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Jane Gardam – Ein untadeliger Mann

Was von außen zunächst unzweifelhaft aussieht wie der nostalgische Rautenpulli von Opa und an Spitzendeckchen und beherrschte Anständigkeit erinnert, entpuppt sich als gekonnter Roman eines Lebens, das von den Wechselfällen der Geschichte nicht unbeeinflusst geblieben ist. Jane Gardam ist mit ihren 86 Jahren kein junger Hüpfer mehr und außerhalb Deutschlands auch mitnichten eine Unbekannte. Schön, dass ihre Stimme nun auch hier Gehör findet.

Der untadelige Mann, der bereits im Titel beschworen wird, ist Edward Feathers, genannt ,Filth‘ oder ,Old Filth‘, wenn man besonders ehrerbietig sein wollte. Dieser doppeldeutige Spitzname soll nicht etwa subtil auf die mangelnde Körperpflege des älteren Herrn hinweisen, es ist vielmehr ein Akronym aus ,Failed in London try Hongkong‚. Für so einige junge Anwälte, wie auch Edward Feathers einst einer war, galt dieser augenzwinkernde Ratschlag als Binsenweisheit. So natürlich auch für Edward Feathers, der in Hongkong als Anwalt für Baurecht Karriere macht, gebaut wurde nach dem Krieg schließlich allerhand. Filth blickt, als er uns vorgestellt wird, bereits auf ein bewegtes Leben zurück. Geboren in Malaya als sogenannter Raj-Waise, also als Kind eines britischen Kolonialbeamten in Indien, stirbt seine Mutter kurz nach der Geburt. Sein Vater ist stets außerodentlich desinteressiert, wenn es um seinen Sohn geht, ein Kriegstraumatisierter mit einem Hang zum Opium. Edward wird, wie viele dieser Kinder, mit vier oder fünf Jahren aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, um zurück ins Empire gebracht zu werden. Dort sollen sie eine englische Erziehung genießen und vor grassierenden Krankheiten geschützt werden. Jane Gardams Mann war ein solcher Raj-Waise, im Nachwort allerdings dankt sie ihrem Mann „der Filth nur in einer einzigen Hinsicht ähnelt: er hat am Strand von Freetown siebenunddreißig Bananen gegessen.“

Filth stottert und wird gemeinsam mit seinen Cousinen zu einer englischen Pflegefamilie gebracht, die ihre Dienste besonders günstig zur Verfügung stellt. Edwards Vater ist Schotte, bemerkt Gardam lakonisch. Diese Pflegefamilie allerdings wird ihn mit ihrer Lieblosigkeit und Härte bis zum Ende seines Lebens prägen. Er wird eingeschult, schließlich zu einer anderen Familie gebracht und gewinnt einen Jungen namens Pat Ingoldby als guten Freund. Er wird einige Zeit bei ihm und seiner Familie wohnen und als der Krieg ausbricht, wie Pat, zum Militär gehen.

Ich werde Historiker. Das ist mein Plan. Das ist die einzige Hoffnung – dass wir lernen, wie wir das geworden sind, was wir sind. Ich meine, Primaten. Aggressionen. Das Empire geht unter. Es säuft ab. Das wird ein ziemliches Chaos, wenn es verschwunden ist, und wir werden dann kein besseres Volk sein.

Jane Gardam verwebt kunstvoll mehrere Erzählfäden ineinander. Der Erzählverlauf ist nicht chronologisch, im Zickzackkurs geht es von der Gegenwart aus in eine nähere und die fernere Vergangenheit. Fast ein ganzes Jahrhundert steckt in diesem Buch über einen Mann, dem scheinbar alles in seinem Leben mühelos gelungen ist. Immer wieder lässt Gardam uns auch an Gesprächen teilhaben, die über Old Filth geführt werden und gewöhnlich gelangt man zu dem Ergebnis, dass der Alte es nie besonders schwer gehabt habe. Als Leser und Leserinnen wissen wir besser, wie wechselvoll Edwards Leben war, jedenfalls, wenn wir es von außen betrachten. Er werde, so sagt Filth, stets immer wieder von denen verlassen, die ihm etwas bedeuten. Sein Privatleben ist eng und eintönig. Zwar hat er das nötige Kleingeld, sich eine Haushälterin zu leisten, ihren Namen aber kann er sich nicht merken.

Urteile und Urteilsbegründungen hatten ihn berühmt gemacht, aber wie schrieb man einfach so, ohne ein Urteil? Fakten darlegen war einfach. Aber wie sollte er entscheiden, was Fakten waren? Er wurde ganz klein vor der riesigen, fundamentalen Last, sich selbst mit den Augen eines anderen zu sehen.

Menschlich, einfühlsam und humorvoll beschreibt die mit einigen Literaturpreisen dekorierte Jane Gardam das Aufwachsen vor dem Zerfall des britischen Empire. Wie wächst es sich auf und lebt es sich inmitten von Instabilität und Ungewissheit, die sich im Falle Edwards auch noch in seiner eigenen Familiengeschichte fortsetzt? ,Ein untadeliger Mann‘ ist kein altbackenes Buch, es hat Witz, Charme und Esprit. Im Original bereits 2004 erschienen, ist es der Auftaktband einer Trilogie, die vom Untergang des britischen Empires handelt, „Old Filth Trilogie“ genannt. (ähnlich, wie es auch James Gordon Farrell in seiner Empire-Trilogie getan hat) Wer Freude an Romanen mit deutlich zeithistorischem Bezug hat und darüber hinaus ein Herz für etwas skurille Charaktere, dem sei ,Ein untadeliger Mann‘ sehr empfohlen. Wir können uns freuen auf eine Fortsetzung und bis dahin dankbar dafür sein, dass wir Jane Gardam als Autorin entdecken können.

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann, aus dem Englischen von Isabel Bogdan, Hanser Verlag, 352 Seiten, 9783446249240, 22,90 € 

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