Rezensionen, Romane
Kommentare 1

einzlkind – Billy

Billy ist Schotte und der Sohn zweier Hippies, deren Drogenkonsum sie bereits in jungen Jahren unter die Erde gebracht hat. Er wächst bei seiner Tante Livi und seinem Onkel Seamus auf, der als einfacher Mann die Liebe zur Philosophie entdeckt und an seinen Ziehneffen Billy weitergegeben hat (sein eigener Sohn Frankie zeigte sich stets unbeeindruckt). Während Tante Livi einen furchtbaren Musikgeschmack hat, führt Onkel Seamus ein kleines Familienunternehmen, das sich auf seine ganz eigene Art für die Logik innerhalb des Universum einsetzt. Als Billy ins Business einsteigt, wird er ein Mörder, der sich um Mörder kümmert.

Sein jüngster Auftrag führt Billy in die Wüstenmetropole Las Vegas. Dort trifft er Whip, den einzigen Mitarbeiter, der von außerhalb zum Unternehmen gestoßen ist. Er ist jung, widerstandsfähig und ein Technikfreak, der sich eine kindliche Neugier für alles bewahrt hat. Seinen Kaffee trinkt er aus einer Tasse mit der Aufschrift „Pi Man“. Billys Liebe hingegen gilt mehr der Philosophie. Besonders beeindruckt ist er seit jeher von Nietzsche, von einem „der sich selbst immerzu widersprach, der sich das Recht herausnahm, neue Werte zu beanspruchen, nicht Erkenntnis predigte, keine Allgemeingültigkeiten (…)“. Auf seiner Reise begegnet Billy den skurrilsten Gestalten. Einem pummeligen Indianer, der Traumfänger und Heilkräuter verkauft, einem hyperaktiven deutschen Autohändler, der sich gern „Herman the German“ nennen lässt, einem dicklichen Elvis-Impersonator, der, trotzdem er prominent auf dem Cover des Buches platziert ist, wenig mit der Geschichte zu tun hat und dem wildgewordenen Chauffeur Archie, der sich als lachgasabhängig herausstellt.

Es stimmt schon: Nicht nur die Städte sehen immer gleicher aus, auch die Menschen. Sie bewegen sich auf das Mittelmaß zu, auch die Gefühle, eine gleichförmige Wellenbewegung, wenig Ausschläge, nicht Liebe, nicht Hass, nicht groß, nicht klein, alles so low, so sepia, Dämmerzustand, behagliches Unbehagen.

Weil alles so dämmernd sepiafarben ist, begreift sich dieser Roman offensichtlich als quietschbunter Gegenentwurf. In Archies stadtbekannter Klapperkiste verschlägt es die Geschäftskollegen zu einem Bingoturnier mit alten Damen und pummeligen Mädchen, die das Bingospielen auch für die junge Generation wieder attraktiv machen wollen. Vom Bingotisch geht’s zum Langzeitpoker, bis der Roman so endet, wie er begonnen hat: mit einem Mord. Einzkind, dessen Identität nach wie vor ein gut gehütetes Geheimnis ist, betrat 2010 mit „Harold“, deutlich inspiriert von den Übungsselbstmorden im Filmklassiker „Harold und Maude“, als Autor die literarische Öffentlichkeit. Stets erzählt er abgedrehte Geschichten mit den absonderlichsten Charakteren, so auch im 2013 erschienenen „Gretchen“. Leider beginnt sich diese Art der Skurrilität im Laufe der Zeit merklich abzunutzen. Eine schräge Episode jagt die nächste, da macht „Billy“ keine Ausnahme. Ausstaffiert mit gelegentlichen Rückblicken in seine Kindheit, ist der Roman eine repetitive Aneinanderreihung von Anekdoten, über die man nach (spätestens) 100 Seiten nur noch müde schmunzeln kann. Was in „Harold“ noch witzig war, ist jetzt unweigerlich zur Pose geworden. Es geht Billy bei seinen Auftragsmorden an Mördern, die sich vor ihm Tod noch ein Lied wünschen dürfen, auch nicht um Gerechtigkeit, sondern um die logische Folge.

Es geht um Konsequenz. Und Verdienst. Nicht um eine moralische Schuld, sondern um eine ökonomische, eine logische, eine faktische. Jeder Handlung, jeder Tat folgt eine Reaktion. Das war schon immer so. Und manchmal kann sie ganz schön teuer werden, die Tat. Und ich, ich bin eigentlich nur der Schuldeneintreiber.

Die Figuren sind zu überzeichnet, um langfristig entweder authentisch oder anhaltend amüsant zu sein. Billys Welt lebt von Selbstdarstellern, die es schließlich zu Karikaturen ihrer selbst gebracht haben. Ab und an fließt ein abgenutzer gesellschaftskritischer Gedanke ein, der sich oft genug auf die Formel „Alle Menschen sind dumpfe Herdentiere (nur ich nicht!)“ herunterbrechen lässt. Leider bleibt Einzlkinds dritter Roman so blass, dass man sich nichts vorwerfen muss, wenn man ihn einfach nicht liest. Die kurz aufflackernden Momente guter Unterhaltung sind gegenüber erwartbarer Possen deutlich unterrepräsentiert. Ein federleichter Roman, der vorüberzieht und trotzdem er so bemüht „crazy“ daherkommt, keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.

einzlkind: Billy, Insel Verlag, 203 Seiten, 9783458176473, 18,95 €

1 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] einzlkind – Billy – #Bücher

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.