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Max Goldt – Räusper

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So manches habe ich bereits zu Max Goldt geschrieben. Unter anderem eine nicht ganz ernst gemeinte, aber dann doch erstaunlich tief empfundene Liebeserklärung an den Mann, der nach dem Dafürhalten so mancher (genauer: Gustav Seibt) nicht nur das schönste Deutsch schreibt, sondern in seiner Art in der deutschen Literatur auch noch ziemlich konkurrenz – wenn nicht gar alternativlos ist. In seinem neuen Buch „Räusper“ wandelt Goldt Comicstrips, die er ursprünglich mit Stephan Katz gemeinsam erarbeitet hat, in kleine Dramolette um.

Bereits auf einer Lesung Anfang des Jahres hatte Goldt sein Vorhaben angekündigt: aus den Comics, die er regelmäßig mit Zeichner Stephan Katz unter dem Namen Katz & Goldt herausgibt, wolle er Dramentexte machen. Ob das eine gute Idee sei oder gelesen überhaupt funktioniere, könne er noch nicht sagen, aber er sei gewillt, es auszuprobieren. Wirken die teils absurden Dialoge und Begebenheiten auch ohne Bebilderung? Es ist durchaus nicht das erste Mal, dass es bei Max Goldt Dialoge in einer Textsammlung gibt. In „Die Chefin verzichtet“ debattierten eine Frau und ein Mann noch leidenschaftlich über Hässlichkeit und körperliche Mängel, ein juckendes Ekzem und eine Baumkuchenfigur. Ähnlich kommen auch die neuen Minidramen daher, freilich mit etwas mehr Regieanweisung und Beschreibungen, die das Fehlen der dazugehörigen Illustrationen kompensieren. Inhaltlich geht es so wunderbar wirr, grotesk und gleichzeitig ganz alltäglich zu wie es bei Max Goldt immer der Fall ist. Bravourös gelingt es ihm, Vorurteile und Narrative, die bereits in den allgemeinen Gebrauch übergegangen sind, der Lächerlichkeit preiszugeben und  vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu demontieren. Durch diese Bespiegelung des Alltags und seiner Tücken erweist sich Goldt nicht nur als begnadeter Beobachter, – in den Überzeichnungen seiner Beobachtungen liegt dieser ganz spezielle goldt’sche Witz, der sich nicht sofort anbiedert, sondern auf leisen Sohlen des Weges kommt.

Da diskutieren alte Frauen und hippe Trendsetter in einem Café namens „Niesen ist anstrengend“ im Prenzlauer Berg über geweitete Ohrläppchen und Fleischtunnel. Es geht dabei um möglichst viele widerlegte Vorurteile über Trends, Gentrifizierung und den unüberwindbaren Graben zwischen Jugend und Alter – alles nur, um den Dialog mit einem Vorurteil enden zu lassen, das sich schließlich bestätigt. Eine junge Frau widersetzt sich ihren schwulen Freunden und geht bei Nacht einen dunklen und einsamen Pfad entlang. Entgegen ihrer eigenen Befürchtungen wird sie nicht etwa überfallen, sondern Opfer von „Direktmarketing“ für eine Gesichtspflegecreme – „ein ganz wunderbares 7 in 1-Produkt. Es ist zugleich eine Nachtcreme, eine Tagescreme, eine Vorhercreme, eine Hinterhercreme, eine Nerven-Müdigkeits-Creme und dann noch zwei, die mir gerade nicht einfallen.“ Es werden Hipster überfallen, denen der Täter die Bärte rasiert. Es wird in Supermarktregale gepisst und sich gefragt, weshalb derlei Verhalten nicht viel öfter als Kapitalismuskritik zur Anwendung kommt. Es gibt Menschen aus der Fettakzeptanz-Szene, gezüchtete Teufelskinder, die im Zoo in Konkurrenz zu einem schielenden Opossum treten, einen gaukelnden Holocaustleugner in der Einkaufsstraße, die Stiftung Lesehemd und Schnupperkurse beim Notar.

Kaum etwas, das Max Goldt nicht wirksam zu verulken verstünde. Dieser sprachlich hervorragende Ulk ist es, der die Dinge ihrer Selbstverständlichkeit beraubt. Goldt nimmt Themen, die jedem geläufig sind – aufdringliches, lebensfremdes Marketing, mediale Inszenierungen, gesellschaftliche Ausgrenzung, Diskriminierung, Identität, falsche Erwartungen, Dogmatismus – und übersteigert sie, manchmal maßlos, manchmal bloß geringfügig. Übrig bleiben Karikaturen des täglichen Lebens, über die man im ersten Moment herzlich lacht. Im zweiten dann nicht mehr ganz so laut. Max Goldt beweist mit diesen kleinen Minidramen, die großteils ja bereits so der ähnlich bebildert erschienen sind -, dass er nach wie vor die gepflegte „Absurdisierung“ einer Existenz beherrscht, die manchmal ohne künstlerisches Zutun schon absurd genug ist. Lohnenswerte Dramolette mit viel Witz, Charme, Quatsch, Esprit, Glanz und Gloria.

"buchhandel.de/Max Goldt: Räusper
Rowohlt Verlag,
176 Seiten
19,95 €

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3 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Max Goldt – Räusper – #Bücher

  2. Bingo! Habe das Buch auch gelesen (und auf meinem Blog rezensiert) und bin zu einem ganz ähnlichen Ergebnis gekommen. Konkurrenzlos finde ich bei Goldt im Allgemeinen und bei diesem Buch im Besonderen die unterhaltend belehrende Kulturkritik, diese Gegenwart, die in seinen Texten so genau beobachtet und überdreht wird wie sonst vielleicht nur bei Loriot (?).

  3. der Max ist Gold, ganz klar, ich beobachte mit mit größtem Vergnügen, seit dem schwer erziehbaren schwulen schwager aus der schweiz. Und es wird einem nicht über. Im Gegenteil, Max Goldt ist NOTWENDIG.
    Liebe Grüße
    Kai

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