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Sven Heuchert – Asche

heuchert

Das Abseitige, Verdorbene und Verlorene übt häufig einen ganz besonderen Reiz aus. Insbesondere dann, wenn wir lesend erkennen, dass der Beginn so manchen Scheiterns nicht so weit entfernt von unseren Leben ist. Vom Weg abzukommen, kann mindestens so angsteinflößend wie lehrreich sein. Sven Heuchert macht in seinen Stories die Abtrünnigen zu Hauptdarstellern, mit deftiger Sprache packt er zu und bohrt in den Wunden des Alltags.

Eines kann sofort einleitend gesagt werden: In Sven Heucherts Stories wird eine Menge gefickt und gevögelt, malocht und gesoffen. Um den heißen Brei herumreden? Ist nicht seine Sache. Er erzählt von Männern ganz unterschiedlichen Alters, die alle etwas verloren haben: ihre Lebensfreude, ihren An – oder Verstand, sich selbst oder den Bezug zur Realität. Sie richten besinnungslos und nicht selten unter dem Einfluss diverser Rauschmittel ihr inneres Chaos nach außen. Da ist der Familienvater, den seine Kinder und das tägliche Einerlei zum Wahnsinn treiben – deshalb vergewaltigt er ein wildfremdes Mädchen und der Freund sieht zu. Heucherts Männer entscheiden sich für Menschenhandel, die Hoffnungslosigkeit bis zum ersten Bier, Drogen und Flucht. Sie sind allein mit sich und ihren Dämonen oder hinterfragen sie nicht mehr. Es ist wie es ist, es ist Kapitulation. Ihre Frauen sind, wenn sie sie haben, bloß Randgestalten, die entweder keinen Einfluss haben oder ohnehin bloß vorübergehend das Bett mit ihnen teilen. Entweder hitzige Affären oder abgekühlte Ehen.

Wir sitzen auf den Treppen an der Bahnstation, und Enge ist spürbar, Enge und Wut, direkt unter der Oberfläche. Ich kenne dieses Gefühl, ich kenne es sehr gut, und das Unerträgliche daran ist – die Wut findet hier immer Nahrung, einfach überall, die Wut ist wie eine zähe und gefräßige Ratte, sie überlebt immer.

Der Vater, der in den Puff geht, während sein Sohn ihn als Lehrling von einer gegenüberliegenden Baustelle aus zufällig beobachtet; ein Mann, den sich über Jahre vertiefende Gräben von seinem Vater trennen. ,Asche‘ wird auch dort interessant, wo leisere Zwischentöne bemerkbar werden. Dort, wo der einsame Bernd Wilkowski mit Harald Assenmacher seinen Hund Rocky sucht – die einzige Gesellschaft, die ihm nach dem Tod seiner Frau noch geblieben ist. Nicht immer sind die schmerzlichen Alltagsgeschichten jene, in denen am lautesten gepöbelt und geprügelt wird. Im Laufe der Lektüre stellt sich auch leider ein Abstumpfungseffekt ein, der den nächsten Schlag ins Gesicht eines Wehrlosen, das nächste „Fötzchen“ aus dem Mund eines anzüglich grinsenden Mittfünfzigers zur Staffage werden lässt, zum Pflichtprogramm, wenn es eben hart zur Sache gehen soll. Glücklicherweise wird diese vermeintliche Härte gelegentlich konterkariert mit kurzen Augenblicken der Schönheit und der Freundschaft. Sie währen zwar nie lange, mischen aber der rabenschwarzen Färbung ein paar aufhellende Elemente bei, die vor Beliebigkeit und Eintönigkeit bewahren.

Er hörte ihr Schluchzen. Sie hatte eine Reisetasche dabei, eine dieser modernen, mit Rollen. Sie wirkte irgendwie geschäftsmäßig, nüchtern. Doch dieses Weinen verlieh ihr etwas Wildes, etwas Echtes. Da musste etwas Großes in ihrem Leben geschehen sein, man weint nicht einfach so. Nicht auf der Straße, nicht vor Fremden, jedenfalls nicht so richtig. Die Dinge passieren, und man kann nur mit ihnen leben.

,Asche‘ widmet sich gekonnt den Schattenseiten eines durchgestylten Lebens, das plötzliche Brüche nicht verkraftet. Es lotet aus, was es zu sagen gibt und lässt Raum für Spekulationen und Deutungen über das Offensichtliche hinaus. Es führt Varianten der Flucht aus einem zu engen Lebenskorsett vor, die ins Leere laufen müssen und womöglich auch aus Leere erst entstehen. Sven Heucherts Stories sind lesenswert und eindringlich, wenn auch in ihrer Gesamtheit etwas zu sehr auf Krawall gebürstet. Abgründe sind nicht nur mit abgründiger Sprache und Gewalt darstellbar. Deshalb beweisen gerade die leiseren Passagen und Momente, dass Heuchert sein Handwerk beherrscht, dass er in den Bann zu ziehen versteht mit beiden Seiten der Medaille.

Sven Heuchert: Asche, Bernstein Verlag, 164 Seiten, 9783945426081, 12,80 €

3 Kommentare

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  2. Schöne Rezension! Mich haben die stillen, emphatischeren Stellen auch am meisten überzeugt. Doch ich finde, selbst die „krasseren“ Geschichten sind im Kern sehr sentimental und von trauriger Resignation geprägt. Effekthascherei hat Sven Heuchert jedenfalls nicht nötig angesichts seines gelungenen Debüts.

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