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Alina Bronsky – Baba Dunjas letzte Liebe

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Die alte Baba Dunja ist eine Tschernobyl-Heimkehrerin. Nach der Katastrophe im Reaktor 1986 verwaisten ganze Dörfer und Landstriche, eigentlich sollte niemand in diese Gefahrenzone zurückkehren, von der keiner genau sagen kann, wann und ob sie jemals ungefährlich, gesundheitlich unbedenklich sein wird. Baba Dunja hat Vieles aufgegeben für diese Rückkehr, aber sie tut es im Bewusstsein ihres hohen Alters. Alina Bronsky hat mit diesem Roman ein unheimlich anrührendes Porträt einer Frau gezeichnet, die trotz aller Widrigkeiten Herrin über ihr eigenes Leben bleibt.

Baba Dunja war die erste, die sich in dem kleinen Dorf Tschernowo nach dem Reaktorunglück wieder ansiedelte. Die Spinnen hatten ihre Hütte in seidene Fäden gewickelt, es war still. Nur die Vögel zwitscherten lauter als früher. Das, erklärte man ihr später, läge vor allem daran, dass hauptsächlich die männlichen Exemplare der Population überlebt hätten, die nun verzweifelt nach einem Weibchen riefen. Ihre Katze wirft missgestaltete Jungen. Nach und nach kommen auch andere ehemalige Anwohner zurück. Baba Dunjas Nachbarin Marja, deren Hahn jeden Morgen die Idylle in einem Landstrich vernichtet, in dem sonst kein Leben mehr ist. Marja, die mit einer Ziege allein in ihrer Hütte lebt. Der alte Petrow, der ohne seine Bücher keinen Schritt tut und Baba Dunja so manche unangenehme Frage stellt. Sidorow, der als einziger von ihnen ein altes Telefon mit Wählscheibe besitzt, das gelegentlich auch funktioniert. Die Gavrilows, gebildete Menschen, die in der Todeszone auf Komfort bestehen. Auf den Wegen zwischen den Hütten wandeln die Toten umher. Baba Dunjas einstiger Mann Jegor ist immer bei ihr, obwohl er längst nicht mehr unter den Lebenden ist. In diesem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit, eines gelebten Lebens, blühen die Toten auf.

Bis heute wundere ich mich jeden Tag darüber, dass ich noch da bin. Jeden zweiten frage ich mich, ob ich vielleicht eine von den Toten bin, die umhergeistern und nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass ihr Name bereits auf einem Grabstein steht. Einer müsste es ihnen sagen, aber wer ist schon so dreist. Ich freue mich, dass mir niemand mehr etwas zu sagen hat. Ich habe alles gesehen und vor nichts mehr Angst. Der Tod kann kommen, aber bitte höflich.

Baba Dunja hat lange als Krankenschwester gearbeitet, nach 1986 half sie Babys mit Missbildungen auf die Welt. Manche wurden auch tot geboren. Mit ihrer Entscheidung, in die Todeszone zurückzukehren, nabelt sie sich bewusst von ihrer Tochter ab. Und, noch gravierender: von ihrer kleinen Enkeltochter Laura. Die wird ihre Großmutter niemals besuchen können, denn auch die Großmutter strahlt mittlerweile wie ein Reaktor. Auch sie wäre, außerhalb ihres Lebensraumes, eine Gefahr für andere. Sie versucht dennoch, etwas über ihre Enkelin zu erfahren, indem sie trotz allem mit ihrer Tochter Irina in Kontakt bleibt. Die schickt manchmal Päckchen mit Essen oder ein Foto von Laura. Das, auf dem sie engelsgleiche blonde Haare trägt und lieblich in die Kamera lächelt, hat Baba Dunja behalten. Auch wenn Laura wahrscheinlich längst nicht mehr so aussieht. Um ihre Antwortbriefe zu verschicken und das Nötigste einzukaufen, muss Baba Dunja nach Malyschi fahren. Das liegt mit dem Bus rund eine halbe Stunde von Tschernowo entfernt. Bald wird auch der nicht mehr fahren. Als eines Tages zwei Fremde, ein Mann und ein kleines Mädchen nach Tschernowo kommen, bricht etwas im Dorf auf. Baba Dunja muss das Mädchen retten und bringt sich selbst dabei in Gefahr und Gefängnis.

Wenn ich mich in meinem Alter noch über Menschen wundern würde, käme ich nicht einmal mehr zum Zähneputzen.

Alina Bronsky hat mit Baba Dunja eine bewundernswerte Frau erschaffen, die zwar ernüchtert ist vom Leben, sich und andere deshalb aber noch nicht aufzugeben bereit ist. Sie will die Selbstbestimmung, sie will in ihrem Alter entscheiden dürfen, wie sie leben und vorallendingen wie sie sterben wird. Als Krankenschwester ist sie sich der Radioaktivität und ihrer Gefahren bewusst, sie hat ihre Auswirkungen gesehen. Aber sie hängt an ihrer Heimat. Wenn sonst nichts mehr übrig ist, will sie übrig sein. Wenn die anderen langsam vergessen, will sie es nicht tun. Sie glaubt schließlich, dass sie selbst bald genug in Vergessenheit geraten wird. Während in Tschernowo die unsichtbare Gefahr über allem schwebt und alles durchdringt, ziert das Gesicht Baba Dunjas die Cover überregionaler Zeitschriften. Sie ist berühmt und weiß es nicht, berühmt für ihren Wagemut, für dieses nahezu wahnwitzige Unterfangen, an dem Ort zu leben, den andere fluchtartig verlassen haben. Es ist eine Berühmtheit, auf die sie nicht viel gibt, als sie von ihr erfährt. Sie ist trotzdem nur Baba Dunja, eine genügsame und bescheidene Frau. Trotz aller Rauheit und Härte, aller Melancholie steckt etwas Versöhnliches in Bronskys Zeilen. Es ist nicht die Geschichte einer verbitterten Alten, die entgegen aller Ratschläge ihren Kopf durchsetzt. Vielmehr ist sie durchzogen von Witz, Charme und Eigensinn, die sie zu etwas ganz Besonderem machen. Dieses Buch ist der Beweis dafür, dass es nicht hunderte Seiten braucht, um eine überraschende und berührende Geschichte zu erzählen! Es braucht die richtigen Worte. Alina Bronsky findet sie.

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 160 Seiten, 9783462048025, 16,00 €

8 Kommentare

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  2. Hi,

    Endlich mal eine Buch, das definitv nicht in meinem Regal oder auf meiner Wunschliste landen wird. Das Thema radioaktive Strahlung ist mir einfach zu gruselig, seit ich mich an der Uni (in Geschichte) eingehender damit befasst habe. Trotzdem eine schöne Rezension!

    Viele Grüße

  3. Vielen Dank für deine Rezension, die mich davon überzeugt, dieses Buch lesen zu müssen. Der Klappentext alleine hat dafür nicht ausgereicht, aber jetzt möchte ich das Buch am liebsten sofort in den Händen halten. Und vielen Dank auch für das tolle Interview mit der Autorin. 🙂

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  6. Danion sagt

    „Baba Dunjas letzte Liebe“ ist ein Buch, das schon mit den ersten Worten und Sätzen an sich fesselt: humorvoll, lustig und zugleich irgendwie traurig, sogar tragisch. Die Geschichte einer Frau, die mittlerweile über 80 ist und die sich von nichts und niemandem einschüchtern lässt. Eine Frau, die nach dem Atomkraftwerkunfall nicht lange in der Evakuierung bleibt und als erste in ihr Haus in einem abgelegenen Dorf zurückkehrt. Die Frau, die durch ihre Erfahrungen und Autorität zur heimlichen Oberbürgermeisterin des Dorfes ausgewählt wird und auf deren Rat sich jeder verlassen kann.
    Es ist die Geschichte einer Frau, die in einem Geisterdorf in der „Todeszone“ Geister der Verstorbenen sieht, mit dem Geist ihres Mannes spricht und sich mit ihm berät.
    Ein Schmunzeln im Gesicht zaubern die sehr bildhaften Beschreibungen der restlichen Dorfbewohner, vor allem der Nachbarin Marja, die mit ihrem Hahn Konstantin lebt, in dem sie den Ersatz eines Mannes sieht, und mit einer Ziege, die gerne fernsieht und im Bett von Marja schläft. Nicht weniger lustig erscheint der Heiratsantrag eines uralten Mannes, der nicht gerne kocht und nun eine Frau sucht, die für ihn die Hausarbeiten erledigen würde.
    Tragisch sind dagegen die Tatsachen, die nebenbei erwähnt werden. Zum Beispiel dass die Leute aus dem Dorf nicht im Nachbarort begraben werden dürfen, weil die Bewohner dort Angst vor der Strahlung haben. Oder auch die Tragödie in der Familie der Baba Dunjas Tochter Irina, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt, die nun getrennt von ihrem Mann ist und keinen Kontakt mehr zur eigenen Tochter hat.
    Es gibt viele Episoden, die auch bei mir viel Nostalgie hervorgerufen hatten: z.B. die Geschichte mit den Pralinen zum Neujahr, die noch ein Dreivierteljahr gegessen und die Verpackungen gesammelt wurden. So ähnlich sah es auch in meiner Familie vor 20 Jahren aus. Und allgemein erinnern mich viele Beschreibungen an die aktuellen Zustände in den meisten Dörfern der ehemaligen Sowjetunion, wo das Leben auch heute so läuft, wie es von Alina Bronsky beschrieben wird.
    Die einzigen 2 Momente, die mich im Buch nicht überzeugt bzw. ein wenig enttäuscht hatten, waren die Geschichte mit der Baba Dunjas Enkelin (ich hätte mir gewünscht, dass sie sich doch noch ein bisschen entwickeln würde oder zumindest aufzeigen, dass eine Entwicklung kommt – sonst klingt das Ende sehr abrupt, als hätte die Autorin am Ende keine Lust mehr zu schreiben). Die andere Sache – die Geschichte mit einem Mann und seiner Tochter, die ins Dorf kommen. Ich hätte mir gewünscht, dass auch diese Geschichte ein bisschen mehr Bezug zu den anderen Protagonisten hätte. Nicht dass sie plötzlich im Dorf erscheinen und nach dem Ermordung des Mannes zu Ende ist. Man hätte auch schreiben können, was aus diesem Mädchen geworden war oder sie sogar in die Verbindung mit der Baba Dunjas Enkelin setzen. Irgendwas, was die ganze Sache etwas runder gemacht hätte.
    Die Sprache ist sehr schön, wodurch das Buch sich ganz leicht und schnell liest, sehr authentisch und lebhaft.
    In einem Satz: ein wunderschönes und lesenswertes Buch!
    Ich hätte dem Buch 4,5 Sterne gegeben, wenn das möglich wäre. -0,5 Punkte für die erwähnten Episoden

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