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Heinz Helle – Eigentlich müssten wir tanzen

In Heinz Helles neuem Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist die Welt, wie wir sie kennen, aus den Fugen geraten. Sie gleicht einem zerstörten Kriegsgebiet, wenn die Ursache der verheerenden Zerstörung auch im Unklaren bleibt. Für die fünf jungen Männer, die ihr Wochenende auf einer Berghütte verbringen, ist dieser Ausflug lebensrettend. Aber wie lebt es sich in einer Welt, die nur noch aus Zerstörung, Elend und Einsamkeit besteht? Was bleibt übrig von Mensch, Kultur und Zivilisation? Ein eindringliches, lakonisches und trotz aller Ödnis sehr intensives Buch.

Kürzlich ließ ein Wetterdienst verlauten, in naher Zukunft könnte ein Meteorit die Erde auslöschen. Die Ankündigung des nahenden Weltuntergangs hat Tradition, auch wenn sie überwiegend friedfertig belächelt wird. Die Welt ist selbstverständlich, solange wir nicht vom Gegenteil überzeugt werden. So wie Drygalski, Fürst, Gruber, Golde und der Ich-Erzähler in Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“. Eigentlich wollten sie auch nur ein Wochenende auf einer verschneiten Berghütte verbringen und retten sich damit unwissentlich, ja zufällig ihr Leben. Als sie die Hütte verlassen, um den Nachhauseweg anzutreten, sehen sie das Dorf im Tal in Brand stehen. Nicht nur ein Haus oder eine einzelne Siedlung, einfach alles wird von gierigen Flammen verspeist, die wer-weiß-woher kamen. Infolgedessen streifen die Männer an ihrem ausgebrannten Auto vorbei, durch verlassene und verwüstete Straßen, leere Supermärkte, auf der Suche nach einem Ort, der unversehrt geblieben ist; nach einem Ort, der ihnen das Nötigste zum Leben bietet.

Wir rücken eng aneinander, so wie wir es immer tun zurzeit, wir haben einfach noch keine Lust, zu erfrieren, warum, können wir auch nicht genau sagen, wir wissen nicht, worauf wir warten oder was wir zu finden hoffen auf unserem Marsch durch eine Landschaft, die nichts weiter ist als eine ständige Erinnerung daran, dass nichts mehr so ist wie früher.

Sie ernähren sich provisorisch von dem matschigen Gurkensalat eines zurückgelassenen Buffets, von halbgefrorenen Kräuterbaguettes und nicht selbst getöteten Tieren. Sie betrachten die menschlichen Hinterlassenschaften materieller Art mit ganz anderen Augen, sie sind wertlos geworden in einer Welt, in der man plötzlich auf das Nötigste zurückgeworfen ist. Essen, vorwärtsgehen, nicht frieren, schlafen. Für höhere Regungen ist immer weniger Zeit und Bedarf. Als Fürst sich den Fuß bricht, bleibt er zurück, wird er zurückgelassen von seinen Freunden. Als Golde sich beim Einbruch in einen verlassenen Supermarkt an der zersplitterten Scheibe schwer verletzt, wird er gnädig erschlagen. Gelegentlich treffen sie auf Menschen, die leben und ihrer Hilfe bedürften. Auch sie werden ausgebeutet und zurückgelassen. Eine Null-Empathie-Politik angesichts des eigenen Verderbens. Die Männer wissen nicht, ob woanders noch jemand lebt und sie retten könnte und so beschließen sie, in den wässrigen Schnee etwas einzuschreiben, das von oben sichtbar wäre, etwas Versöhnliches, Unmissverständliches. Sie beginnen ihre Arbeit, schlurfen auf vorgefertigten Bahnen entlang, als sie feststellen, dass der Schnee bereits schmilzt. Sie bringen das Peace-Zeichen nicht zu Ende. Stattdessen prangt ein Mercedes-Stern im Eis.

Unsere Füße streifen über den weichen Waldboden. Wir heben sie nicht mal mehr richtig hoch. Wir streicheln die Oberfläche des Planeten, als wollten wir uns mit ihm versöhnen.

Durch die Zerstörung aller Selbstverständlichkeiten auf das Wesentliche und Archaische zurückgeworfen zu werden, ist kein neuartiges litrarisches Motiv. Heinz Helle aber schreibt mit solch poetischer Wucht, dass man sich diesem destruktiven Sog, der Ästhetik des Untergangs schwer entziehen kann. Gleichwohl sucht man pathetische Ausrutscher hier glücklicherweise vergebens, vielmehr findet man hochkonzentrierte Atmosphäre, die beinahe mit Händen zu greifen ist. Die Gruppe der Freunde zerfällt unter diesen lebensfeindlichen Bedingungen – und dennoch geht das Leben weiter. Sogar so weit, dass die Letzten zu einer Verteidigung ihres Lebens imstande sind, als sie einen aus dem Schlaf Schreckenden verfolgen und erschlagen. Heinz Helles Roman vereint gekonnt Poesie und Schroffheit, Eleganz und Einfachheit, Mitgefühl und Kälte. Trotz seines vergleichweise geringen Umfangs ist dieser Roman kein leichter Spaziergang. „Eigentlich müssten wir tanzen“ gelingt trotz eines düsteren Settings und seiner einfachen, dichten Sprache der Balanceakt zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Nominiert für den Deutschen Buchpreis und leider nicht mehr auf der Shortlist dabei, lohnt sich dieser literarische Ausflug in eine Welt, die andernorts weit weniger fiktiv ist als sie uns hier erscheinen mag. Einfach gekonnt, verstörend und direkt!

Das wiederholte Wieder-einmal, das uralte Auf-ein-Neues, das Öffnen der Augen, das Einsaugen der Luft, das partielle Feuern der allernötigsten und vorerst einzigen verfügbaren Hirnareale, das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Spezies, die dazu verdammt ist, zu glauben, dass die Zugehörigkeit zu dieser Spezies etwas Besonderes aus ihr macht (…)

Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen, Suhrkamp Verlag, 173 Seiten, 9783518424933, 19,95 €

Weitere Rezensionen bei Buchpreisblogger Jochen Kienbaum von LustaufLesen und dem Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski.

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