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Harper Lee – Gehe hin, stelle einen Wächter

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1961 erhielt Harper Lee für ihren Roman ,Wer die Nachtigall stört‘ den Pulitzerpreis. Für die Jugendfreundin Truman Capotes sollte es der einzige literarische Erfolg bleiben, kein anderes Buch von ihr hat je das Licht der Welt erblickt, sodass über die Jahre schon Gerüchte aufkamen, Truman Capote könne am Buch beteiligt gewesen sein. Ihr Debüt blieb verschollen in irgendeiner Schublade – bis zum September 2014. Dieser überraschenden Entdeckung verdanken wir nun ,Gehe hin, stelle einen Wächter‘, das soeben erschienen ist.

,Wer die Nachtigall stört‘ ist, trotz manch konservativer Gegenmeinung in den Vereinigten Staaten, ein moderner Klassiker. Die Popularität dieser wohligen Südstaatengeschichte um Anwalt Atticus Finch und seine Kinder Jem und Scout ist nicht erst seit der Verfilmung mit Gregory Peck aus dem Jahr 1962 ungebrochen. Es beschwört das Aufwachsen in einer Welt, in der rassistische Überzeugungen salonfähig waren. Zeiten, in der das Wort „Nigger“ nichts Anrüchiges hatte oder wenigstens niemand sich dazu berufen fühlte, gegen menschenverachtende Meinungen zu opponieren, weil die Ungleichheit zwischen schwarz und weiß nunmal naturgegeben oder gottgewollt war. Abgesehen vielleicht von Atticus Finch, der nach dem Tod seiner Frau seine beiden Kinder allein großzieht und dabei zu mehr Umsicht und Toleranz anhält als die meisten seiner Zeitgenossen. Als ein Schwarzer namens Tom Robinson wegen Vergwaltigung vor Gericht steht, ist es Atticus Finch, der ihn verteidigt. Die Geschichte ist bekannt. Und wir dachten, Atticus Finch sei ein Held, ein Vorkämpfer für Gerechtigkeit, unabhängig von Rasse, Herkunft oder Geschlecht.

Atticus widmete sich diesem Fall nicht nur mit allen seinen Fähigkeiten, sondern auch mit einer instinktiven, erbitterten Abneigung, die er allein durch das Wissen überwand, dass er nur so weiter mit sich selbst in Frieden leben konnte.

So heißt es jetzt in ,Gehe hin, stelle einen Wächter‘, das von Harper Lee zwar vor ihrem Welterfolg geschrieben wurde, zeitlich aber deutlich nach dem Prozess Tom Robinsons angelegt ist. Jean Louise, ehemals „Scout“ genannt, ist sechsundzwanzig Jahre alt und lebt mittlerweile in New York. Ihr Bruder Jem ist zu früh gestorben. Atticus ist über siebzig und leidet an Arthritis, seine Schwester Alexandra hat sich bei ihm einquartiert, um ihm zur Hand zu gehen. Als Jean Louise in diesem Sommer ihre Heimat Maycomb County wieder einmal besucht, unbedarft und noch immer recht hemdsärmelig und burschikos für die 50er-Jahre, entdeckt sie plötzlich Seiten an ihrer Familie und den Bewohnern der Kleinstadt, die sie zutiefst erschüttern. So hat sich ein Bürgerrat gebildet, der die Emanzipation der Schwarzen in geregelte Bahnen zu lenken und den Einfluss der NAACP (National Association for the Advancement of Coloured People) gering zu halten versucht. Dieser Bürgerrat bietet rassistischen Wanderpopulisten ein Forum, die sich von einer aufkommenden Bürgerrechtsbewegung in Identität und Souveränität bedroht und beschnitten fühlen. Mitten in diesem Bürgerrat: Jean Louises Vater Atticus und ihr Beinahe-Verlobter Henry Clinton.

Mr.Stone hat gestern in der Kirche einen Wächter erwähnt. Er hätte mir einen zur Seite stellen sollen. Ich brauche einen Wächter, der mich begleitet, auf dass er mir zu jeder vollen Stunde ansage, was er da schaue. Ich brauche einen Wächter, der mir erklärt, was ein Mann wirklich meint, wenn er etwas sagt, einen Wächter, der in der Mitte einen Längsstrich zieht und sagt, das ist die eine Gerechtigkeit, und das ist die andere Gerechtigkeit, und mir dann den Unterschied verständlich macht.

Jean Louise ist fassungslos und sieht sich plötzlich Überzeugungen gegenüber, die niemals ihre eigenen waren. Der Rassismus grassiert wie ein Virus unter den Bewohnern von Maycomb und wird überraschend wenig hinterfragt. Als sie ihren geliebten Henry zur Rede stellt, plädiert der auf städtische und gesellschaftliche Verpflichtungen zugunsten der Karriere. Er ist ein Opportunist, der das Beste für sich herauszuholen versucht. In einem nahezu kathartischen Disput mit Atticus, der Fragen stellt wie: „Willst du scharenweise Neger in unseren Schulen und Kirchen und Theatern? Willst du sie in unserer Welt?„, wird ihr plötzlich bewusst, dass ihr Vater niemals der reine und gottgleiche Gerechte gewesen ist, für den sie ihn seit ihrer Kindheit hielt. Auch er meint, die Rechte für Schwarze dürften nicht plötzlich dieselben sein wie für Weiße, schließlich seien die Schwarzen rückständig und unfähig, sich Regierungsgeschäften zu widmen. Ließe man sie gewähren, würden sie in Scharen politische Posten besetzen und das Land, von dem sie keine Ahnung haben, in den Ruin treiben. Der Rückständigkeit der Schwarzen stimmt Jean Louise indessen zu, außerdem erzürnt sie eine Entscheidung des Obersten Bundesgerichts, die den Zehnten Zusatzartikel der Verfassung untergräbt. Hier geht es um die Souveränität der Einzelstaaten. Jeder Bundesstaat solle doch, so ihre Ansicht, mit seinen Menschen (seinen Schwarzen) so verfahren dürfen, wie er es für richtig halte. Indem die Rassentrennung aufgehoben ist und Schwarze das Wahlrecht erhalten, wird das Selbstbestimmungsrecht in diesen Belangen bedeutungslos. Dennoch kämpft Jean Louise gegen die ganz eigene Rückständigkeit ihres Vaters, eigentlich will sie, in ihren Grundfesten erschüttert, die Koffer packen und Maycomb wie auch seinen Bewohnern den Rücken kehren. Ihr etwas skurriler Onkel aber stoppt ihre Wut, indem er ihr eine Ohrfeige verpasst – und ihr zur Emanzipation von ihrem Vater gratuliert.

Willst du, dass unsere Kinder auf eine Schule gehen, deren Niveau gesenkt wurde, um es den Negerkindern anzupassen?

Die Prognose, dass Harper Lee mit diesem Erstlingswerk mutmaßlich nicht den Pulitzerpreis gewonnen hätte, muss eben das bleiben: eine Mutmaßung. Jedoch ist die Geschichte insgesamt nicht nur in ihren Haltungen antiquiert, allenfalls könnte man sie als historisch lesen, als Zeugnisse der Südstaaten in den 50ern, sondern auch in ihrem ganzen Aufbau. Ein junges Mädchen kehrt in den Ferien zu seinem Vater zurück, stolpert über dessen rassistische Überzeugungen und arrangiert sich schließlich irgendwie doch damit, weil sie begriffen hat, dass ihr Vater nicht unfehlbar und seine Meinungen nicht unantastbar sind. Ihre Fassungslosigkeit legt sich erstaunlich schnell nach dem Schlag ihres Onkels, plötzlich hat sie Atticus gegenüber gar ein schlechtes Gewissen. Ihren Geliebten wird sie nun doch nicht heiraten, wie ihr auch von Vornherein von ihrer Tante empfohlen wurde: er sei eben nicht ihresgleichen. Am Ende ist ein literarischer Kämpfer für Gerechtigkeit auf Dauer demontiert, ein junges Mädchen gezähmt und in die richtigen Bahnen gelenkt, alles am rechten Platz und steter Lauf der Dinge. Das ist in seiner Schicksalsergebenheit und seinem Dogmatismus für heutige Zeiten tief enttäuschend, literarisch allenfalls Mittelmaß. Nach einigen holprigen Dialogen zu Anfang hat sich Harper Lee zwar aufgewärmt, ihr Stil ist gewinnend und leicht lesbar, aber er kann das große Ganze nicht retten. Der Wächter eines jeden Menschen sei sein eigenes Gewissen, sagt man ihr. Ein kollektives Gewissen gäbe es nicht. Und so, schlussfolgert man nach der Lektüre, gibt es eben auch keine Gerechtigkeit, sondern wohl nur unterschiedliche Meinungen darüber, wer sie verdient.

Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter, aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel, DVA, 320 Seiten, 9783421047199, 19,99 €

8 Kommentare

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  2. Hallo Sophie,
    ist es denn streng genommen ein Erstling, also ein eigenständiger Roman, wie viele (fälschlich) annehmen? Ist es nicht vielmehr „nur“ die Erstfassung (Urfassung) ihres späteren Welterfolges? Zu dem „Mockingbird“ auch nur werden konnte, weil der Verlag mit starkem Druck und aus politisch-ideologischen Gründen Änderungen forcierte, die aus dem ursprünglichen Manuskript etwas ganz anderes und vor allem in der Breite akzeptableres gemacht haben. Meine Erwartungshaltung an den „Wächter“ ist deshalb von vorneherein nicht übermäßig groß. Ich habe die ersten 50 Seiten gelesen/überflogen und… bislang wenig sensationelles entdeckt. Bin gespannt, ob das bis zum Ende so bleibt und ich zu ähnlichen Schlüssen komme wie Du. Danke für Deine Besprechung.
    lg_jochen

    • literaturen sagt

      Lieber Jochen,

      sicher kann es eine Urfassung vom Mockingbird sein. Man kann das jetzt aber auch als eigenständigen Roman lesen, mit oben genanntem Ergebnis. Es ist eben wenig Sensationelles daran und dazu ist das Fazit auch noch sehr lasch und fragwürdig. Sie lässt Atticus einfach gewähren, schließt durch die Emanzipation von ihm schließlich Frieden mit ihm und alles ist soweit in Ordnung. Seine Aussagen aus dem Streitgespräch sind plötzlich auf wundersame Weise für Scout vertretbar geworden. Das funktioniert für mich aus vieleleri Gründen nicht. Ich bin gespannt auf deine Meinung!
      Liebe Grüße

  3. Liebe Sophie,
    vielen Dank für Deine Besprechung! Ich stimme dir zu, dass der Wächter als eigenständiger Roman nicht überzeugen kann, weil er wirklich nicht funktioniert: Das Fazit ist zu unglaubwürdig und ergibt sich vor allem nicht aus dem zuvor Geschriebenen. Zwar funktioniert das Fazit auch nicht besser, wenn man den Wächter als Urfassung des Mockingbirds liest, aber dann hat er durchaus etwas mehr Kraft, wie ich finde. Zwar nicht diese wirklichkeits-/perspektivverändernde Kraft, von der der Mockingbird nur so strotzt, aber die Kraft der Hoffnung ist doch irgendwie immanent.
    LG, Philipp

    • literaturen sagt

      Lieber Philipp,

      das Schlimme ist ja, dass ich in diesem Buch keinen Funken Hoffnung entdecken kann, sondern eher eine Fügung in das Unvermeidliche. Scout kann ihren Vater nicht umstimmen, will es dann plötzlich auch nicht mehr, ihre ganze Wut ist mit einem Schlag (im wahrsten Sinne des Wortes) verraucht und sie nimmt an, was ist. Auch, wenn sie damit vielleicht nicht in Gänze übereinstimmt. Weder kann ich diesen Sinneswandel tatsächlich nachvollziehen noch tut er dem Buch gut. Im Gegenteil. Vielmehr ist es ein: „Kommt, wir haben uns alle wieder lieb“-Ende, das vielleicht für die 50er Jahre realistisch sein mag, für heutige Verhältnisse aber angesichts Atticus‘ Aussagen völlig unverständlich bleibt.

      Herzlich,
      Sophie

      • Wie gesagt, dass Ende bleibt unglaubwürdig und im Plot auch unlogisch, da stimme ich Dir zu! Es ist wirklich schönmalerisch, das Ende. Aber Scouts Rede vorher – vor dieser Ohrpfeife – ist ja durchaus voller Hoffnung. Dass sie dann jedoch einknickt, kann man ihr durchaus persönlich übel nehmen, jedoch sollte man dies vielleicht auch vor dem Hintergrund der Zeit lesen: Für die 50er-Jahre mag dies eventuell wirklich realistisch gewesen sein, wie Du selbst schreibst, und der Text ist ja nicht nur zu der Zeit angesiedelt, sondern auch zu der Zeit entstanden. Die Überarbeitung haben wir mit dem Mockingbird bekommen, aber hier haben wir den Text, die Idee so vorliegen, wie sie ursprünglich mal gemeint/ vorgesehen war. Dass wir das so eins zu eins in unsere heutige Zeit übernehmen wollen, wo es unverständlich, moralisch und politisch falsch, gar volksverhetzerisch ist, funktioniert nicht, da es eben ein Dokument der Zeit ist.

  4. Tanja sagt

    Nachdem ich deinen Beitrag, und die anderer Blogger gelesen habe ist mein Stimmungsbarometer und die Lust das Buch zu lesen, so extrem gesunken, dass ich meinen Kauf letzte Woche bereue. Es liegt hier auf dem Tisch – noch in Folie eingeschweißt. Schade!

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