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Christine Wunnicke – Der Fuchs und Dr. Shimamura

fuchs

Füchse und Fuchsgeister (kitsune) sind wesentlicher Bestandteil japanischer Folklore. Sie können von Menschen Besitz ergreifen, meistens jungen Frauen und Mädchen. Im 19. Jahrhundert wird Dr. Shunichi Shimamura in ein Gebiet beordert, das mit besonders hohen Zahlen an Fuchsbesessenheit zu kämpfen hat. Er soll das Phänomen als Neurologe untersuchen. Mäßig begeistert von der Aufgabe, sich einem Aberglauben zu widmen, für den die Medizin bessere Erklärungen hat, macht er sich gemeinsam mit einem schwatzhaften Studenten auf den Weg zu einer Expedition, die sein Leben verändern wird.

Der von Christine Wunnicke so liebevoll beschriebene Dr. Shimamura ist keine Erfindung. Er existierte, war Neurologe und unterrichtete 1894 zeitweilig sogar Forensik an einer japanischen Universität. Viel ist nicht über ihn bekannt, doch Christine Wunnicke nahm seine Untersuchungen über die sogenannte Fuchsbesessenheit zum Anlass, sich mit ihm und dieser folkloristischen Deutung unerklärlicher Symptome zu beschäftigen. Gemeinsam mit einem jungen Studenten, der deutlich lebhafter an die Aufgabe herangeht, besucht er vermeintlich Besessene und findet oft ganz handfeste Erklärungen für die „kitsunetsuki“. Manchmal ist es die Hysterie, ein anderes Mal die Epilepsie, überhaupt galten viele fieberhafte Erkrankungen für Anzeichen einer Besessenheit. Wer vom Fuchs besessen war, verwandelte sich auch schleichend und nahm dessen Gewohnheiten an. Die einzig Lösung war ein Exorzismus, bei dem der in den Körper gefahrene Fuchs ausgetrieben und in einem „Gefäß“ verwahrt wird; womit mitnichten ein gegenständliches, sondern ein menschliches Gefäß gemeint ist. Es verschlägt ihn auf Anweisung seines Professors Sakaki Hajime in die Präfektur Shimane, in der die Fuchsbesessenheit besonders gehäuft auftritt.

Saß Professor Sakaki Hajime an seinem schönen englischen Schreibtisch neben seiner schönen kleinen Statue der Hygieia in der kaiserlichen Universität zu Tokyo und lachte sich ständig ins Fäustchen, weil ausgerechnet Shimamura Shunichi wochenlang nichts  als altmodisches Weiberirresein betrachten musste, und zwar ohne jeden wissenschaftlichen Nutzen?

Die Expedition endet folgenreich. Nicht nur verschwindet der äußerst redselige studentische Begleiter spurlos, nach dem Zusammentreffen mit einer besonders hartnäckigen Patientin keimt in Shimamura auch der Fuchsgeist auf, der ihn über Jahre als stetig wiederkehrender Gedanke in seiner Gewalt hält. Es treibt ihn von Tokyo zunächst nach Paris und zu Charcot an die Salpetrière, dann schließlich auch nach Wien und Berlin. Seine Anziehungskraft auf Frauen ist enorm. Er macht sich vertraut mit der neurologischen Forschung und dem psychiatrischen Kenntnisstand – immer dabei ist die Fuchsbesessenheit, die ihn plötzlich selbst ergreift. Josef Breuer sammelt ihn nach einem Zusammenbruch ein und bringt ihn in seine Praxis, – jede Ablenkung kommt ihm angesichts der gegenwärtigen Zusammenarbeit mit Freud gelegen. 1895 veröffentlichten die beiden ,Studien über Hysterie‘, ein Grundlagenwerk der Psychoanalyse.

Im Diorama, bei den Wasserleichen, beim Pfefferminzlikör und selbst jenseits der Seine  bei der Wildeselschau auf dem Rummelplatz, bei strömendem Regen unter einem einzigen Schirm vereint, blieb die Welt stehen für diese oder jene Pariserin und den Nervenarzt aus Fernost. Da unterhielt sich etwas, verstand Shimamura, etwas in ihm und etwas in ihr, das kein Französisch und auch kein Japanisch brauchte.

Gekonnt verflicht Christine Wunnicke auf sprachlich hohem Niveau in ihrem Roman die westliche Wissenschaft mit fernöstlichem Volksglauben und verortet ihre Geschichte an prägnanten Orten der  medizinischen Geschichte. Auf zwei verschiedenen Zeitebenen, einer vergangenen und einer gegenwärtigen, in der der alte Shimamura – bereits etwas gebrechlich geworden – von seiner Frau, seiner Mutter und einem jungen Mädchen aus der Psychiatrie umschwirrt wird, erzählt ,Der Fuchs und Dr. Shimamura‘ eine spannende, etwas exotische Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Dieses schmale Buch ist eine Besonderheit, eine Spezialität, die womöglich aufgrund ihres etwas abseitigen Themas nicht everybody’s darling, gerade deshalb aber besonders lesenswert ist! Christine Wunnicke steht mit ihrem Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015, – wer also für besondere Geschichten aus anderen Kulturkreisen zu haben ist, der greife zu bei Dr. Shimamura!

Christine Wunnicke: Der Fuchs und Dr. Shimamura, Berenberg Verlag, 144 Seiten, 9783937834764, 20 €

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