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Evelyn Waugh – Lust und Laster

Das Leben ist eine niemals endende Party und überhaupt ein Umstand, der nur durch den permanenten Rausch ertragen werden kann. Würde man mit Evelyn Waughs ursprünglich 1930 erschienenen, glänzenden Satire auf die entfesselte Partygesellschaft der Roaring Twenties ein Trinkspiel veranstalten, man könnte innerhalb kürzester Zeit so betrunken sein wie ihre Protagonisten.

„Schätzchen, lass uns noch einen Drink nehmen“, ist der mutmaßlich am häufigsten gesprochene Satz in Evelyn Waughs ,Lust und Laster‘, das im Frühjahr in einer Neuübersetzung von pociao erschienen ist. Im Mittelpunkt der Feierwütigen steht Adam Fenwick-Symes, ein junger Schriftsteller, dessen fertiges Manuskript bei einer Einreise nach England als pornographisch konfisziert und vernichtet wird. Nicht nur sein mögliches Ticket zu Ruhm und Reichtum geht damit in Flammen auf, auch seiner losen Hochzeitsabsicht mit Nina können nun keine Taten mehr folgen. Schließlich heiratet Nina nur Männer mit Geld. So gern sie heiraten würde – um des Heiratens willen -, da hat sie ihre Prinzipien, die durch keinen Liebhaber dieser Welt gebrochen werden können. Es beginnt ein höchst amüsantes Spiel, bei dem Adam durch aberwitzige Situationen jeweils zu Geld kommt und es wieder verliert. Wie gewonnen, so zerronnen. Aber was kostet schon die Welt?

Sie gingen hinauf zu Richter Skimps Suite, doch dort hatte katastrophalerweise eine der jungen Damen versucht, auf dem Kronleuchter zu schaukeln.

Dass es ein Leben kosten kann, nicht mehr zu den wichtigen Feierlichkeiten geladen zu werden, erfährt Simon Balcairn, der als Mr. Chatterbox die Klatschspalten der Presse mit den neuesten Geschichten über die Schönen und Reichen versorgt. Als nicht einmal Adam ihn noch ins Partygetümmel schmuggeln kann, entschließt er sich zu einem letzten publizistischen Aufbegehren und letztlich zum Selbstmord. Adam übernimmt als Autor seine Tätigkeit und ist nicht nur gern gesehener Gast auf jeder Party, er beginnt gar, neue Trends zu lancieren, indem er bewusst nicht nur Menschen, sondern auch Gewohnheiten erfindet. Das Tragen von dunklen Lederhandschuhen wird innerhalb kürzester Zeit Mode, einzig die grüne Melone schafft es doch nicht auf die Häupter der Vergnügungssüchtigen. Zu extravagant. Überraschend gelingt es Adam, 1000 Pfund zu verdienen, die ihm ein betrunkener Major wieder abschwatzt, um beim Pferderennen auf einen lahmen Gaul zu setzen. Headline in Waughs Roman ist „anything goes“, gewöhnlich ist langweilig, zweifellos für jeden im Bienenstock der privilegierten High Society. Und wenn man dabei auch durch einen schaukelnden Kronleuchter zu Tode kommt.

Mit der Zeit führte Mr. Chatterbox Kolumne die Leser auf einen grandiosen Irrweg. Willkürlich wie ein Sultan erzählte Adam seinen Lesern von unerreichbaren Restaurants, die momentan der letzte Schrei waren, oder schickte sie zum Tanzen in alkoholfreie Hotels in Bloomsbury.

Irgendwann muss auch die mondänste Clique in diesem Hamsterrad aus dem Gleichgewicht geraten und so kommt nicht nur Agatha Runcible in einem Rennwagen von der Straße ab und landet überreizt im Sanatorium (wo selbstredend möglichst schnell eine Party organisiert wird!), es bricht auch ein neuer Krieg aus, der die Genusssucht in Waughs Roman allerdings auch nur bedingt in die Schranken weisen kann. Man darf davon ausgehen, dass Waugh als schnell erfolgreicher Autor selbst die Partygesellschaft erlebt haben dürfte, die er in ,Lust und Laster‘ fantastisch überzeichnet darstellt. Anders als Truman Capote fand er sich selbst allerdings auf Dauer deutlich weniger zufrieden inmitten des schnatternden Partyvolks. Waugh zeichnet eine Gesellschaft, die Grenzen als eine unbedingte Einladung, wenn nicht Befehl betrachtet, sie zu überschreiten. Alles wird einem Drink, einem Spaß, einer spontanen Laune untergeordnet. ,Lust und Laster‘ (Original: „Vile Bodies“) war der erste große kommerzielle Erfolg für den Romancier und Satiriker, der als einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts gilt. Und er ist noch heute unheimlich komisch, treffsicher und lesenswert! Stephen Fry verfilmte den Roman 2003 unter dem Titel ,Bright Young Things‘.

 

Evelyn Waugh: Lust und Laster, aus dem Englischen von pociao, Diogenes Verlag, 288 Seiten, 9783257069303, 23,90 €

4 Kommentare

  1. Pingback: [Literaturen] Evelyn Waugh – Lust und Laster – #Bücher

  2. Mr. Waugh steht noch immer auf meiner Liste der zu entdeckenden Autoren. Die Rezension klingt ebenfalls sehr spannend. Wir schaffen das schon noch mal miteinander Mr. Waugh und ich, bin ganz sicher 😉

    • literaturen sagt

      Es war auch mein erster Waugh! Aber er hat sich gelohnt, „Wiedersehen mit Brideshead“ habe ich auch noch im Regal. 🙂 Viel Spaß mit Waugh, wenn ihr denn zusammentrefft.

  3. Hi,

    Danke für den Tipp, weiß gar nicht, warum der Roman bisher an mir vorbeigegangen ist. Ich werds mir aber eher für den nächsten Waterstonebesuch notieren, ums auf Englisch zu lesen.

    Viele Grüße,
    Ulrike

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