Erzählungen, Rezensionen
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Juri Sternburg – Das Nirvana-Baby

Was ist Widerstand in einer Zeit, in der selbst konsum – und gesellschaftskritische Statements als Sticker bei Nanu-Nana verkauft werden? Es ist vergleichsweise gleichgültig, gegen was man zu protestieren gewillt ist, der Protest gehört zum System und kann ihm kaum ernsthaft gefährlich werden. Engagement erschöpft sich nicht selten in energischen Klicks auf Facebook, dem Unterzeichnen von Online-Petitionen oder einem modifizierten Benutzerbild. Der Protagonist in „Das Nirvana-Baby“ hingegen plant etwas Größeres, – einen Anschlag, nackte Gewalt, Sinnlosigkeit. Wenn er nur erstmal das Bekennerschreiben formulieren könnte.

Der kürzlich neu gegründete Korbinian Verlag will mit seinen literarischen Schützlingen anecken, wie er auf seiner Homepage zu Protokoll gibt. Katharina Holzmann, Sascha Ehlert und David Rabolt haben den Verlag gegründet, den sie sich selbst wünschen. Frei nach dem Motto: Wenn noch nicht existiert, was du dir vorstellst, mach es selbst. Sie sind sich bewusst, dass eine Verlagsneugründung im Jahr 2015 nicht unbelastet oder leichtfüßig geschieht, aber mit dieser speziellen Mischung aus Leidenschaft und Wahn haben sie dann doch vorerst die Zweifel unschädlich gemacht. Die erste Veröffentlichung, „Das Nirvana-Baby“ von Juri Sternburg, ist ungehobelt, hoffnungslos und irgendwie hip (wie Berlin?). Sternburg ist in der Theaterszene Berlins sehr umtriebig, sein Stück „der penner ist jetzt schon wieder woanders“ feierte 2012 am Berliner Maxim Gorki Theater Premiere. Er schrieb und schreibt Artikel und Kolumnen für zahlreiche Magazine, darunter taz, HATE, Juice und VICE. Und nun diese Novelle von scheiterndem Widerstand, der sich im Falle Pauls bereits darin erschöpft, sich der Polizei gegenüber des Namen des russischen Anarchisten Bakunin zu geben.

Manchmal versuchte er tiefgründige Gedanken zu formulieren, aber seine einzige Erkenntnis blieb, dass er seine neuen AirMax-Sneakers schön fand. Er liebte sie sogar. Vielleicht sogar mehr als Dylan. Und obwohl er wusste, wie falsch, wie oberflächlich und egoistisch das war, wollte er dennoch nichts daran ändern.

Unter der Generation X verstand man zu Zeiten Nirvanas Anfang der 90er vor allem eine antimaterialistische und ziellose Jugend, die geprägt war von schlecht bezahlten Jobs und kaputten Elternhäusern. Der Grunge verlieh diesem Gefühl der Hoffnungslosigkeit musikalischen Ausdruck, in Gestalt von Bands wie Nirvana, Pearl Jam oder Alice in Chains. Das Nirvana-Baby (Spencer Elden, das tatsächliche Baby auf dem Cover von Nevermind, wurde im letzten Jahr 20 Jahre alt) bezieht sich hier und dort auf eben diese Generation. Einerseits, indem Paul vor seinem Freund damit prahlt, eben jenes Baby auf dem Cover zu sein. Andererseits, weil in Sternburgs Novelle die Generation erschöpfend porträtiert ist, die auf die Generation X folgte, ihr „Baby“ gewissermaßen. Eine Generation, die vor allem hedonistisch, unpolitisch und überall ironisch ist. Das Aufbegehren erschöpft sich überall in leeren Gesten, – auf Theaterbühnen in Massen von Kunstblut und sich selbst genügender Provokation, im Privatleben in ausschweifenden Partys und Konsum. Von Dingen und von Drogen. Es ist eine Generation, die Vorbilder sucht und sich mit einem Che Guevara T-Shirt zufriedengibt. Die rebellieren will und bemerkt, dass jede Rebellion gesellschaftlich einkalkuliert ist. Oder die Gegner zu schwammig, zu diffus, verborgen hinter Großkonzernen und undurchsichtigen Gremien? Alles nicht so schlimm? Wie und gegen wen rebellieren, wenn alles schon da war? Wenn es mehr um den Gestus geht, nicht um Überzeugung? Wenn Überzeugung zu oft in Dogmatismus abdriftet?

Sie riefen in die Nacht hinein, die üblichen Parolen von Widerstand und Aufruhr, nichts, was man nicht auch von einem Obdachlosen geboten bekäme, der einen schlechten Tag erwischt oder dem man seinen Geldbecher umgetreten hatte. (…)

Juri Sternburg fängt in seiner Novelle die Lähmung ein, die ersterbende Regung zum Protest, die in Pauls Fall bereits durch seine Unfähigkeit erlahmt, seinen Widerstand in Worte zu fassen. Einerseits, weil er vermeintlich immer wieder durch das Leben von Wichtigerem abgelenkt wird, andererseits aber auch, weil er sein Unbehagen nicht zu formulieren versteht. Der Text ist flüssig, gewitzt und originell – wenn er auch bisweilen etwas kalauerhaft anmutet. Spätestens bei Worten wie „Sauercrowd“ oder Sätzen wie „Isolde hörte sich trist an“ gerät man in inneren Streit darüber, wie innovativ oder abgegriffen diese Wortspiele wohl sind. Man bemerkt, dass Teile des Textes auch bühnenwirksam vorgetragen werden könnten, sie sind auf kurze Knalleffekte hin konzipiert. Hin und wieder kommuniziert Paul auch mit seinem Freund „Jimmy“, den er in Ermangelung eines richtigen Namens eben einfach so nennt. „Das Nirvana-Baby“ ist eine unbequeme Novelle, die sich allerdings großteils auf die Abbildung der Mutlosigkeit beschränkt und dabei manchmal larmoyant ist. Sie spiegelt genau die Leere, Verzweiflung und Dumpfheit, von der sie erzählt, reicht wenig darüber hinaus. Immer wieder stellt der Text Behauptungen auf, um sie dann kurz danach wieder zu revidieren. Generation Flexibel und Belastbar. Möglicherweise funktioniert „Das Nirvana-Baby“ auf der Bühne deutlich besser – nichtsdestotrotz lohnt die Lektüre dieser scharfzüngigen Beobachtungen. Man darf bloß nicht den Fehler machen sie zur Wohlfühlprosa für vermeintlich Andersdenkende und -handelnde zu machen. Die dann gern denken: „Ja, so ist unsere Generation, traurig. Nur ich bin ganz anders.“

Bei meinem letzten Vorstellungsgespräch wurde ich gefragt, wo ich mich in fünf Jahren sehe. Und mir fiel nicht mehr ein als: „Ist das ein Samstag?“

Juri Sternburg: Das Nirvana-Baby, Korbinian Verlag, 80 Seiten, 9783981758306, 10 €

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