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Meg Wolitzer – Die Stellung

Die 60er und frühen 70er sind die Zeit der sexuellen Revolution. Gespräche über sexuelle Erfüllung und Freizügigkeit sickerten aus den abgeschirmten vier Wänden des Privatraums in den öffentlichen Diskurs. In Meg Wolitzers neuem Roman ,Die Stellung‘ tragen Roz und Paul Mellow auf ganz eigene Weise zu einem neuen Umgang mit Sexualität bei. Sie veröffentlichen ein Buch namens „The Pleasuring“, in dem sie über ihre sexuellen Erfahrungen und verschiedenste Sexstellungen, inklusive einer eigens erfundenen, berichten. Für die beiden ist das erfüllend und belebend, für ihre vier Kinder eine kleine Katastrophe.

Als die Kinder Holly, Michael, Dashiell und Claudia im Wohnzimmer das Buch aus der Umarmung mit einem Bildband über Golden Retriever lösen, wissen sie noch nicht, welch schwerwiegende Folgen das haben wird, was sie auf den Seiten erblicken werden. Ihre eigenen Eltern, verschlungen im Liebesakt, ungemein freizügig und offenherzig. ,Pleasuring‘ ist ein Buch, das Furore macht und ihren Eltern zu öffentlichen Vorträgen und einer gewissen Prominenz verhilft. Wäre es bloß dieses eine Exemplar neben den Golden Retrievern, ließe sich damit leben, vielleicht könnte man es sogar vergessen. Aber es ist ein landesweiter Bestseller, dessen Bekanntheit sich in zweiter Generation auch auf die Kinder überträgt. Als sie älter sind und ihren Namen nennen, werden sie immer wieder mit den „Sex-Mellows“ verbunden sein. Und so sehr sie ihre Eltern auch lieben, es ist eine schwere Bürde, im Schatten eines intimen Sexratgebers aufzuwachsen.

Tatsächlich war, wenn man es genau betrachtete, das Geräusch der endenden Kindheit eine fürchterliche Sache. Wenn du einer der übernatürlich begabten Menschen warst, die es hören konnten, wusstest du, dass es dem Zerschellen von Glas ähnelte, dem Aufschlag eines Körpers auf den Boden, wobei du mit einer fürsorglichen Mutter oder einem fürsorglichen Vater gerechnet hättest, der den Sturz auffing, jedoch feststellen musstest, dass es nur das harte, heiße Trottoir des Lebens war, das da wartete.

Alle Kinder entwickeln sich nach diesem Vorfall in ganz unterschiedliche Richtungen. Für keines von ihnen wird Sex eine unkomplizierte Sache sein. Holly landet im Drogensumpf, aus dem sie sich mit einer Heirat zu einem Arzt befreit, die mehr zweckmäßig scheint als von ihr gewollt. Michael arbeitet in einer Cumputerfirma, leidet unter Depressionen und kämpft im Bett mit den Nebenwirkungen seines Antidepressivums. Dashiell wird schwul, Republikaner und erkrankt an einem Hodgkin-Lymphom. Claudia hat in sich alle Minderwertigkeitskomplexe der Letztgeborenen vereinigt. Sie ist nicht etwa das Nesthäkchen, sondern die immer Zurückbleibende. An ihrem Körper passt nichts zusammen, – meint sie -, sie hat wenig Ziele im Leben und schon gar keinen Partner. Stück für Stück entrollt Meg Wolitzer gekonnt das Familienpanorama „Mellow“ und damit nicht nur den Werdegang der Kinder, sondern auch den der Eltern. Der Sexratgeber ist hierbei nur der Rahmen, der Kitt, der die verschiedenen Zeiten zusammenhält. Schließlich ist Michael in der Gegenwart eigentlich nur zu seinem Vater gefahren, um ihn zu einer Neuauflage von ,Pleasuring‘ zu überreden. Seine Eltern sind längst getrennt, leben unterschiedliche Leben. Von der feurigen Progressivität damaliger Zeit ist nicht viel übrig geblieben.

Die Geräusche von Eltern drangen immer durch Wände und über Treppen, ihnen war nicht zu entkommen. Egal, wohin auf dieser Welt du auch fuhrst, du konntest sie hören.

Meg Wolitzer hat bereits in „Die Interessanten“ bewiesen, dass sie mehrere Erzählstränge auf unterschiedlichen Zeitebenen bewältigen kann. Das Rezept ihres neuen Romans ist dem des vorangegangenen ganz ähnlich. Im Mittelpunkt steht eine kleine Gruppe von Menschen, deren Erwachsenwerden und Reifung über längere Zeit hinweg beschrieben wird. Sind es in „Die Interessanten“ noch die Freunde aus dem Ferienlager, widmet sich der neue Roman vier ganz unterschiedlichen Geschwistern, die mit der frühen Prägung durch ihre Eltern ganz unterschiedliche Wege einschlagen. Mit der titelgebenden Stellung kann freilich die sexuelle, aber auch die ganz persönliche im eigenen Leben gemeint sein. Alle Mellow-Kinder befinden sich in einer äußerst unangenehmen Stellung, in einer Lebenssituation, aus der sie liebend gern ausbrechen würden. Es ist die vermeintliche Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet die Kinder der „Sex-Mellows“ nur auf Umwegen ihre sexuelle Erfüllung finden. Aber Sex ist eben, das müssen sie alle feststellen, kein Garant für ein erfülltes, zufriedenes Leben. Egal, was ihre Eltern einmal sagten. Auch für sie hat es schließlich nicht funktioniert. Meg Wolitzer schreibt mit ,Die Stellung‘ einen einfühlsamen und leichtfüßigen Roman, der, betrachtet man den Vorgänger, altbekannte Zutaten auf charakteristische Weise neu zusammenmischt. Sie ist eine gute Beobachterin menschlichen Verhaltens und innerer Zusammenhänge, ihre Charaktere sind keine Schablonen. Wer sich also für Familienromane begeistert, sollte auf Meg Wolitzer einen Blick werfen.

Meg Wolitzer: Die Stellung, aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence, Dumont Verlag, 368 Seiten, 9783832197995, 19,99 € 

3 Kommentare

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  2. Liebe Sophie,

    ich stimme mit dir völlig über Meg Wolitzers Romane überein. Es ist wieder ein sehr gelungener Roman mit vielen authentischen Figuren.
    Mir persönlich hat dieser Roman, der ja einige Jahre vor „Die Interessanten“ geschrieben wurde, eine Spur besser gefallen. Er ist weniger ausufernd, das Ensemble überschaubar und zugleich interessant und vielschichtig. In „Die Stellung“ trifft sie mir häufiger den richtigen Ton, wo sie sich bei ihrem neueren Werk zu sehr in Belanglosigkeiten verliert.
    Liebe Grüße
    Mareike

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