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Jocelyne Saucier – Ein Leben mehr

Ursprünglich wollte die Fotografin in den kanadischen Wäldern nur einen Mann namens ,Boychuck‘ finden. Der ist weit mehr als nur ein alter Mann, er ist eine Legende, denn er gilt als einer der letzten Überlebenden der Großen Brände. Boychuck findet sie zwar nicht, dafür aber zwei andere Alte, die sich in der Wildnis zur Ruhe gesetzt haben. Und deren Leben nicht nur durch die Fotografin so etwas wie einen zweiten Frühling erleben.

Boychuck ist eine offene Wunde.

Wer glaubt, dass wir nur ein Leben haben, das wir eben von vorn bis hinten durchspielen müssen wie ein Videospiel, unterschätzt die Bonuslevel. Unterschätzt die Haken, die das Leben beizeiten schlägt, unterschätzt neue Chancen, die sich selbst dann noch auftun können, wenn man jeden Tag über den herannahenden, gelegentlich winkenden Gevatter Tod spricht. So jedenfalls tun es Charlie und Tom, die in den kanadischen Wäldern unter ganz einfachen Verhältnissen ihren Lebensabend verbringen. Sie sind Aussteiger, sie sind Selbstversorger, sie haben sich bewusst ausgeklinkt aus einer Welt, die ihnen zu schnell geworden ist. Unter ihnen war auch Boychuck, der allerdings starb, bevor die Fotografin ihn porträtieren und mit ihm reden konnte. Er verlor bei dem Matheson Fire 1916 seine gesamte Familie und war von einigen noch Tage nach dem Brand gesehen worden, wie er durch die schwelenden Ruinen irrte. Tom und Charlie werden von Bruno, einem Freund, mit dem Nötigsten versorgt, das sie sich nicht selbst beschaffen können. Außerdem hält Steve, Pächter des nahegelegenen Hotels, Touristen in Schach, wenn sie sich doch einmal in die Abgeschiedenheit verirren und auf die Hütten der Männer stoßen könnten.

Ich liebe Geschichten, ich ich liebe es, wenn man mir ein Leben von Anfang an erzählt, mit allen Umwegen und Schicksalsschlägen, die dazu geführt haben, dass ein Mensch sechzig oder achtzig Jahre später vor mir steht, mit einem ganz bestimmten Blick, ganz bestimmten Händen und einer ganz bestimmten Art zu sagen, dass das Leben gut oder schlecht gewesen ist.

Nun könnte die Fotografin der kleinen, naturbelassenen Altherren-WG natürlich den Rücken kehren, wo ihr klar wird, dass sie Boychuck dort nicht mehr finden wird. Doch sie hat ein lebhaftes Interesse an Menschen und beginnt, sich mit Tom und Charlie zu beschäftigen. Auch Steve und Bruno erfahren ihrerseits von der Fotografin. Doch bevor es soweit ist, hält Bruno mit einer alten Frau vor Steves Hotel. Sie scheint verängstigt und orientierungslos zu sein. Sie stellt sich als Brunos Tante Gertrude heraus, die die längste Zeit ihres Lebens in einer psychiatrischen Anstalt verbracht hat. Nicht, weil sie so unheilbar krank gewesen wäre. Viel mehr aus Überforderung, Unwissenheit, womöglich in der falschen Annahme, das Richtige zu tun, verbrachte Gertrude sechsundsechzig Jahre in der Anstalt. Aus Mitleid befreit Bruno sie bei einem Besuch und bringt sie mit in den Wald. Dort wird sie von Gertrude zu Marie-Desneige und von einer Frau, die in den Mauern einer Anstalt gefangen war, zu einer Frau, die in Freiheit und Unabhängigkeit lebt. Auch wenn das freilich die größte Herausforderung ihres bisherigen Lebens ist. Und auch die Fotografin erhält ihren Platz in der kleinen Gemeinschaft.

Endlich hatte die Fotografin einen Namen. Fortan nannten sie alle Ange-Aimée, nach der Königin Schottlands und der Karpaten, die in Toronto über die Verrückten geherrscht hatte, und niemand scherte sich darum, dass sie bereits einen Namen hatte. So war esmit allen Veränderungen, die Marie-Desneige in Gang setzte, ohne es zu wollen.

Die verletzliche Frau bringt Veränderung und Bewegung in die Natur. Für sie wird eigens eine kleine Hütte gebaut, auch wenn sie nicht gut mit sich selbst allein sein kann. Mit ihrer Hilfe können sogar Boychucks Gemälde gedeutet werden, die er wie ein Besessener in seiner einsamen Hütte malte. Sogar die Liebe erlebt eine Renaissance und das, obwohl man sich dort draußen doch bereits mit dem eigenen Ableben arrangiert hatte. Jocelyne Saucier, deren Roman gerade verfilmt wird, lebt selbst abgeschieden in einem kleinen Ort im nördlichen Quebec. „Ein Leben mehr“ erzählt einfühlsam und zärtlich von Alter und Mitmenschlichkeit, Zusammenhalt und Liebe. Es ist ein leiser Roman, poetisch und feinsinnig, gar ein bisschen zerbrechlich. Multiperspektivisch berichtet er von dieser unkonventionellen Gemeinschaft, die sich selbst Halt und Gesellschaft genug ist. Dabei ist er aber zu keinem Zeitpunkt verklärend, er weiß auch die humorvollen, die komischen Facetten des Alterns und Vergehens herauszustellen. In „Ein Leben mehr“ gibt es tatsächlich ein Leben mehr, einen Abschnitt, mit dem keiner der Beteiligten gerechnet hat, den aber alle genießen. Ein Schmankerl eben für Freunde des harmonisch-literarischen Zwischentons, halt einfach schön!

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr, aus dem Französischen von Sonja Finck, Insel Verlag, 192 Seiten, 9783458176527, 19,95 €

11 Kommentare

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    • literaturen
      literaturen sagt

      Liebe Xeniana,

      das freut mich zu hören. 🙂
      Viel Freude dabei, solltest du es bald zur Hand nehmen!

      Herzlich,
      Sophie

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  6. Jakob Steinberger sagt

    Selten ein so schlecht geschriebenes Buch gelesen!
    Voller methodischer Schwächen und sprachlicher Fehler.
    Eine Fundgrube falscher, teilweise grotesker Bilder.
    Es wird nicht erzählt, sondern laufend behauptet, dass erzählt würde.
    Auch die Rezension von Thomas Steinfeld in der SZ erschließt sich mir nicht.
    Es liegt die Vermutung nahe, dass das Buch nicht wirklich gelesen wurde.

    • Sophie
      Sophie sagt

      Lieber Jakob Steinberger,

      nun, zu unterschiedlichen Ergebnissen bei der Beurteilung eines Buchs zu gelangen, muss nicht implizieren, dass der eine es gelesen hat und der andere nicht. Für Sie mag es ein misslungenes Werk sein, das steht Ihnen zu. Es ist dann aber doch ein bisschen einfach, Andersmeinenden einfach die Kompetenz abzusprechen.

    • Lesen muss man nicht nur mit den Augen … und wie unten schon geschrieben: Sie haben das Recht, es schlecht zu finden. So wie andere das Recht haben, es gut zu finden. In der Kunst bzw. Literatur gibt es keine falschen Bilder. Ich habe das Buch sehr genau gelesen und kann wiederum Ihren Behauptungen nicht folgen. Vielleicht haben wir zwei unterschiedliche Bücher gelesen? Manches mag nicht bei allen Lesenden ankommen, aber dazu ist ein Buch auch nicht da. Sprachliche Fehler und methodische Schwächen konnte ich im Gegensatz zu Ihnen auch keine entdecken, aber wie gesagt: die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Schade, dass Sie mit diesem Buch keine Freude hatten.

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