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Marc Degens – Fuckin‘ Sushi

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Viele Jugendliche träumen von einer eigenen Band, von rasanten Gitarrensoli und entfesselten Tourneen, von einem Rockstarleben und kreischenden Fans. René und Niels machen diesen Traum wahr, zuerst als zweiköpfige Straßenband vor dem Heino-Café in Bad Münstereifel, dann drei – und vierköpfig als Fuckin Sushi in angesagten Diskotheken in Bonn. Marc Degens belebt auf mitreißende Art in seinem Roman einen Jugendtraum mit heimeligem Flair, „Abrentnern“ zwischen Sommerferien und Oma Frese.

Den Bass bekam Niels von Oma Frese und bevor er René kennenlernt, klimpert er gelegentlich damit herum, ohne ernstzunehmende Ambitionen zu hegen. Nach ihrem Zusammentreffen sind sie R@ & Niels, fordern das Abrentnern – worunter sie die Vorzüge des Alters ohne dessen Nachteile verstehen – und den Weltfrieden. Ihre Musik ist experimentell, in der Fußgängerzone von Bad Münstereifel kommen Trommeln und eine Zither zum Einsatz, gesungen wird aus dem Pornoequipment-Katalog von Renés älterem Bruder Pascal. Ihre Songs sind ausladend, kleine musikalische Erzählstücke, weil Niels sich nur mit Liedern arrangieren kann, die besonders lang sind. Irgendwann hat das angefangen, dass ihn nur mehr Lieder zwischen sieben und siebzehn Minuten erreichten und als er ,I want you (she’s so heavy)‚ von den Beatles hörte, war es um ihn geschehen. Seitdem laufen auf seinem Ipod die Doors, Velvet Underground, Jimi Hendrix und Iron Butterfly.

Wenn René durch die Gänge ging, hörten die Jungs auf zu reden, drehten sich die Mädchen nach ihm um und die Lehrer lächelten. Ich hingegen war der geborene Anschleicher. Ich hätte auch blinken und einen Sprengstoffgürtel tragen können, trotzdem hätte mich niemand bemerkt.

Niels der Unscheinbare und René die Rampensau, – vollkommen klar, wer von beiden der Sänger der kleinen Band wird, die schließlich Zuwachs bekommt, als die beiden einen Probenraum suchen. Lloyd, der eigentlich ganz anders heißt, längst nicht mehr zur Schule geht und ein äußerst nervöser Autofahrer ist, wird Schlagzeuger der Formation. Während der Proben finden die drei auf fast magische Weise musikalisch zusammen, ergänzen einander, ohne, dass es erklärender Worte bedürfte. Aus R@ & Niels wird Fuckin Sushi und die Songs entwickeln sich von dadaistischem Pornokatalog-Sprechgesang hin zu kleinen Erzählungen. Erzählungen allerdings, die alle den Titel bekannter Scripted-Reality-Formate der Privatsender tragen. Promi Shopping Queen, Goodbye Deutschland, Der Traum vom Haus. Im Probenraum spielen sie stundenlang wie von Sinnen, rauchen und trinken Unmengen Dosenbier, liegen nach den Sessions abgekämpft und durchgeschwitzt auf einem abgewetzten Sofa und sind so erfüllt und glücklich wie nie zuvor. Als Nino am Keyboard dazu kommt, entsteht dieser ganz eigene Sound, der den Vieren zu regionaler Berühmtheit und einer kleinen Tour verhelfen wird.

Nino hatte sich ihre Haare grau gefärbt. Sie sah so sexy aus wie Storm von den X-Men. Seit ihre Eltern herausgefunden hatten, dass sie eine Sushi war, rauchte Nino doppelt so viel wie früher. Ausgerechnet ihre kleine Schwester hatte sie verraten.

Man läuft als erfolgreiche Rockband natürlich immer Gefahr, sich vom Kommerz und dem zu Kopf gestiegenen Erfolg vereinnahmen zu lassen. So geschieht es schließlich auch Fuckin Sushi, die wahrscheinlich aufgrund „unüberbrückbarer musikalischer Differenzen“ getrennte Wege gehen. Dennoch sind ihnen Erfahrungen geblieben von Ruhm, Grenzenlosigkeit, Freundschaft und Unabhängigkeit. Marc Degens‘ Dynamik und sein bewundernswerter Fundus an originellen Ideen machen diesen Roman zu einem so großen Vergnügen, dass man sich unweigerlich beim Lesen etwas darüber ärgert, nicht selbst so eine Band gegründet zu haben. Ein kleines musikalisches Biotop eben, in dem man sich und die Freiheit ausprobieren kann, die einem gegeben ist. Ganz egal, ob man selbst irgendein Instrument beherrscht, ob man früher einen Bandnamen hatte ganz ohne Band, Fuckin Sushi erzählt so einfühlsam und humorvoll von den Höhen und Tiefen des Erwachsenwerdens, dass es auch für ganz und gar Unmusikalische ein Genuss ist. Dem Roman hängt nicht nur eine von Niels Playlists an, die sich auf der Suche nach Musikstücken in epischer Breite als sehr praktisch erweisen kann, sondern auch ein historisches, weil folgenreiches Interview mit Fuckin‘ Sushi. Fast möchte man glauben, dass es sie gegeben hat.

Marc Degens: Fuckin‘ Sushi, Dumont Buchverlag, 320 Seiten, 9783832197476,  19,99 €

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