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Liske & Präkels – Vorsicht Volk!

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Nach fünfundzwanzig Jahren deutscher Einheit kann man schonmal zurückblicken und sich fragen: Wohin hat sich Deutschland entwickelt? Welche bemerkenswerten Unterschiede existieren noch immer zwischen Ost und West? Und vor allem: wie sind neue „Volksbewegungen“ einzuordnen, die sich des bekannten Schlachtrufs „Wir sind das Volk“ bedienen, um ihren zu oft diffusen Zukunftsängsten und -sorgen Luft zu machen? Wie ist die Häufung rechtsextremer Gewalttaten in Ostdeutschland zu erklären? Kann und darf man es zu einem ostdeutschen Problem verklären? In vierundzwanzig mehr und weniger umfangreichen Essays gehen verschiedene Autoren u.a. der Frage nach, wie sich Pegida, die Reichsbürger, die AfD und artverwandte Gruppierungen in einen größeren gesellschaftlichen Kontext einordnen lassen.

Unlängst zog das statistische Bundesamt mit relevanten Kennzahlen zu Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Bevölkerung Bilanz nach 25 Jahren Einheit. Der Tenor: Vieles hat sich im Vergleich zum Beginn der 90er Jahre verbessert, ein Gleichgewicht zwischen Ost und West aber herrscht noch immer nicht. Die Arbeitslosigkeit ist vielerorts hoch, die Geburtenrate niedrig. In diesen Tagen fühlt sich mancher angesichts brennender Flüchtlingsheime an die rechten Ausschreitungen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen erinnert. Heute heißen die Orte, die es bereits jetzt zu trauriger Berühmtheit gebracht haben Heidenau und Freital. Wenn die Hochburgen dieses „Widerstands“ auch in den neuen Bundesländern liegen, wäre es fatal, ihn als rein ostdeutsches Phänomen zu klassifizieren. Auch der Westdeutsche hegt und pflegt seine Ressentiments gegen Flüchtlinge, Politik, gleichgeschlechtliche Ehe und „Genderwahnsinn“. Was einmal mit dem noch belächelten Begriff des Wutbürgers begann, gewann im Winter letzten Jahres durch Bewegungen wie Pegida an Format und Struktur. Aber nicht nur Pediga geriet in den öffentlichen Fokus, auch die „Reichsbürger“ mit freundlicher Unterstützung von Xavier Naidoo oder die AfD zuletzt durch interne Machtkämpfe. Wie lassen sich diese, oft von hanebüchenen Verschwörungstheoretikern am Leben erhaltenen Zusammenschlüsse erklären? Was hat es mit der Nazi-Rhetorik von „Lügenpresse“ und „Volksverrat“ auf sich? ,Vorsicht Volk‘ betrachtet in seinen Essays – verfasst von Journalisten, Bloggern, Wissenschaftlern, Politikern – diese vermeintlich gesellschaftlichen Randerscheinungen, die immer entschlossener zur Mitte aufrücken, genauer. Wer sind sie? Was wollen sie? Woher kommen sie?

Nicht zufälligerweise stellen „die Medien“ in diesen Milieus eines der wichtigsten Feindbilder, gesteuert wahlweise von Industrie, Mossad oder linken „Gutmenschen“. Allerdings erkennen viele Forentrolle keinen Widerspruch darin, sich auf Artikel in großen Medien zu beziehen, wenn der jeweilige Inhalt mit der eigenen Weltsicht korrespondiert. Glaubwürdigkeit ist also ein flexibler Begriff, eine Maßanheit, die täglich neu definiert wird. Die Grundregel dabei lautet: Hohe Glaubwürdigkeit genießt der, der mir sagt, was ich ohnehin hören will.
(Patrick Gensing)

Dabei beziehen sich die Essays nicht ausschließlich auf Demonstrationen und Kundgebungen, sondern auch auf den zusehends enthemmten Umgang im Internet. Menschenverachtende Hetzkommentare, justiziable Äußerungen rundum Nazideutschland und Holocaust stellen ganz neue gesellschaftliche Herausforderungen dar, die bisher nur ungenügend gemeistert worden sind. Mehrere Essayisten beleuchten die Argumentationsstrukturen und Welterklärungsansätze dieser „besorgten Bürger“. Patrick Gensing sieht in diesen Parallelgruppierungen, die sich, längst vom allgemeinen Konsens losgelöst, in ganz anderen Sphären bewegen eine „Wiederkehr der nationalistischen Antidemokraten“, die sich nicht mehr mit einer komplizierten, pluralistischen und durchaus nicht widerspruchsfreien Wirklichkeit auseinandersetzen wollen. Anna Schmidt thematisiert in ihrem Essay „Landleben in völkischer Idylle“ wiederum den nachweisbaren Trend in der rechtsextremen Szene, sich aufs Land zurückzuziehen und möglichst autark zu wirtschaften. Was im urbanen Umfeld auch schon spöttisch als „Hipster-Nazi“ bezeichnet wurde, illustriert eine Verflechtung zwischen ökologischem Bewusstsein, Tradition und rechter Ideologie. Als völkische Siedler übernehmen sie ganze Dörfer (z.B. Jamel in Mecklenburg-Vorpommern), veranstalten Schützenfeste, tragen Tracht und verpflichten sich ganz den klassischen Geschlechterrollen. Zuwiderhandelnde versucht man nicht selten gewaltsam von der Richtigkeit der Sache zu überzeugen.

Seit es zunehmend zum guten Ton gehört, das eigene Dasein ökologisch zu veredeln und biologistisch zu begründen, ohne dabei gesellschaftlichen Missständen allzu sehr auf den Grund zu gehen, können extrem Rechte mit ihrer Auffassung von einem naturgemäßen Leben problemlos an den Mainstream anknüpfen.
(Anna Schmidt)

Ivo Bozics „Die Querfront als weltpolitisches Phänomen“ beschäftigt sich indessen mit gefährlichen Überschneidungen und Schulterschlüssen von rechter und linker Ideologie, sowohl im alltäglichen Aufeinandertreffen wie in weltpolitischem Maßstab. ,Vorsicht Volk‘, herausgegeben von Markus Liske und Manja Präkels („Kaltland“, Rotbuch Verlag), liefert eine vielstimmige Betrachtung dieser gegenwärtigen Bewegungen und ihrer Entstehung. Hochaktuell, großteils differenziert und über den berühmten Tellerrand hinausweisend versuchen viele Autoren die Entstehung nicht ausschließlich aus der gegenwärtigen Situation heraus zu erklären, sondern bemühen größere historische Kontexte. Diese Essaysammlung bildet ein breites Themenspektrum im Zusammenhang mit Pegida & Co. ab, nicht jeder Betrachtung muss man hierbei unumwunden zustimmen. Aber die Lektüre ist in vielfacher Hinsicht anregend und bereichernd. Man versucht sich an Erklärungen, die das Phänomen nicht isoliert betrachten und den Betrachtungsgegenstand nicht von Vornherein diskreditieren. Eine große Empfehlung für all jene, die das Bedürfnis verspüren, ein Stück von diesem Wahnsinn einzuordnen, wie er sich erst kürzlich wieder auf der Facebookseite des Nachrichtensenders n-tv angesichts einer Informationssendung für Flüchtlinge entlud.

Was man der Mehrheit der Pegida-Demonstranten, aber auch etlichen Montagsmahnern vorwerfen muss, ist nicht so sehr ihre pharisäische oder apokalyptische Radikalität, sondern das Ersetzen politischen Engagements durch kindische Inszenierungen.
(Anselm Neft)

Markus Liske und Manja Präkels (Hg.): Vorsicht Volk! Oder: Bewegungen im Wahn?, Verbrecher Verlag, 192 Seiten, 9783957321213, 18,00 €

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