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Patry Francis – Die Schatten von Race Point

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Bereits von Kindesbeinen an sind Gus Silva und Hallie Costa eng befreundet. Spätestens seit Gus‘ Vater, den alle bloß „Codfish“, Kabeljau, nennen im Alkoholrausch seine Frau zu Tode geprügelt hat, bringt es Gus im kleinen Ort Provincetown zu trauriger Berühmtheit. „Little Cod“, sein bester Freund Neil Gallagher und Hallie Costa bilden jedoch über die Jahre eine eingeschworene Gemeinschaft, die allen Prophezeiungen, „Little Cod“ könnte ein unkontrollierbarer Schläger wie sein Vater werden, entschieden trotzt. Bis zu einem Abend, der schließlich alles verändert.

Tief erschüttert vom Mord an seiner Mutter verliert der neunjährige Gus Silva die Sprache. Selbst der angesehene Arzt des Ortes, Nick Costa, kann ihn nicht zum Reden bewegen, er schweigt beharrlich über das, was er eingezwängt in einem Kleiderschrank beobachtet hat. Erst als die kleine Hallie auftaucht, Nick Costas Tochter und Gus Klassenkameradin, beginnt er ganz langsam wieder am Leben teilzunehmen. Auf eigene Faust steht sie eines Tages mit zwei Fischen in einem Plastikbeutel und Charles Dickens‘ „David Copperfield“ unter dem Arm vor seiner Haustür. Auch David Copperfield ist ein Waisenkind, ihn verbindet mit Gus ein gemeinsames Schicksal. Jeden Tag liest Hallie dem hartnäckig schweigenden Jungen einige Absätze aus Dickens‘ Roman vor und bricht damit das Eis. Aus dieser kindlichen Freundschaft entsteht nach einigen Jahren schließlich eine Liebesbeziehung. Gus hat sich vom schüchternen und schreckhaften Kind wieder zu einem umschwärmten Draufgänger entwickelt, dessen „Vodoo“, also dessen unvergleichliche Ausstrahlung, ihm die Herzen nur so zutreibt. Ganz im Gegensatz zu seinem Freund Neil Gallagher, der neben Gus eine vergleichsweise unauffällige Figur macht.

Und Gus selbst schien sein Schweigen auch nicht zu stören. Er wurde nicht unruhig, wenn man mit ihm sprach, und er wandte auch nicht den Blick ab. Wenn er gesprochen hätte, hätte er vielleicht gesagt, dass er keine Lust hatte, einen so sonnigen Nachmittag mit einem Mädchen zu verbringen, das er kaum kannte, und sich von ihm einen Roman aus dem neunzehnten Jahrhundert vorlesen zu lassen.

Neils aufkeimende Missgunst und Unzufriedenheit entlädt sich zunächst in alkoholgeschwängerter Stimmung am Strand von Race Point. Es ist der Abend des Abschlussballs, den sie alle gebührend gefeiert haben. Hallie bekommt, für sie völlig überraschend, den Hass Neils zu spüren, der es leid ist, der beste Freund eines überall beliebten Charmeurs zu sein, dessen frühes Leiden ihn unangreifbar macht. Es kommt zu einem Zwischenfall, der ihrer aller Leben nachhaltig verändern und die Beziehung zwischen Hallie und Gus in ihrer Blüte abrupt beenden wird. Patry Francis erzählt in ihrem fast 600-seitigen Wohlfühlroman ausladend von der zerstörerischen Kraft menschlichen Handelns und Fühlens vor dem Hintergrund dieser Dreierbeziehung. Der Roman umfasst eine Zeitspanne von über dreißig Jahren, von 1978 bis 2010. Ausgehend von den tragischen Kindheitserlebnissen des jungen Gus, seiner Entscheidung seine soziale Karriere als leiderprobter Frauenschwarm zugunsten einer Priesterlaufbahn überraschend an den Nagel zu hängen bishin zu strafrechtlich relevanten Intrigen gegen ihn – freilich aus niederen Beweggründen – nimmt Patry Francis jede Gefühlsregung mit, derer sie habhaft werden kann. „Die Schatten von Race Point“ ist ein veritabler Schmöker im besten Sinne des Wortes.

Ständig quälten sie Bilder von Gus. Gus mit seinem blauen Schal beim Abschlussball oder wie er sie an jenem Tag in der Kirche mit dieser Mischung aus Skepsis und Verletzlichkeit angesehen hatte. Der stumme Junge mit dem vom Schlaf zerzausten Haar, der sie mit Augen ansah, die die ganze Welt und all ihren Kummer verschluckt hatte.

Francis, übrigens selbst wohnhaft in der Region von Massachusetts, die sie so lebhaft beschreibt, erzählt in diesem opulenten und dialoglastigen Roman von ganz elementaren Regungen des Menschen: Trauer, Wut, Liebe, Neid, Hass, Missgunst und Freundschaft. Literarisch bewegt sich das immer in sprachbarrierefreiem Mittelmaß, auch das ein oder andere romantische Klischee hat sich eingeschlichen – hier geht es nicht um großen Anspruch in sprachlicher oder künstlerischer Hinsicht. „Die Schatten von Race Point“ erzählt eine mitreißende Geschichte, die man, trotz des zunächst womöglich abschreckenden Umfangs, ungeheuer leicht lesen kann. Insofern ist dieses Buch die perfekte Wahl für regnerische Herbst – und Wintertage, an denen man sich mit Freude gänzlich der Geschichte eines anderen überlässt. Unterhaltungsliteratur at it’s best!

Patry Francis: Die Schatten von Race Point, aus dem Amerikanischen von Claudia Feldmann, mare Verlag, 592 Seiten, 9783866482265, 20 €

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