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Sigismund Krzyzanowski – Der Club der Buchstabenmörder

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Im Club der Buchstabenmörder treffen Männer unter der Prämisse zusammen, ihre kreativen Einfälle und literarischen Fantasien auf keinen Fall in schriftlicher Form zu Papier zu bringen. Gewissheit tötet Freiheit, Tinte auf Papier Ideen. Indem sie ihnen eine Leine um den Hals legt und sie damit in eine strenge Form nötigt. So treffen sich also diese Herren unter der Schirmherrschaft eines einstmals bekannten und gefragten Schriftstellers samstäglich in trauter Runde, um sich nach Boccaccio-Manier Geschichten zu erzählen.

Die Werke Sigismund Krzyzanowskis sind, trotzdem er seinerzeit einige bekanntere Fürsprecher hatte, bis heute den meisten unbekannt. Sie werden aufgrund ihrer phantastisch-düsteren Färbung häufig verglichen mit Kafka, Poe, E.T.A. Hoffmann oder Borges, was sich im Mitte der 1920er geschriebenen „Der Club der Buchstabenmörder“ deutlich widerspiegelt. Durch den Tod seiner Mutter gezwungen, den Großteil seiner Privatbibliothek zu veräußern, um zur Beerdigung zu reisen, sieht sich ein Schriftsteller plötzlich mit der inspirierenden Kraft der Leere konfrontiert. Während er anfangs noch versucht, bekannte Geschichten wie Cervantes‘ Don Quijote so gut es geht vor dem leeren Regal zu rekapitulieren, entwickeln seine Fantasien ein Eigenleben. Immer mehr Eigenes fließt in die innere Nacherzählung ein, bis schließlich völlig neue Geschichten entstehen. Plagte ihn vor dieser Entdeckung noch die schriftstellerische Erfolglosigkeit, werden seine neu überarbeiteten Manuskripte nun nicht mehr zurückgeschickt, sondern gedruckt. Aber die Arbeitswut, die fließbandartige Buchstabenausschüttung tötet seine Kreativität. Er beschließt, keine einzige Idee mehr zu verschriftlichen und nur noch im Ideellen seine Geschichten zu erfinden. Der Club der Buchstabenmörder ist geboren.

Schriftsteller sind im Grunde professionelle Wörterdompteure, und wären die Wörter, die die Zeile entlanglaufen, lebendige Wesen, würden sie die Spitze der Feder wohl ebenso fürchten und hassen wie dressierte Tiere die gegen sie erhobene Peitsche.

Die Teilnehmer dieser exklusiven Runde legen an der Türschwelle ihre Namen ab. Für große Schriftstellernamen sei dort kein Platz, wo man Festlegung und Erstarrung scheue. Sie alle werden mit „sinnlosen Silben“ bezeichnet; konkret: einem Vokal werden zwei Konsonanten an die Seite gestellt, das entstehende Konstrukt wird von womöglich zufälliger Bedeutung bereinigt und herauskommen Namen wie Tyd, Ses, Hiz oder Hok. An jedem Samstag erzählt ein anderer, nur von gelegentlich kritischen Einwürfen der anderen unterbrochen. Von Shakespeares Hamlet und der Emanzipation einer Rolle – Krzyzanowski verfasste Studien über Shakespeare und war für so eine Spielerei mit Realität und Rolle daher bestens ausgerüstet* -, von einer mittelalterlichen Eselsmesse, die alljährlich Einladung zur Ausschweifung und Grund zur Beichte war, von einem wandernden Goliard, der die Tätigkeiten eines Gauklers und eines Mönchs miteinander verband. Die längste Erzählung rankt sich um sogenannte Exen, Maschinenmenschen, deren Handeln von Zentralcomputern aus gesteuert wird. Anfangs als Mittel gegen Geisteskrankheit entwickelt, zieht es weite Kreise innerhalb der Gesellschaft, es existiert keine Verbindung mehr zwischen Psyche und Körper. Wie lebende Tote schlurfen die Exen durch die Städte. Es fällt nicht schwer, darin den offensichtlichen Ausdruck einer totalitären Gesellschaft zu sehen, in der ein Zentralorgan, sei es maschineller oder menschlicher Natur, Marsch – und Denkrichtung vorgibt.

Jeder Muss seine Wahl treffen. Manche haben das bereits getan: Einige haben den Kampf um die Existenz gewählt, anderen den Kampf um die Nichtexistenz.

Krzyzanowski präsentiert in den Buchstabenmördererzählungen eine riesige Bandbreite von fantastischen, philosophischen oder religiösen Anspielungen, die zu entziffern nicht jedem gelingen wird. „Der Club der Buchstabenmörder“ lebt von seiner Fabulierlust, seinen Querbezügen, Denkfiguren und Einladungen teilzunehmen an diesem Erzählkreis, der seine Ideen verzweifelt allein durch die mündliche Weitergabe am Leben zu halten versucht. Aber im Laufe der Zeit werden auch die Geschichten immer düsterer, sie enden unweigerlich mit dem Tod, so wie der Tod auch in die Gruppe Einzug hält. Krzyzanowskis Roman ist sprachlich und stilistisch ein Hochgenuss, jedoch kein Buch für jedermann. Ihn zu entschlüsseln, erfordert hier und dort kulturelle Kenntnis oder Bereitschaft. Ihn zu genießen nicht unbedingt. Krzyzanowski, nach einem Schlaganfall 1949 unfähig, Buchstaben zu entziffern, heißt: zu lesen, ist ein glänzender Erzähler, der sich hinter berühmteren Landsleuten wie Michail Bulgakow nicht verstecken muss.

Sigismund Krzyzanowski: Der Club der Buchstabenmörder, aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg, Dörlemann Verlag, 224 Seiten, 9783038200192, 20,00 €

* man könnte auch leise Anklänge an Luigi Pirandellos spielerischen Umgang mit Identität entdecken.

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