mit Fakten wie Chimens Haus mit Büchern. Die Filmdoku, die Chimen als Mensch und in Aktion zeigt, scheint mir da lohnenswerter. Aber umso spannender fand ich es, deine Meinung zu lesen! Liebe Grüße, Karo

    • literaturen sagt

      Liebe Karo,

      das kann ich aber gut nachvollziehen. Mir war es, wie gesagt, manchmal zu redundant. Viele Dinge werden mehrfach, mit unterschiedlichen Worten erwähnt. Man hätte es etwas kürzen können, denke ich.

      Liebe Grüße.

    • Das tröstet mich. Ich weiß schon gar nicht mehr, auf welcher Seite ich abgebrochen habe. Ein so interessantes Leben, aber ich habe mich gelangweilt.

  3. Danke für den ausführlichen Bericht! Ich finde es erfrischend, wie du den Beitrag aufgebaut hast und, dass es auch ein Video dazu gibt. Solche Rezensionen hätte ich gerne für alle Bücher, auch die relevanten fürs Germanistik-Studium.

  4. Liebe Sophie,
    Universalgelehrte sind eine faszinierende Spezies. Einer ist leider gerade verstorben, Umberto Eco. Von Abramsky hatte ich schon mal gehört, nun aber gerät das Buch, dank deiner Vorstellung, auf meine Agenda.
    Viele Grüße von einem Bloggerkollegen.

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