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Carl Nixon – Lucky Newman

Der neueste Roman von Carl Nixon entstand unter vergleichsweise besonderen Bedingungen. Basiert er doch lose auf einer wahren Geschichte, die ihm von einem älteren Mann zugetragen wurde. Normalerweise ist jeder Autor zu Recht skeptisch, wenn er plötzlich von Fremden dazu animiert wird, deren Lebensgeschichte als Vorlage für ein Buch zu verwenden. In diesem Fall aber hat Carl Nixon seine Skepsis schließlich doch besiegt und mit ,Lucky Newman‘ einen fantastischen Roman geschrieben.

1919 in Mansfield, einer kleinen Stadt, die überregionale Berühmtheit erlangte durch ein vollständig erhaltenes Blauwalskelett: auf dem Weg zur Arbeit wird die Krankenschwester Elizabeth Whitman von einem Fremden angehalten, der ihr aus einer teuren Limousine heraus einen an sie adressierten Brief übergibt. Es handelt sich um ein Gesuch einer Mrs. Blackwell, die von Elizabeth herausragenden Fähigkeiten als Krankenschwester und ihrer Arbeit mit Kriegsheimkehrern gehört hat. Ihr Mann selbst ist noch immer verschwunden, ergilt als verschollen, noch nicht als tot. Die Blackwells sind eine angesehene und gut betuchte Familie und nach kurzer Bedenkzeit entschließt sich Elizabeth, Mrs. Blackwell einen Besuch abzustatten. Es geht um ihren Mann Paul, der, seit er aus dem Krieg zurückkam, nicht mehr derselbe ist. Nun kann man das fraglos von vielen Männern behaupten, doch bei Paul Blackwell liegt die Sache etwas anders: Er hat sein Gedächtnis verloren. Alles, was geschah, bevor er in Eiseskälte verletzt in einem Leichenberg erwachte, ist wie ausgelöscht. Darunter auch seine Frau, die sich mit diesem Schicksal  – dem ihres Mannes, freilich aber auch ihrem eigenen – nicht abfinden will. Ihr Mann ist aggressiv und aufbrausend, lebt in einem kleinen Zimmer im Obergschoss, während stetig das Feuer im Kamin brennt. Damit er nicht wegläuft, hat sie ihn am Fußgelenk angekettet. Wenn er etwas isst, dann nur noch aus Konserven, die er unter dem Bett hortet. Elizabeth soll die Erinnerungen an sein früheres Leben zurückbringen.

Es gibt Leute, deren Überzeugungen wie Schilfrohr sind. Elizabeth hat einige davon kennengelernt. Ganz egal, wie stark der Wind der Vernunft sie beugt, kehren sie doch immer in ihre Ausgangsposition zurück.

Während Mrs. Blackwell immer wieder versucht, ihren Ehemann mit früheren Erinnerungen zu konfrontieren, in der steten Hoffnung, der Nebel möge sich lichten, wählt Elizabeth einen viel unkonventionelleren Ansatz. Sie akzeptiert den Gedächtnisverlust, der vermutlich nicht nur durch das Trauma des Krieges, sondern auch einen Knochensplitter ausgelöst ist, der sich ein Stück in Pauls Gehirn gebohrt hatte. Sie nimmt Paul, wie er ist, eine weitgehend unbeschriebene Leinwand, die das Leben erst wieder neu kennenlernen muss. Sie fragt ihn nach seinem Namen. „Lucky“, antwortet er. So hatten die Soldaten ihn genannt, als sie ihn lebendig aus den Leichen geborgen hatten. Er hatte eben Glück. He was lucky. Elizabeths Herangehensweise führt recht schnell zu Konflikten mit der trauernden Mrs. Blackwell, die sich nichts mehr wünscht als die Rückkehr des Mannes, den sie geliebt und geheiratet hat. Er ist zwar aus dem Krieg zurückgekehrt, aber er müsste noch ein zweites Mal zurückkehren. Als ein Psychiater schließlich um sein Urteil gebeten wird, diagnostiziert er dem Kriegsheimkehrer Schizophrenie. Er hielte sich ja schließlich für jemand, der er ganz offensichtlich nicht ist. Er wird zunächst in Sunnyside, eine nahegelegene Anstalt, eingewiesen.

„Ja“, antwortet Lucky kurz, ein Tourist in seiner eigenen Stadt (ein Tourist in seinem eigenen Leben).

Der Mann, dem Carl Nixon diese Geschichte verdankt, erzählte von seinen Eltern. Von seiner Mutter, die sich in einen Mann ohne Gedächtnis verliebte, während sie ihn pflegte. ,Lucky Newman‘ ist durch seine Unmittelbarkeit ein unglaublich intensives Buch. Zu jedem Zeitpunkt der Geschichte ist der Erzähler präsent, leitet an, wirft hier und da etwas ein, spricht den Leser an. Auf sehr feinsinnige und einfühlsame Art erzählt Nixon nicht nur eine individuelle Lebens – und Leidensgeschichte, sondern wirft Fragen auf, die nicht nur im Zusammenhang mit dem Krieg und seinen Überlebenden von Bedeutung ist: Wer sind wir? Was macht uns aus? Sind es nicht zu großen Teilen unsere Erinnerungen, unsere Erfahrungen, aus denen wir unser Selbst extrahieren? Was geschieht, wenn wir sie verlieren? Was bleibt von uns? Im besten Falle bleibt von uns eine Geschichte, die weitergetragen wird. Dankenswerterweise – und vielleicht, weil das Leben eben nicht so ist – endet die Geschichte um Lucky Newman nicht überzuckert und kitschig. Es ist eine durch und durch lebensnahe Erzählung, die genau dadurch ihre Kraft und Präzision gewinnt. Mit diesem Buch beibt die Geschichte des Mannes ohne Erinnerung ganz sicher im Gedächtnis – was ein kleiner Trost ist. Wer den Roman bisher nicht kennt, sollte möglichst schnell beim Buchhändler oder der Buchhändlerin seines Vertrauens Abhilfe schaffen. Es ist ein kleines Juwel, stilistisch wie inhaltlich, ein offenes und ehrliches Buch, dem ich viele Leser wünsche!

Carl Nixon: Lucky Newman, aus dem Englischen von Stefan Weidle und Ruth Keen, Weidle Verlag, 280 Seiten, 9783938803714, 23 €

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