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Katharina Hartwell – Der Dieb in der Nacht

hartwell

Als Paul in Prag bei einem seiner Fotoaufträge auf einen jungen Mann trifft, verändert sich schlagartig sein bisheriges Leben. Dieser Mann, der sich Ira Blixen nennt, erinnert ihn in seinen Bewegungen und Gesten frappierend an Felix, seinen Schulfreund, der vor vielen Jahren an einem Sommertag spurlos verschwand. Je länger er diesen Ira Blixen betrachtet, desto sicherer ist er sich, dass es sich dabei um Felix handelt. Und in dieser Überzeugung öffnet er ihm sein Leben. Ein spannendes Spiel mit Identität und Realität beginnt.

Als vor knapp zwei Jahren Katharina Hartwells Debütroman ,Das Fremde Meer‘ erschien, löste er vielerorts, insbesondere online, große Begeisterung aus. Ihre packende Sprache und das nahezu mühelose Spiel mit Perspektiven hat den Roman getragen und aus der Masse herausgehoben. Auch in ,Der Dieb der Nacht‘ geht es um ein Spiel, allerdings weniger mit Perspektiven als mit Realitäten. Als Louises Bruder Felix kurz nach dem Abitur spurlos verschwindet, ist nichts mehr wie es war. Nicht nur mit dem Verschwinden muss die Familie fortan leben, sondern auch mit der quälenden Ungewissheit. Was genau geschehen ist, kann auch Jahre danach nicht beantwortet werden. Weder hat Felix sich jemals gemeldet noch ist seine Leiche irgendwo gefunden worden. In dieser Ungewissheit allerdings keimen die sonderlichsten Theorien und Wunschvorstellungen, immer die Möglichkeit bedenkend, dass Felix an einem anderen Ort ein neues Leben führt. Familienfreund Paul trifft in Prag auf einen Künstler namens Ira Blixen, benannt nach der Autorin Karen Blixen. Der junge Mann ist schmächtig, schwarzhaarig und seltsam unnahbar. Als Künstler fertigt er Schmuck und Knochengebilde aus Gips, die er auf Wunsch vergoldet. Woher er kommt, weiß er nicht. Er hat sein Gedächtnis verloren.

Knochen sind wie eine Rüstung, oder? Sie stützen einen, schützen das Innerste, das Herz liegt hinter den Rippen wie in einem Käfig. Gleichzeitig sind sie wie ein Geheimnis, das man unter der Haut trägt. Etwas, das Schaden nehmen und brechen kann. Das interessiert mich sehr. Woraus wir Menschen gemacht sind.

Es sind die kleinen Dinge, die Paul an Felix erinnern. Ein Muttermal, eine Kopfbewegung, ein Lächeln, die Nase im Profil. Darüber hinaus hat Blixen, der sich ausschließlich schwarz kleidet und totenblass ist, wenig Ähnlichkeit mit seinem alten Freund. Aber vielleicht glaubt er es, weil er es glauben will. Und nachdem er aus Prag zurückgekehrt ist, steht Blixen vor seiner Tür. Er lässt ihn nicht nur ein, sondern auch bei ihm wohnen, möglicherweise erinnert sich Blixen an sein Leben, bevor er aus der kalten Moldau gezogen wurde. Ein Amnesiepatient ist wie eine leere Leinwand, auf die man alles projizieren kann. Und so wird Blixen auch für Felix‘ Schwester Louise zu ihrem verschollenen Bruder. Durch die kleinen Dinge, durch die Ungewissheit, die alle drei verbindet. Louise und Paul erlauben sich die Hoffnung, die sie seit Jahren unter Verschluss halten mussten. Vielleicht ist er es doch, vielleicht. Blixen aber entwickelt sich von einem letztlich willkommenen Gast zu einer bedrohlichen Spinne, die ihr Netz immer enger um die beiden zieht.

Paul, der Geist, der Schatten, erkannte, dass er sich als Mensch vor allem durch sein Verhältnis zu einem anderen Menschen definiert hatte. Wenn er nicht Felix‘ bester Freund war, vermutete er, war er niemand.

Katharina Hartwells Roman durchpulst ein Gefühl der Beklemmung und Bedrohung, das sich bis zuletzt nicht abschütteln lässt. In ihm flirrt etwas Zwischenweltliches, etwas Überhitztes und Mysteriöses, als sei der drückende Sommer, in dem Felix verschwand, auf einer anderen Erzählebene zurückgekehrt. Was etwas langsam entweder als Hoffnung oder Verwechslung anläuft, entwickelt sich langsam zu einem Kampf um Wirklichkeit und Wahrheit. Welcher der Beteiligten ist überhaupt zurechnungsfähig und verlässlich? Blixen, dessen früheres Leben vermeintlich im Strom der Moldau abgetrieben wurde? Paul, dessen nahezu wahnhafte Fixierung auf Felix, dessen Habsucht ihn wie einen zweiten Sohn zu dieser Familie führten? Louise, die abseits der Herstellung von Cupcakes zu ihrem Lebensunterhalt nichts beiträgt? Seit Felix‘ Verschwinden ist die Familie endgültig auseinandergebrochen, schon zuvor hat der Vater sie verlassen. Simon, der weit mehr zwischen den Seiten seiner Fachbücher lebte als außerhalb seines heimischen Büros, scheint manchen Charakterzug an Felix weitergegeben zu haben. Bevor der verschwindet, bringt er Stunden über Büchern in seinem abgedunkelten Zimmer zu. Wollte er die Familie verlassen? Katharina Hartwell legt falsche Fährten, lockt hier- und dorthin, spielt mit Erwartungen und vorschnellen Schlüssen.

Louise reißt eine Schublade auf, lässt das Besteck mit aufgebrachtem Klirren hüpfen. Sie wünscht sich einen Sprachradierer, ein handliches Objekt, mit dem sich Worte ungesagt machen lassen.

,Der Dieb in der Nacht‘ lässt viele verschiedene Themen und Motive anklingen. Von der Frage nach der eigenen Identität – in Vergessenheit geraten, neu konstruiert, von anderen abhängig – bishin zu Vertrauen und Hoffnung, die mitunter unvorteilhafte Allianzen eingehen, ist Vieles dabei. Die Schlinge zieht sich zu, es ist sicher kein Zufall, dass Blixen in Deutschland an einem neuen Kunstobjekt namens „Spinnenbaum“ arbeitet. Viele Fragen bleiben am Ende offen. Das kann man realistisch finden oder unbefriedigend, letztlich bleibt das den Ansprüchen des Lesers überlassen. Empfehlenswert aber ist Katharina Hartwells Roman ohne Zweifel. In seiner Spannung, Komposition und sprachlichen Gestaltung wieder ein Genuss, wenn auch mit leichten Startschwierigkeiten!

Katharina Hartwell – Der Dieb in der Nacht, Berlin Verlag, 320 Seiten, 9783827012791, 20,00 €

3 Kommentare

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  2. Liebe Sophie, ich freue mich auf das Buch! Allerdings bin ich auch etwas zwiegespalten: Einerseits gefällt es mir, dass Katharina Hartwell wie schon in „Das fremde Meer“ konzeptionell arbeitet, also wirklich einen Plan in ihrem Schreiben verfolgt. Andererseits empfinde ich diese Form des Schreibens auch sehr artifiziell, weil sie ein Korsett darstellt, in das der Text gezwängt werden muss. Trotzdem finde ich es spannend zu verfolgen, wie kreativ sie mit diesen selbst auferlegten Grenzmarken spielt. Da hüpft mein Leserherz! Lg, Karo

  3. Ich war davon nicht so begeistert wie vom fremden Meer. Ich mochte die düstere, geheimnisvolle Stimmung, den Nebel, der über allem liegt, aber mir war der Teil, in der die drei zusammenwohnen, ohne dass geredet wird, ohne dass sich etwas klärt und löst, viel zu lang. Da werde ich wahnsinnig ungeduldig, weil dem Buch die Seiten ausgehen – und nichts passiert. Dass da nichts mehr enträtselt wird, war mir schon klar, trotzdem fand ich das Ende eher enttäuschend und irgendwie … lieblos.

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