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F. Scott Fitzgerald – Die Straße der Pfirsiche

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Scott und Zelda Fitzgerald waren sowas wie das literarische Glamourpaar der 20er Jahre. Keine Party, die ohne das gewisse Etwas der beiden ausgekommen wäre, kein Drink, den sie von Vernunft und Arbeit getrieben abgelehnt, kein Exzess, den sie ausgelassen hätten. Hinter der glitzernden Fassade aber, die fraglos auch Teil einer Selbstinszenierung war, steckte selbstredend etwas Anderes: Zeldas psychische Erkrankung, Scotts Alkoholproblem. Mit „Diesseits vom Paradies“ landet Fitzgerald beachtliche Erfolge. „Die Straße der Pfirsiche“ wird 1924 ohne viel Aufhebens in einem Magazin namens ,Motor‘ veröffentlicht, um danach in der Versenkung zu verschwinden. Wie man jetzt sich jetzt überzeugen kann, zu Unrecht.

Wenn die Frau eines gefeierten Autors und frühes It-Girl der literarischen High-Society eines Morgens aufwacht und sich Biscuits und Pfirsiche wünscht, muss umgehend Abhilfe geschaffen werden. Insbesondere, wenn es nicht um irgendwelche beliebigen Esswaren geht, sondern um eben jene aus Zeldas Heimat Alabama. Die beiden entscheiden sich schließlich so schnell wie unkompliziert zu einer Reise in ihrem alten Expenso, den sie liebevoll und realistisch „Rolling Junk“ (dt. rollender Schrott) nennen. Die Reiseroute ist klar: es soll vom nordöstlich gelegenen Connecticut ins südliche Alabama gehen, rund 1600 Kilometer. Quer durchs Land in einem Wagen, der seinen Kosenamen zwar mit Stolz aber nicht von ungefähr trägt.

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In der Menge begann jemand zu kichern.
„Mit welcher Hälfte des Wagens wollen Sie losfahren?“, fragte eine abscheuliche Stimme, „der oberen oder der unteren?“
„Ich werde Sie in Schneiders Milchwagen überholen.“
„Wie wollen Sie das anstellen – im Leerlauf bergab rollen?“

Es kommt wie es kommen muss. Die Reise nach Alabama, die auf eine reale Unternehmung im Juli 1920 zurückgeht, gerät zum Roadtrip mit Hindernissen, die vornehmlich vom Auto selbst ausgehen. Das verliert auf der Strecke allerlei, von den Reifen bis zur Batterie und muss so oft wiederbelebt werden, dass das finanzielle Polster der Fitzgeralds beinahe ausschließlich in zahllosen Autowerkstätten auf dem Weg dahinschrumpft. Zuletzt müssen sie sich sogar via Telegraphie Geld schicken lassen, um auf den letzten Kilometern nicht ohne Obdach Hunger zu leiden. Je weiter die Reise voranschreitet, desto bedeutungsloser scheint ihr Anfang zu werden, desto wahnwitziger das Unternehmen an sich. Die von Fitzgerald erdichtete Schlusspointe krönt die herrlich leichtfüßige und humorvolle Erzählung, die so sehr von der vermeintlichen Ungeschicklichkeit Fitzgeralds lebt wie von der Personifikation des Autos. Das ist nicht nur irgendein Auto, sondern ein versehrter Kamerad, der trotz oder gerade wegen seiner Wunden mit erhobener Kühlerhaube in die bereits verlorene Schlacht zieht. Daraus entsteht unglaublich viel Witz, freilich aber auch ein präzise gesetzter Seitenhieb gegen allzu fanatische Liebhaber ihres Automobils. Die Suche nach Pfirsichen gestaltet sich schwierig.

Wir gaben die Suche auf, blieben vor einem Zeitungsstand stehen und vertrieben uns die Langeweile, indem wir Ansichtskarten von allen Kirchen Washingtons kauften und sie mit frommen Botschaften an unsere gottlosen Freunde schickten.

300 Dollar verdiente Fitzgerald seinerzeit an dieser vergnüglichen Reiseerzählung, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Nicht nur wegen ihrer Leichtigkeit, sondern auch aufgrund präziser Beobachtungen von Land und Leuten macht es Freude, den Eheleuten zu folgen, die in dieser frühen Erzählung deutlich harmonischer geschildert sind als sie tatsächlich waren. Es ist eine Geschichte von Sehnsucht, eine kleine Persiflage auf die sinnstiftende Kraft des Reisens. Hier wird das Versprechen der Freiheit und sich im Zuge der Ungebundenheit einstellenden Selbsterkenntnis ad absurdum geführt – schließlich geht es bei allem doch ursprünglich bloß um Biscuits und ein paar Pfirsiche. Die Fahrt endet im Chaos. Der eigentlichen Erzählung sind Reisebeschreibungen Zelda Fitzgeralds angefügt, die von ihnen als rastlosem Paar erzählen, das seine gemeinsamen Jahre überwiegend in unzähligen Hotels und belebten Cafés verbrachte. Immer in Bewegung, immer unter Strom. Sie schrieb ihn in einer psychiatrischen Klinik, in der sie immer wieder wegen psychotischer Schübe behandelt wurde. Der Text ist fragmentarisch, verbindet lose Elemente und Erinnerungen nur notdürftig miteinander, entfaltet aber dennoch erzählerische Kraft. Wer auf der Suche ist nach einer Lektüre, die hintersinnig ist, komisch und gewitzt, dem sei dieses kleine Frühwerk Fitzgeralds ans Herz gelegt.

"buchhandel.de/F. Scott Fitzgerald: Die Straße der Pfirsiche
Aus dem Amerikanischen von Alexander Pechmann
Aufbau Verlag,
157 Seiten
16,95 €

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