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Zora del Buono – Gotthard

gotthard

Fritz Bergundthal, ein Junggeselle in seinen Fünfzigern, reist von Berlin ins Tessin, um dort Fotos von Lokomotiven zu machen. Als Eisenbahnkundiger sieht er sich zuhause oft alte Bilder und Videoaufnahmen an, fachsimpelt mit einem Freund. Er weiß eine Menge über Unglücke und Todesfälle, – das Unglück allerdings, das sich an einem einzigen Tag nahe der Bauarbeiten des Gotthardbasistunnels abspielt, hat er nicht kommen sehen.

Bergundthal ist auf dem Campingplatz nahe der Baustelle untergebracht. Er liebt Zahlen, wobei er die runden den eckigen vorzieht. In Berlin geht er seit längerer Zeit in den Italienischkurs an der Volkshochschule, von Beruf ist er Steuerfachmann. Der ist es letztlich auch, der in großem Maße dazu beiträgt, dass er von der Ehe nicht besonders viel hält. Viel mehr als die Finanzen bekümmern ihn oft genug die kleinen Geheimnisse zwischen den Eheleuten, vermeintliche Geschäftsreisen und andere verdächtige Ausgaben, die ihm die Buchführung offenbart. Er weiß, wie sie sich belügen und betrügen, er weiß, dass wohlwollende Liebe nicht selten in ihr Gegenteil umschlägt. Auch deshalb hält sich Bergundthal mehr an berechenbare Maschinen, die nach Plan funktionieren. Bergundthal ist pragmatisch, eher Techniker als Romantiker.

Das Erotische hatte ihn nie sonderlich interessiert, in jungen Jahren hatte er zwar an dem Rangeln und Buhlen um Mädchen teilgenommen, hatte sich ihnen genähert und getan, was zu tun war, sogar eine gewisse, wenn auch mechanische Routiniertheit in geschlechtlichen Dingen entwickelt, doch ernsthaft aus dem Gleichgewicht geworfen hatte ihn keine Frau (…)

An einem einzigen Tag wird nun dieser unscheinbare und gesetzte Herr in die Belange derer hineingesogen, die am Gotthardbasistunnel arbeiten und mitnichten alle derart unbescholten sind wie der Gast aus der Hauptstadt. Eine interessante Umkehrung indessen, wo man doch dem Großstädter weit mehr kriminelle wie emotionale Abgründigkeit zugetraut hätte als einer handvoll Menschen auf einer Baustelle im Tessin. Robert Filz, 29, ist Dauergast im „Alabama“, einem einschlägigen Etablissement, das von außen nicht als solches ersichtlich ist. Italienische Damen bieten dort den Männern ihre Dienste an, während die sich tagsüber mit riesigen Bohrern weit entfernt von der Familie unter rauen Bedingungen in den kalten Stein fräsen. Filz lässt an den Steinformationen seine Fantasie spielen, er ist feinfühliger als die meisten anderen, auch wenn er das zu verbergen versucht. Als Bäcker hat er seine berufliche Laufbahn begonnen.

Er gefiel sich selber in seinen klobigen Arbeitsschuhen, dunkelblau und hochgeschnürt; sie gaben ihm das Gefühl, fest auf dem Boden zu stehen und nicht mehr der Knabe zu sein, über den sich alle lustig machten, weil er so kleingewachsen war, so zart.

Flavia Polli trägt Cowboystiefel und fährt einen Lastwagen. Dora Polli, ihre Mutter, streicht den Zaun vor dem leicht verzogenen, schiefen Haus an der Autobahn, in dessen Nähe Fritz Bergundthal seinen Klappstuhl zur Zugbeobachtung positioniert. Nichts lässt die Drogengeschäfte erahnen, in die ihr Mann verwickelt ist, nichts den Mord, den er und ein anderer vor vielen Jahren im Streit begangen haben. Die Leiche haben sie nicht im Keller, sondern im Gotthardtunnel einbetoniert. Erfahren darf niemand davon, auch wenn es immer wieder ihre Gedanken beeinflusst. Dora Pollis Mann Aldo ist es schließlich auch, den auf seinem Motorrad rasend die novellentypische „unerhörte Begebenheit“ ereilt, auf die dieser Tag unweigerlich zuläuft. Mittels verschiedener Kapitel zu den einzelnen Protagonisten bohrt Zora del Buono in ihrer stilistisch famosen Novelle tiefer in diese Menschen hinein. Was treibt sie an? Wo liegen die Brüche in ihrem Leben, ihrem Charakter? Wo die Unebenheiten, die scharfen Kanten? Stück für Stück bekommen die Tessiner eine Kontur, wo einerseits Gestein durchbrochen wird, durchbricht del Buono andernorts die spiegelglatte Oberfläche des Gewöhnlichen. Dabei schreibt die gebürtige Schweizerin derart klar, präzise und gewandt, dass es große Freude macht, sich in dieser Sprache ein Stück zu verlieren. In ,Gotthard‘ kommen galante inhaltliche Komposition und ihre sprachliche Umsetzung so glücklich zusammen, dass man es hier wirklich mit einer stabilen Einheit zu tun hat, deren Komponenten einander stützen. Es ist ein Kleinod, dem ich noch viele Leser wünsche!

(…), beide waren im Übergang zu jenem Alter, in dem man Männer wie sie Hagestolz zu nennen begann, wo es am Alleinsein nichts mehr zu hinterfragen gab, fertig eingerichtete Leben, das seelische Mobiliar an Ort und Stelle platziert, zwangsverrückbar einzig durch überraschend hereinbrechende Katastrophen.

Zora del Buono: Gotthard, Verlag C.H.Beck, 144 Seiten, 9783406681844, 16,95 €

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