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Die ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher

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Seit rund einer Woche sind die ersten 12 Titel der ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher nun online oder über den Buchhandel erhältlich. Es sind zwölf wiederentdeckte Klassiker, von Alice Walker und Stanislaw Lem über William Faulkner bishin zu Françoise Sagan. Allesamt Werke renommierter ErzählerInnen innerhalb des weltliterarischen Kanons, die zu lange nicht mehr neu zu kaufen und allenfalls in chaotischen Flohmarktkisten zu entdecken waren. Dieses Projekt des Verlags Eder & Bach hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese zu Unrecht vom Markt verschwundenen Juwelen wieder auffindbar zu machen. Verlagsgründer Klaus Füreder, der u.a. bereits die SZ-Bibliothek entwickelt und vermarktet hat, kennt sich aus mit Großprojekten dieser Art. Im Fall der ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher hatte er dabei Unterstützung von namhaften Literaturredakteuren der ZEIT, die ihn bei der Konzeption und Recherche tatkräftig unterstützt haben. Und so ist aus dieser launigen Idee letztendlich so etwas wie ein kleines Aufbegehren gegen die Geschwindigkeit des Marktes entstanden, die so manches lohnenswerte Buch im Meer von Neuerscheinungen verschwinden lässt – oder ihm bloß eine äußerst kurze Halbwertszeit im Rampenlicht gönnt. Die Mühlen mahlen mitnichten langsam, sondern rasend schnell. Im Buchhandel ist ein Titel, der 2008 erschien, schon nahezu antiquiert, Bote aus einer fernen Zeit und oft genug nicht mehr lieferbar. Und so ist die ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher gleichsam eine erholsame Entschleunigungsbewegung.

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In diesem Zusammenhang werden natürlich auch das Internet und Literaturblogs zu einer relevanten Größe, wenn es darum geht, das gute Buch und Diskussionen darüber lebendig zu halten. Das Internet hat, so sagte Nora Gomringer sehr richtig in einer Diskussion auf der Frankfurter Buchmesse, den längeren Atem. Es kann bewahren und kuratieren, was woanders längst dem Vergessen anheimfällt – aus oft fadenscheinigen oder wenigstens zu dogmatisch bekräftigten Gründen, die der Aktualität eines Titels größte Priorität einräumt.
Wenn alles gut geht, sagt Klaus Füreder, möchte er die Reihe weiterführen. Die ersten zwölf Titel sind jetzt sowohl im Schmuckschuber als auch über den Buchhandel als Einzelbände erhältlich. In Halbleinen gebunden und jeweils mit einem kundigen Nachwort versehen, machen sie sowohl optisch als auch inhaltlich was her. Sofern das Interesse groß genug ist, soll künftig jeden Monat ein verschwundenes Buch neu aufgelegt werden. Es wäre wünschenswert, dass dem Projekt der Sprung in die Regelmäßigkeit gelingt. Einerseits natürlich, weil viel Liebe zur und Leidenschaft für Literatur dahintersteckt, andererseits aber auch, um Entdeckungen ganz bewusst zu fördern. Ich habe Klaus Füreder, als er mit dem Projekt an mich herantrat, einige Fragen gestellt.

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Klaus Füreder

Was reizt Sie ganz persönlich an verschwundenen Büchern? Wie entdecken Sie Kleinode am Wegesrand?

Viele meiner Lieblingsbücher wie „Wilde Palmen“ oder „Giovanni’s Zimmer“ waren plötzlich nicht mehr lieferbar, obwohl jedes Jahr Tausende Bücher neu erscheinen, die ganz sicher nicht diese Qualität haben. Es geht also darum, den Liebhabern guter Literatur diese Schätze zu erhalten und die Autoren nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, in einem immer unübersichtlicher werdenden Markt.

So en passant findet man diese Bücher aber nicht, dem Ganzen geht eine sehr umfangreiche Recherche voraus, und die eigentlichen Rechteinhaher ausfindig zu machen, ist oft viel schwieriger als man denkt.

Die ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher ist gewissermaßen ein kleiner Beitrag zur Entschleunigung des Buchmarktes. Wie stehen Sie zu der kurzen „Halbwertszeit“ eines Buches, nachdem es bereits wieder von Neuerscheinungen aus dem Fokus des öffentlichen Interesses verdrängt wird?

Ja, leider ist das so. Mittlerweile hat ein Roman, der nicht auf den Bestsellerlisten steht nur noch eine Lebensdauer von etwas über einem halben Jahr, bevor es wieder von den Buchhändlern an den Verlag zurückgeschickt wird. Bei dem Aufwand, den Autor und Verlag meistens betrieben haben, eine sehr bittere Tatsache.

Nach welchen Kriterien wurden diese ersten zwölf Titel ausgewählt? Gibt es Titel, die es bisher noch nicht wieder zur Veröffentlichung gebracht haben, denen Sie es aber wünschen?

Das Hauptkriterium ist natürlich dass das Buch vergriffen ist und es muss sich um einen bekannten Autor und um einen Titel mit anerkannter literarischer Qualität und Bedeutung handeln. Davon gibt es mehr Bücher als man vermutet: ich habe bereits wieder eine Liste mit über 20 neuen Büchern, falls das Ganze ein Erfolg wird.

Diese erste Edition besteht überwiegend aus klassischen Erzählern und Erzählerinnen, großen Namen der Weltliteratur. Könnten Sie sich vorstellen, auch Schätze der Genreliteratur zu heben, z.B. verschwundene Klassiker der Kriminalliteratur?

Ja, unbedingt. Ich würde das aber nicht so kategorisch von einander trennen wollen. Eine große Krimischriftstellerin wie z.B. Patricia Highsmith hat auch eine enorme literarische Qualität.

Glauben Sie, dass das Internet und einschlägige literarische Plattformen heute dazu beitragen können, gute Bücher über einen längeren Zeitraum präsent zu halten und ihr zu schnelles Verschwinden zu verhindern?

Das hoffe ich sehr und freue mich darüber, dass es Menschen wie Sie gibt, die mich darin unterstützen.

Ich habe mir nun zwei verschiedene Bücher ausgesucht, die ich gern verlosen möchte. Einerseits Alice Walkers ,Die Farbe Lila‘, das 1983 u.a. mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde – viele Menschen dürften die Geschichte aus Steven Spielbergs Verfilmung mit Whoopi Goldberg kennen. Andererseits ein Roman des serbischen Autors Aleksandar Tišma, der in den 90er Jahren einst bei Hanser erschien: ,Der Gebrauch des Menschen‚. Innerhalb eines Zyklus stehend erzählt er Einzelschicksale von Krieg, Besatzung und Holocaust.

Um mitzumachen, schreibt mir doch in die Kommentare, für welches Buch von beiden ihr euch interessiert und welche vom Radar verschwundenen Bücher euch begeistert haben!

Die Verlosung läuft bis zum 09.11.!

Auch bei anderen BloggerkollegInnen gibt es Einzeltitel zu gewinnen: so bei der Klappentexterin, Die Liebe zu den Büchern und Ruth liest.

6 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Die ZEIT-Bibliothek der verschwundenen Bücher – #Bücher

  2. Oha – 9.10., da muss ich mich aber beeilen. 😉
    Mich interessiert der Tisma, und begeistert, da vom Radar, haben mich z.B. Katherine Mansfields erste Kurzgeschichtensammlung „At a German Pension“ oder der kürzlich wiederentdeckte „Stoner“ von Williams. Gut ist auch der erst 2010 ins Deutsche übersetzte Roman von Richard Yates „Ruhestörung“ aus dem Jahr 1975.

  3. Katharina sagt

    Mich würde „Der Gebrauch des Menschen“ interessieren, da ich es schon länger lesen wollte und einfach kein Exemplar im Antiquariat gefunden habe bisher. An vom Radar Verschwundenem hat mich „Die Großwäscherei“ von Andor Endre Gelléri, ein überaus moderner Großstadtroman des leider viel zu früh verstorbenen Autors über die zermürbenden Schicksale der Bediensteten ebendieser Wäscherei mit immer wieder eingestreuten federleichten, poetischen „Sonnenstrahlen“, die das Leben erträglicher machen. Ach, sorry, bin schon wieder ins Schwärmen abgerutscht.
    Ich greife immer wieder gerne zu aus der Vergessenheit geborgenen Perlen, ist mir fast lieber als Zeitgenössisches. Dass diese Trüffelsuche nun in Kooperation mit einer bekannten Zeitung erfolgt, verschafft dem Unterfangen hoffentlich die verdiente Aufmerksamkeit!

  4. Tišma reizt mich tierisch! Unglaublich dieses Projekt! Ich bin ganz begeistert und feiere den Respekt, der Schriftstellern hierdurch für ihre Kunst gezollt wird.
    Passend dazu möchte ich „Liebe und Tod in Havanna“ von Jerome Savary vorschlagen. Das fürchterliche Cover und der Klappentext haben dieses Buch in die Grabbelkiste zu Kitschromanen verbannt. Herr Savary hat aber eine wundervolle und komplexe Geschichte über das innerliche Drama eines Schriftstellers geschrieben, die einen ganz nebenbei auch noch mitten in das originale Havanna/Kuba versetzt, wie es nicht mehr lange existieren wird. Mir ist es immer in Erinnerung geblieben.

  5. Der 9.10 ist mir auch aufgefallen. Auch der Tisma würde mich interessieren. Und ich muss sagen, ich mag das Projekt sehr. Wobei ich überrascht bin, wie „neu“ die Romane in dieser Bibliothek noch sind. Ich glaube, es gibt in den letzten Jahrzehnten noch einige weit mehr vergessene Bücher, die es wert sind, wieder hervorgeholt zu werden.
    Das ist etwas, das mir erst kürzlich aufgefallen ist: Es gibt kaum Blogger/Feuilletons/Medien, die fast vergessene Werke wieder rezensieren, wieder ins Bewusstsein holen. Wer sagt denn, dass nur Neuerscheinungen rezensiert werden dürfen?

    Lächeln, Fabian

  6. Yvonne sagt

    Ich würde mich sehr für Tišmas „Der Gebrauch des Menschen“ interessieren. Sehr freuen würde ich mich auch darüber, wenn es mal wieder Neuerscheinungen des japanischen Autors Natsume Soseki auf deutsch geben würde, da ich es schade finde, dass von einem der größten japanischen Schriftsteller kaum mehr etwas erhältlich ist.

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