Graphic Novel
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Mariko und Jillian Tamaki – Ein Sommer am See

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Jeden Sommer fährt Rose mit ihren Eltern in den Ferien nach Awago Beach. Schon seit sie denken kann, gehört dieser Urlaub in einem Strandhaus nahe des Meeres ebenso zu ihrer sommerlichen Routine wie die jüngere Windy, die ihr schon früh die Schwester ersetzt hat. Während beide in jungen Jahren völlig unbeeinflusst ob des Altersunterschiedes miteinander Zeit verbringen konnten, beginnt in diesem Sommer eine verhängnisvolle Verschiebung stattzufinden, die von Dauer sein wird: das Erwachsenwerden.

In diesem Sommer ist manches etwas anders als die Jahre davor. Es ist eine schleichende, kaum merkliche Veränderung, die nicht nur in Rose selbst vorzugehen, sondern auch in ihrem Umfeld Einfluss zu nehmen scheint. Ihre Mutter ist eigenartig bedrückt und gerät immer öfter in Konflikt mit ihrem Vater, die Spiele mit Windy machen plötzlich einen weit kindlicheren Eindruck, als sie es in Erinnerung hatte.  Dieser neuen Entwicklung irgendwie Rechnung tragend, sprechen die Mädchen etwas albern und verhalten über „Titten“ und leihen sich Horrorfilme aus dem kleinen Laden im Zentrum ab. Statt ausschließlich Fruchtgummis nehmen sie jetzt „Texas Chainsaw Massacre“ und „Der weiße Hai“ in ihre Obhut, gucken es heimlich unter der Decke auf Windys Laptop, kosten einen Moment das Verbotene und Unaussprechliche.

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In dem kleinen Allerlei-Laden arbeitet auch ein etwas schlaksiger, pickliger Junge namens Duncan. „Die Niete“, nennt Windy ihn spöttisch und bringt ihre etwas schwärmerische Freundin damit regelmäßig auf die Barrikaden. Die Mädchen werden immer wieder Zeugen der Auseinandersetzungen rundum Duncans Clique, die sich recht offen und lautstark über ihr Sexualleben auslässt. Dramen der Teenagerzeit stehen im Mittelpunkt, angeblich habe Duncan eine Freundin geschwängert und ziehe sich nun feige aus der Affäre. Die Gerüchte tun Roses Schwärmereien jedoch keinen Abbruch. Es ist ein erstes zartes Verliebtsein, das sich in ihr ausbreitet und die Kluft zwischen Windy und ihr noch vergrößert. Zwischen ihnen liegt der Graben, der die Kindheit von der Jugend trennt, genau die Interimszeit zwischen der klar artikulierten Abneigung und der zaghaften Grenzauflockerung gegenüber dem anderen Geschlecht. Wie eine Beziehung auch aussehen kann, erlebt Rose angesichts ihrer Eltern. Die geraten sich in diesen Ferien so oft in die Haare, dass ihr Vater vorübergehend das Ferienhaus verlässt, während sie mit ihrer etwas labilen Mutter zurückbleibt.

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Mariko und Jillian Tamaki sind Cousinen und arbeiteten für diese Graphic Novel nicht zum ersten Mal gemeinsam. Bereits für „Skim„, ihre erste Zusammenarbeit, wurden die beiden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. „Ein Sommer am See“ ist eine warmherzige und empathische Coming of Age Geschichte, die von Mariko und Jillian Tamaki mit genau jener Leichtigkeit und Frische in Bilder umgesetzt wurde, die passend sind für Ort und Umstände. In den Illustrationen steckt viel Dynamik, Vorwärtsdrängen, Entdeckerlust, aber angesichts der familiären Probleme auch Melancholie und Nachdenklichkeit. Man weiß und spürt, dass in diesem Sommer etwas endet – und etwas Neues beginnt, das seine Schatten vorauswirft. Lebendig, lesenswert und leichtfüßig kann man sie nennen, diese sommerliche Geschichte des Auf – und Umbruchs! Empfehlenswert.

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"buchhandel.de/Mariko & Jillian Tamaki: Ein Sommer am See
Aus dem Englischen von Tina Hohl
Reprodukt Verlag,
320 Seiten
29,00 €

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3 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Mariko und Jillian Tamaki – Ein Sommer am See – #Bücher

  2. Das Magische an dieser Graphic Novel ist tatsächlich, dass sie es schafft, diese kurze „Interimszeit“, wie du es nennst, zwischen Kindheit und Jugend so lebendig und berührend darzustellen, das – egal wie alt man ist – man sich an diese Zeit zurückerinnert fühlt. Wirklich starkes Teil!

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