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Frank Rudkoffsky – Dezemberfieber

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Nach dem Tod seines Vaters und der unvermeidlichen Haushaltsauflösung fährt Bastian mit seiner Freundin Nina nach Thailand. In Bangkok will er Abstand gewinnen, Boden gutmachen, während ihm seine Vergangenheit dicht auf den Fersen ist. Er ist fahrig und ruhelos. Was als Annäherungsreise für die angeknackste Beziehung der beiden geplant war, endet für ihn als Annäherung an sich selbst und seine Geschichte.

Es ist eine Binsenweisheit, dass die Flucht vor der Vergangenheit langfristig selten von Erfolg gekrönt ist. Welcher Erinnerungen und Erlebnisse man sich auch entledigen will, in irgendeinem unerwarteten Zusammenhang tauchen sie doch wieder auf und pochen auf die Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht. Als Bastian und Nina in Thailand eintreffen, sind sie willens, mehr Zeit miteinander zu verbringen. Gerade ist Bastians Vater gestorben, zu dem er auf eigenen Wunsch seit Jahren keinen Kontakt hatte. Seine Mutter starb bereits zehn Jahre zuvor. Bastian ist ein verschlossener, ein grüblerischer Charakter, der sein Innenleben sorgsam vor anderen, gelegentlich gar vor sich selbst verborgen hält. Fragt man ihn nach seiner Vergangenheit, schiebt er vor, sich an nichts zu erinnern. Überhaupt sei, so sagt er, Erinnerung immer eine Konstruktion, die umso unzuverlässiger würde, je länger das erinnerte Ereignis zurückliegt. Damit zieht er sich gekonnt aus der Affäre – so lange, bis er ein von seinen Eltern geführtes Notizbuch entdeckt und in Thailand eine kleine Reisegruppe kennenlernt, die mit Geocaching die Erinnerung an einen verstorbenen Freund lebendig zu halten versucht.

Nina schreibt nicht, sondern malt. Sein aufforderndes Fingertrommeln auf dem Tresen veranlasst aber lediglich die Empfangsdame dazu, ihm freudestrahlend Tee nachzuschenken. Bastian bedankt sich leise auf Thai und kommt sich vor wie der einzige verfaulte Zahn im ganzen verdammten Land des Lächelns.

Bastians Kindheit verläuft unauffällig, bis seine Mutter an schweren Depressionen erkrankt. Zunächst noch bemüht, das vor ihem Sohn geheimzuhalten, wahren seine Eltern eine unbeschwerte Fassade. Und doch erwischt Bastian seine Mutter immer öfter, wie sie weinend mit dem Geschirrhandtuch an der Spüle lehnt. Immer öfter sieht sie ihn aus glasigen Augen an, gleiten ihre Blicke ziellos an ihm vorbei ins Leere. Die Familie beginnt sich mit der Krankheit der Mutter zu arrangieren und zerbricht daran. Frank Rudkoffsky arrangiert in seinem Roman eine Collage aus Perspektiven auf Vergangenheit und Gegenwart. Einerseits sind da Bastians Erinnerungen, andererseits die Erinnerungen seiner Eltern, die beide in einem kleinen Notizbuch festgehalten haben. Weil Bastians Mutter immer seltener in der Lage war, überhaupt über ihre Situation zu sprechen, kommunizieren ihre Eltern handschriftlich – bis auch diese Verständigung irgendwann abbricht. Die elterlichen Briefe sind zwischen die Rückblenden und die Gegenwart montiert, dienen gleichsam als Verbindung und Erweiterung. Sie beschreiben das elterliche Scheitern auf drastische und ungeschönte Art.

„Dezemberfieber! Noch nie gehört?“
„Klingt nach Grippe. Oder einem Rosamunde-Pilcher-Roman.“
„Noch schlimmer sogar!“, lacht Sven. „Das Wort kommt aus der Behördensprache. Aber zugleich ist es die perfekte Bezeichnung für das, was uns antreibt. Wenn Behörden kurz vor Jahresende ihr ganzes Restbudget verballern, nennt man das Dezemberfieber. Sie machen das, weil sie Angst haben, dass ihnen, wenn sie das Geld nicht mehr rechtzeitig ausgeben, im nächsten Jahr die Mittel gestrichen werden.“

Während Bastian in Thailand also sich selbst und mittels des Notizbuchs seinen toten Eltern nachspürt, begleitet er die dezemberfiebrigen Freunde in den thailändischen Dschungel. Jenny, Sven und Dirk verstecken dort Hinweise auf ihren verstorbenen Freund Felix, die Fremde beim Geocachen entdecken sollen. Sie halten ihn lebendig, während Bastian immer weiter in Richtung Abgrund taumelt. „Dezemberfieber“ ist ein eindrücklicher Roman, der sich seinem Thema nicht bereits im Vorfeld verklärend annähert. Er verzichtet weitgehend auf überstrapazierte Klischees in Zusammenhang mit Depression und einer vielbeschworenen „schlechten Kindheit“. Vielmehr ist der Roman aufrichtig am Innenleben seiner Akteure interessiert und entwickelt nachvollziehbare Figuren. Welchen Umgang pflege ich mit dem Schicksal, das mich getroffen, mit der Vergangenheit, die ich durchlitten habe? Kann ich davor fliehen? Was bleibt einmal von mir? Und vor allem: wie viel mehr Zerstörung als Worte und Tatsachen richtet das Schweigen an? Trashpool-Herausgeber Frank Rudkoffsky ist diesen Fragen in seinem Roman immer wieder auf der Spur und es gelingt ihm, eine beschwerliche Reise nicht ausschließlich düster-melancholisch zu zeichnen. „Dezemberfieber“ ist kein niederschmetternd deprimierender Text, vielmehr ist er immer wieder von Humor durchsetzt, der zwischen dem Dunkel hindurchschimmert. Ein menschlicher, empathischer und warmherziger Roman vom Scheitern der Normalität und der Brüchigkeit des Gewöhnlichen.

"buchhandel.de/Frank O. Rudkoffsky: Dezemberfieber
Verlag duotincta,
320 Seiten
16,95 €

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