Rezensionen, Romane
Kommentare 3

Mercedes Lauenstein – Nachts

nachts

In der Nacht dreht sich die Welt langsamer. Die Menschen sind auf sich zurückgeworfen, genießen oder fürchten die Einsamkeit. In brilliant beobachteten und eindrücklich beschriebenen Miniaturen geht Mercedes Lauenstein dem Wesen der Nacht und der in ihr Schwärmenden nach. Was macht die Stille der Dunkelheit mit den Menschen? Was treibt sie um, wenn sie nicht schlafen können? Es sind Geschichten für (Pardon, Max Goldt!) Nächte am offenen Fenster.

Wer sich jemals mitten in der Nacht in ein Gespräch hat verwickeln lassen, weiß, dass die Tiefe eines Austauchs in nächtlicher Stelle wächst je später es wird. Fassaden, Masken, Manierismen und Ablenkungsmanöver werden bedeutungslos, wenn die Außenwelt auf ihr Minimum reduziert ist. „Nachts“ beschreibt die vermeintlichen Forschungen einer jungen Frau durch die erleuchteten Wohnungen ihrer Stadt. Zwischen 2 und 5 Uhr nachts klingelt sie bei denen, die noch wach geblieben sind. Während der Großteil der Menschen um diese Uhrzeit kollektiv in tiefem Schlummer liegt, gibt es auch solche, die mehr oder weniger rebellisch die Stellung halten, aus den unterschiedlichsten Gründen. So mancher genießt die Einsamkeit, die Ruhe, die ihn von allen alltäglichen Pflichten für ein paar Stunden freispricht. Es ist wohltuend, wenn das Hamsterrad steht für einen Moment und es um die wirklich wichtigen Dinge, die wirklich großen Gedanken und Träume gehen darf. Die Nacht hat etwas Pathetisches, das man ihr nicht übelnehmen kann.

Nachts, sagt er, fällt ihm das leichter, weil nachts alles weniger ernst ist, weil sich nachts sogar die braven Menschen mit ihren geregelten Tagsüberjobs in ungehemmten Träumen  verlieren und nachts deshalb alles Raum hat, was am Tag keinen hat.

Die namenlose Forscherin, die ihre Geschichte stetig neu erfindet, trifft auf junge Frauen, die den Boden schwankender Segelschiffe unter den Füßen brauchen, deren natürliche Bewegung das Reisen und nicht das Stillstehen ist. Frauen, die wach sind aus Angst, ihr Herz schlüge zu schnell und könne aussetzen, solche mit eigentlich unfreiwilligem Astrophysikstudium, ungewöhnlichen Lebenskonzepten. Sie begegnet Männern, denen Trennungen in den Knochen stecken, einem ehemaligen Bäcker, dessen Lebensrhythmus immer schon ein anderer war, einem pensionierten Taxifahrer, den das Gewimmer seines Schwiegervaters von nebenan fast jede Nacht aus dem Schlaf reißt. Sie trifft Egon, mit dem sie sich nur in absurden Sätzen unterhalten kann, weil er anders nichts versteht und Fedora, die kein Deutsch spricht. In jeder Begegnung steckt weit mehr als bloß die Geschichte eines nächtlichen Zusammentreffens, es sind Fragmente unzähliger Leben und zahlreicher Geschichten. Bei manchen sind es nur Phasen der Schlaflosigkeit, weil Dringendes unter den Nägeln brennt und im Kopf rumort. Bei anderen sind es langfristige Auswirkungen, Gewohnheiten, die längst zur Routine geworden sind.

Sie schläft nicht, weil sie nicht schlafen kann, „ganz einfach“. Alles sei heute Nacht so unruhig. Obwohl man vom Fenster aus niemanden sehe, der durch die Straßen geht, spüre man, dass die Menschen sich in ihren Betten wälzen. Dass irgendeine aufgebrachte Bettwärme durch die Straßen ziehe und nicht wisse, wohin mit sich.

In Mercedes Lauensteins Erzählungen pulsiert das Leben auf leise, unaufdringliche Art. Es scheint außerdem weit ehrlicher und aufrichtiger zu sein als sonst. Nicht großspurig, sondern sich seiner Schwächen bewusster. ,Nachts‘ befriedigt auf eindrucksvolle Weise die stets präsente Sehnsucht nach Geschichten, in denen wir uns erkennen und spiegeln können. Unweigerlich packt einen die Lust, mit den Menschen nur noch nachts zu sprechen, wenn man diese Erzählungen liest und sie ein bisschen wie im Fieber durchschreitet als ginge man selbst des Nachts auf die Jagd. Dieser Debütroman ist vortrefflich gelungen, weil er so herrlich unprätentiös ist, so perspektivenreich und vielschichtig. Weil er vom Leben mit seinen Brüchen erzählt, nicht nur mit seinen Erfolgen. Ich bin – und das bedauere ich jetzt ein bisschen – kein Nachtmensch, denn für dieses Buch könnte ich einer werden. Offensichtlich sind wir nachts die besseren Menschen.

Mercedes Lauenstein: Nachts, Aufbau Verlag, 191 Seiten, 9783351036140, 18,95 € 

3 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Mercedes Lauenstein – Nachts – #Bücher

  2. Pingback: [Rezension] Nachts von Mercedes Lauenstein – Lovely Mix

  3. Pingback: Ich weiß, was du letzten Sommer gelesen hast - #Lesesommer2015 | Lovely Mix

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.