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Blogfragen von Stefan Mesch

© AnDi Kamera on Flickr

Der Literaturkritiker und Blogger Stefan Mesch hat Fragen für Literaturblogger ausgeknobelt und sie zur freien Bedienung allen Interessenten zur Verfügung gestellt. Dabei geht es u.a. um eigene Ansprüche, literarische Prägung, Geheimtipps, Verlagskontakte und Literaturkritik.

Das Lieblingsbuch meiner Mutter: Ob es einen All-Time-Favourite gibt, weiß ich nicht, aber zuletzt hat sie sehr begeistert „Das grüne Rollo“ von Heinrich Steinfest gelesen. Sie kommt durch meine Tätigkeit wieder mehr zum Lesen, trotz chronischen Zeitmangels.

Das Lieblingsbuch meines Vaters: Ich hatte nie Kontakt zu meinem Vater, aber man munkelt immer wieder, er hätte Brecht sehr geschätzt. (und tut es vielleicht noch immer)

Ich führe einen typischen Buchblog, weil… ich nicht weiß, was ihn ungewöhnlicher machen würde. Nein, ohne Quatsch – ich weiß auch nicht, was ein typischer Buchblog ist. Einer, der halt nur Rezensionen veröffentlicht? Ich betrachte mich weder als besonders klassisch noch als bahnbrechend innovativ. Und wenn ich mich einordnen müsste, fehlten mir die Maßstäbe.

Am Bloggen überrascht mich / beim Bloggen habe ich gelernt, dass…es einen Alltag und die Art, wie man Bücher liest und rezipiert, völlig verändern kann. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man nicht nur gelegentlich mal irgendwas ins Internet schreibt und mal ein Buch liest, sondern das Ganze eine gewisse Ernsthaftigkeit bekommt. Man nimmt es dann auch ernster, stellt Ansprüche an sich, die man vorher nicht hatte. Und mich überrascht, wie viele Türen es öffnet, wie viele Kontakte es ermöglicht. Das gehört zu den großen Vorteilen und positiven Nebeneffekten.

Helfen Amazon-Rezensionen? Wobei? Wie? Irgendwem helfen sie bestimmt, indem sie sehr schnell eine Einschätzung bieten, bei der man sich nicht einmal inhaltlich mit irgendwelchen Kriterien auseinandersetzen muss. Bei amazon muss man ja nicht einmal den Bewertungstext lesen, es reicht, auf die Sternchen zu gucken und man weiß Bescheid (glaubt man). Sie liefern also rasante Orientierung für Leute ohne besondere Maßstäbe und Zeit. Nicht umsonst greifen manche Blogger Bewertungssysteme wie diese auf, auch wenn es da oft Tortenstückchen oder putzige Tierchen statt Sternchen sind.

Hilft Literaturkritik in Zeitungen und Magazinen? Wobei? Wie? Sie hilft, wenn sie gut ist, ein Werk in einen größeren Kontext einzuordnen, Bezüge sichtbar zu machen, implizite Themen herauszuarbeiten. Sie hilft, weil sie in der Regel von entsprechendem „Fachpersonal“ verfasst wird, an genau den Stellen, die dem handelsüblichen Leser in ihrer größeren Bedeutung nicht so geläufig sind. Am besten tut sie das aber auf eine Art, die nicht völlig den Anschluss zum unwissenschaftlichen (Hobby)leser verloren hat.

Helfen Blogs? Wobei? Wie? Wem? Ich denke, Blogs können eine Orientierung bieten, indem sie Bücher aus dieser unüberschaubaren Masse herausgreifen und näher unter die Lupe nehmen. Insofern helfen sie also jedem. Besonders denen wahrscheinlich, die nicht Teil der Branche sind, weshalb sie im Idealfall natürlich nicht nur Branchenmitglieder erreichen. Und mutmaßlich helfen sie auch dem Blogger selbst, der seine Leseerfahrungen irgendwo lassen kann, bzw. besser und genauer reflektiert.

Wahr oder Falsch: Ich blogge vor allem, weil ich mich über Bücher austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte. Die Wahrheit liegt dazwischen. Zu Beginn war das so, jetzt spielt es eine untergeordnetere Rolle.

Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen und Bewerten: Ich schätze gute und besondere Sprache, die für mich irgendwo zwischen zu opulent (Thomas Wolfe!) und zu karg liegt. Ich mag’s poetisch, aber nicht pathetisch. Mir gefällt es, wenn Literatur mir entweder eine Welt zeigt, die ich nicht kenne oder die Welt, die ich zu kennen glaube, auf eine ganz neue Art (wie im Augenblick Clemens J. Setz!). Wenn sie aktuelle Themen aufgreift. Wenn sie das Allgemeine im Besonderen sichtbar macht und das Besondere im Allgemeinen. Nach diesen Ansprüchen suche ich dann natürlich jeweils in den Büchern. Erfüllt ein Roman sie? Wenn ja, warum und auf welche Art? Tut er es nicht? Wenn nicht, warum nicht? Was könnte ihn reizvoll machen abseits meines persönlichen Geschmacks? Und für wen könnte er dennoch lesenswert sein? In der Rezension selbst folgt dann auf eine Inhaltsangabe die Einschätzung.

Wer liest mich? Habe ich eine Zielgruppe? So, wie ich das bisher überblicke, lesen mich mehr Frauen als Männer. Irgendwo zwischen 25 und 55 Jahren. Nicht nur Blogger, sondern auch ganz normale Leser, aber natürlich auch viele Blogger, (Ex)-Branchenmitglieder, Verlagsmitarbeiter, Studenten, Journalisten. Am liebsten ist mir wirklich eine bunte Mischung, die alle Literaturinteressierten einschließt, ganz egal, ob sie mit Literatur nun auf die ein oder andere Weise ihre Brötchen verdienen oder nicht.

Habe ich Vorbilder? Vorbilder beim Bloggen? Nein, ich glaube nicht. Ich wäre gern noch etwas besser vernetzt und würde mich in einzelnen Bereichen (HTML, CSS, Fotografie) gern noch deutlich verbessern. Aber dass ich sagen würde: Genau so will ich auch bloggen – nein. Das Bloggen lebt ja gerade von der persönlichen Note, davon, dass nicht ein Blog wie der andere aussieht und klingt.

Welche Ratschläge würde ich meinem früheren Lese-Ich geben? Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie? Je mehr man liest, desto besser kann man Bücher einschätzen, desto besser weiß man, welcher Verlag für was steht und in welche Richtung ein Buch geht. Ob es bloß Trends aufgreift, ein Aufguss von irgendwas anderem ist oder einen eigenen Ton entwickelt. Ich glaube aber, ich bin mit meinem früheren Lese-Ich ganz zufrieden. Ich könnte ihm höchstens sagen: Öffne dich ein bisschen, denn es gab Zeiten, in denen ich ausschließlich Klassiker gelesen habe. Man lernt mit der Zeit, sich besser zu orientieren und das sorgt dafür, dass man nicht mehr so oft mit Büchern danebenliegt. Nichtsdestotrotz kommt’s natürlich noch immer vor.

“Verlage brauchen mich für PR. Sie brauchen mich mehr, als ich sie brauche” …oder “Toll! Autoren und Presseabteilungen suchen Kontakt und bieten mir Bücher an. Was für ein Glück!” Das kann ich nicht absolut beantworten. Ich freue mich immer über Verlagskontakte, bin aber auch nicht so blauäugig zu vergessen, dass das nicht aus reiner Mildtätigkeit geschieht, sondern weil entsprechende Interessen dahinterstehen. Dass diese Interessen da sind, sehe ich aber nicht als problematisch, so lange man sich ihrer bewusst ist. Auch Blogger haben schließlich Interessen: Kontakte, Vernetzung, Steigerung der Reichweite usw. Im besten Fall haben alle was davon und wissen darum. Nicht die Interessen sind schwierig, sondern womöglich unausgesprochene oder eingebildete Erwartungen, die damit einhergehen.

Was soll sich tun in meinem Blog und in meinem Leser-/Schreiber-Leben in den nächsten fünf Jahren: Im Idealfall gelingt es mir, mit dem Schreiben über Bücher ein kleines Zubrot zu verdienen. Nicht notwendigerweise durch den Blog selbst, gern auch woanders. Das wäre so langfristig mein Ziel. Und was den Blog anbelangt: dass mehr Leute ihn wahrnehmen, insbesondere Leser, die sich der Existenz von Literaturblogs im Internet noch gar nicht so bewusst sind.

Bei wieviel Prozent der Bücher, die ich gelesen habe, denke ich danach: Mist. Ich wünschte, ich hätte das nie gelesen…? Steigt oder fällt diese Prozentzahl, Jahr für Jahr. Und: Warum? Es ist selten, dass ich denke, „Ich wünschte, ich hätte das NIE gelesen“, aber am Ende des Jahres sind es schätzungsweise 30 %, von denen ich denke, dass sie okay waren, aber mehr eben auch nicht. Die bleiben nicht im Gedächtnis.

Empfehlungen

Ein Buch, das fast niemand mag – aber das ich liebe:Sieben Minuten nach Mitternacht“ von Siobhan Dowd und Patrick Ness. Viele fanden es scheußlich, ich mochte die Herangehensweise an das Thema Tod und Sterben sehr. Allerdings war das auch noch vor dieser Welle, die dann John Green losgetreten hat.

Ein Buch, das fast alle mögen – aber das mich wütend oder ratlos macht: „Das Geisterhaus“ von Isabel Allende. Ich höre immer wieder Lobeshymnen, mir war es viel zu überladen auf ganz vielen Ebenen. Mittlerweile weiß ich aber: ich bin kein Freund des magischen Realismus. Oder auch „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic, – war mir viel zu pathetisch und unglaubwürdig.

Ein Buch, das ich bekannter gemacht habe: Vielleicht „Steine im Bauch“ von Jon Bauer, weil ich es seit Ende letzten Jahres immer wieder irgendwo eingestreut habe. Aber so ingesamt: weiß ich das nicht.

Ein Buch, vor dem ich oft und gern warne: „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, Jonas Jonasson. „Aleph“ von Paulo Coelho.

Ein Geheimtipp, der bisher in Blogs noch kaum besprochen wurde:Gotthard“ von Zora del Buono. „Die Verschwundenen“ von Wolfgang Popp. „Der amerikanische Architekt“ von Amy Waldman. „Limonow“ von Emmanuel Carrère.

Ein Buch, das viel zu oft überall besprochen wurde: Ich kann mich davon nicht ausnehmen, sie besprochen zu haben, aber: „Der Circle„, „Wir haben Raketen geangelt“ oder „Unterwerfung“ wahrscheinlich. (obwohl ich sie alle mochte!)

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:Deutschland überall“ von Manuel Möglich.

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders denkt als ich selbst: Lust und Laster“ von Evelyn Waugh.

Ein Buch, von dessen Gestaltung/Cover/Design sich Verlage eine Scheibe abschneiden könnten: Lucky Newman“ von Carl Nixon. Wenn es nicht sowieso ein tolles Buch wäre, hätte ich es wegen des Covers gekauft.

Das netteste Presseteam / die schönste Erfahrung mit einem Verlag: Die Teams von Hanser, Suhrkamp, Dumont, Diogenes, Kiepenheuer & Witsch und der Kirchner Kommunikation (vertritt z.B. Dörlemann) sind schon wirklich ein Kennenlernen wert.

mein(e) Lieblingskritiker*in/Journalist*in: David Hugendick, Dana Buchzik, Jan Drees, Elisabeth Dietz, Stefan Mesch

“Das neue literarische Quartett… erwarte ich einigermaßen gespannt, weil mich Machart und Form der Diskussionen interessieren.

“Auf der Buchmessebin ich in Frankfurt dieses Jahr nicht.

“Ich bin sehr überraschend und unerwartet auf ein gutes Buch gestoßen. Und zwarSechs Personen suchen einen Autor” von Luigi Pirandello. Nicht neu, aber für mich sehr prägend.

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