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Megapixel Hildesheim: Aus Bild wird Sprache

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Wie erzählt es sich eigentlich in diesen Tagen? In Zeiten, in denen alles offenliegt, niemand etwas zu verbergen hat und der, der doch ein Stückchen Welt nur für sich reklamiert, unweigerlich verdächtig erscheint? Sharing is caring, schrieb Dave Eggers in seinem vielbesprochenen und auch leidenschaftlich verrissenen Roman ,The Circle‘. Die Anforderungen an uns haben sich durch die Transparenzgesellschaft, in der wir leben, in den letzten Jahren gewandelt. Sie beeinflusst viele Bereiche unseres Lebens, – aber können sie auch das Schreiben beeinflussen? Das Medienkunstprojekt ,MEGAPIXEL Hildesheim‚ versuchte, die Transparenz auf eine ganz besondere Art der Literatur dienlich zu machen, Bedingungen des Schreibens auszuloten und neue Kreativprozesse anzustoßen. Fraglos ist Hildesheim, als eine Wiege und ein Nest deutscher Gegenwartsliteratur, ein idealer Ort für solche Ambitionen. Drei Hildesheimer wurden in einem Bewerbungsverfahren ausgewählt, mit ihrem Tagesablauf gleichsam den Nährboden für die Erzählungen von Lucy Fricke, Heinz Helle und Jakob Nolte zu bieten. Sie wurden für vierundzwanzig Stunden mit einer kleinen portablen Minikamera ausgestattet, die alle dreißig Sekunden eigenständig ein Bild knipst. Entlang dieser Bilder entstanden drei ganz verschiedene Erzählungen, die zwar von den Bildern inspiriert sind, sich aber nicht dogmatisch an das Abgebildete halten. Manchmal schweifen die Gedanken ganz schwerelos und man macht die interessante Beobachtung, dass den Bildern mit dem dazugehörigen Text plötzlich eine ganz andere Dimension, eine eigentümliche Tiefe verliehen ist, die sie zuvor nicht hatten. Wenn Heinz Helle die Bilder vom 79-jährigen Dieter Klein betextet, geraten sie plötzlich zu einem verhaltenen Memento mori, zu einer leisen Bewusstwerdung des eigenes Unwissens, trotz all der Lebensjahre. Die großen Zusammenhänge sind nie geklärt, die Suche danach nie abgeschlossen.

Audioaufzeichnung der Lesung mit Bildern

Ich bin die Summe der Dinge, die mich umgeben. Ihre Namen sind meine Gefühle.“ (Heinz Helle aus: ,Die Begutachtung einer Wand‘)

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Jakob Nolte liest aus ,Sollte Kenia seine Truppen aus Somalia abziehen?“

In so mancher erzählerischen Umsetzung des rein Visuellen blitzt Komik auf, immer dann, wenn Bild und Text eine vermeintliche Einheit bilden. Immer dann, wenn der Text konkret auf ein Bild Bezug nimmt und es zu deuten, auf seine Art zu interpretieren versucht. So werden die kleinen schwarzen Pins auf der Weltkarte von Lea Lang in Jakob Noltes Text zu potentiellen Einschlägen strategischer Gefechtskörper. Das illustriert natürlich auf eindrückliche Weise, wie sehr Erzählung immer Deutung der Welt ist. Es könnte so sein, aber auch ganz anders. Und über allem die Frage: Wie funktioniert Erzählen? Wie wird aus bloßen Bildern und Eindrücken, denen wir alle jeden Tag auf’s Neue ausgeliefert sind, ein literarischer Text? In diesem Projekt prallen zwei Welten aufeinander – die Welt des Aufzeichnenden, der nicht kontrollieren kann, welche Ausschnitte seines Tages auf den Speicher der Kamera gelangen und die Welt des Aufzeichnungsempfängers, der als Außenstehender die Dinge verarbeiten muss. Und dennoch bildet dieses hochinteresse Projekt nur das nach, was wir tagtäglich erleben. Wahrnehmung, Deutung, Verarbeitung. Hier auf eine besonders literarische und artifizielle Weise.

Erst mit dem Wissen, dass es nachts dunkel wird, ergaben viele Entscheidungen von Städtebauern und Landschaftsarchitekten wirklich Sinn. (Jakob Nolte aus: ,Sollte Kenia seine Truppen aus Somalia abziehen?‘)

Audioaufzeichnung der Lesung in Bildern

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Jakob Nolte, Lucy Fricke, Victor Kümel, Clara Ehrenwerth, Vera Rocke, Lea Lang, Heinz Helle, Dieter Klein (v.l.n.r.)

‚Das ist die Geschichte eines Tages, der genau so und niemals stattgefunden hat‘ liest man im Vorspann zu jedem Video. Es sind nicht die großen, gigantischen, weltumspannenden Dinge, die uns aus Konzept und Balance bringen. In Lucy Frickes ,Der Tag, an dem sie begann, Katzen zu hassen‚ ist es nur ein kleines felliges Wesen neben einem (glücklicherweise) bekannten Mann im Bett, das Selbstverständlichkeiten aufweicht. Etwas Eigenes braucht sie, die Erzählerin. Statt ein Jodeldiplom wird es ein Fisch im Glas. Die Rahmenbedingungen des Projekts werfen natürlich auch über die eigenen Grenzen hinausreichende Fragen auf, allen voran: Wie verhält sich der Mensch unter Beobachtung? Wenn er weiß, was aus dem, was er tut, eine Bildcollage und infolgedessen ein Text entstehen wird, der mitsamt der Bilder öffentlich präsentiert werden soll? Allen Autoren jedenfalls gelingt es auf charakteristische Weise den alltäglichen Bildern Leben einzuhauchen, sie aus ihrer relativen Neutralität in ganz andere Zusammenhänge zu setzen, den vermeintlich grauen Alltag literarisch erfahrbar zu machen. Das funktioniert und regt an, über das Geschichtenerzählen zu sprechen.

Sie will noch mehr, mehr Schönes nur für sich allein. Nichts Langweiliges, aufregend soll es sein, anders, nie gewagt. Sie will das Neue, sie hat heute die Chance, eine andere zu werden, eine, die immer schon in ihr war. Es ist ja alles immer schon in einem, muss man nur suchen, muss man nur rauslassen, braucht es nur Mut. (Lucy Fricke aus ,Der Tag, an dem sie begann, Katzen zu hassen‘)

Audioaufzeichnung der Lesung in Bildern

Es lohnt sich also, einen zweiten Blick auf dieses Projekt zu werfen, viele weiterführende Informationen findet ihr auf der Homepage von „MEGAPIXEL Hildesheim“.

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