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Banal. Trivial. Egal.

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© Berliner Büchertisch, Quelle: Flickr

Wie wir reden, wenn wir über Literatur reden

Nachdem die durch manch namenloses Dörfchen getriebene Kritikersau langsam erlahmt, gab ein Artikel über die Booktuberin Sara Bow unlängst erneut Anlass zur Diskussion. Jetzt gibt es Bissigkeiten innerhalb der Bloggerszene selbst, die Berufskritiker haben Pause. In Blogger – und Kritikerkreisen warf die 21-jährige Sara, die hauptberuflich im Mode – und Beautyblogging zuhause ist, aber sich mit dem telegenen Bücherloben ein Zubrot von rund 800 € monatlich verdient, Grundsatzfragen auf: Wie wollen wir eigentlich über Literatur sprechen? So, wie Sara, einfach aus dem Bauch heraus und ins Blaue hinein? Während manche Blogger kritische Worte für das weitgehend unbegründete Schwärmen der Vloggerin fanden (hier Thomas Brasch in seinem Artikel „Sara! Mir grauts vor dir!“), machten sich andere deutlich für das Buch und seine Empfehlung stark, in welcher Form sie auch erfolgen mag. (z.B. Nina Merks aka Frau Hauptsachebunt in ihrem Artikel „Lest doch was ihr wollt!„) Nun gibt es freilich zwischem dem deutlich artikulierten Grauen und einer weitgehend anspruchlosen Empfehlungskultur viele Grautöne, die bei der Beurteilung des Phänomens in Betracht gezogen werden müssen. Sara Bow hat rund 19.500 Abonnenten auf Youtube, sie hat ein Publikum, wenngleich es auch nicht mit der Community großer Youtuber außerhalb der Literaturszene in Konkurrenz treten kann. Innerhalb der Szene dürfte es nahezu einzigartig sein. Nun wäre es natürlich fatal, das Vorhandensein eines Publikums allein bereits als Berechtigung zu benutzen. Bekanntlich gibt es für nahezu alles, sei es auch noch so absurd, ein Publikum. Aber sie bringt, so Karla Paul, E-Book Verlagsleiterin bei Edel, den Mensch zum Buch und daran könne nichts falsch sein.

Über Geschmack lässt sich, in den meisten Fällen, tatsächlich nicht streiten, weil keine Maßstäbe dafür existieren

Die Frage hinter der Diskussion ist letztlich, welche Ansprüche wir an ein Gespräch über Literatur anlegen. Die meisten, ob Literaturwissenschaftler oder nicht, wünschen sich wenigstens hin und wieder eine halbwegs substantielle Begründung für ein Urteil. „Es ist einfach sehrsehrsehr gut und lustig und so“ reicht dabei zur Überzeugung selten aus. Wieso auch? Dieses Urteil basiert auf persönlichem Geschmack, der durch allerlei Dinge wie auch Erfahrungen beeinflusst wird. Über Geschmack lässt sich, in den meisten Fällen, tatsächlich nicht streiten, weil keine Maßstäbe dafür existieren. Worüber man sich immer streiten kann (und manchmal sollte) ist die Machart eines Kunstwerks. Ein Buch kann hervorragend gemacht sein und trotzdem nicht gefallen, so eine Reflektion des eigenen Urteils ist immer wünschenswert. Hier scheidet sich der Hobbykritiker im Übrigen auch vom Berufsrezensenten: die Beurteilung der Machart eines Buches steht deutlich über dem persönlichen Geschmack. Ob ein Buch gut oder schlecht gemacht ist, kann anhand bestimmter Kriterien überprüft werden. Vielen gelungenen Büchern sagt man nach, sie hätten eine über ihren bloßen Inhalt hinausweisende Komponente, eine zweite Ebene, die sich in relevanter Weise entweder zu zeitgemäßen Themen positioniere oder klassische Narrative der Literaturgeschichte auf originelle Weise neu anordne. Trivialliteratur, so sagt man, ist „Schemaliteratur“. Sie weicht nicht in unerwarteter Weise von dem ab, was wir ohnehin bereits kennen und was seit  geraumer Zeit dafür bekannt ist, von einer breiten Masse angesichts seiner Leichtigkeit sehr gern gehabt zu werden. Trivialliteratur präsentiert uns keine überraschenden und komplexen Charaktere, an denen wir uns reiben oder verzweifeln können, sie liefert uns genau das, was wir bestellt haben. Sie ist der Lieferdienst des Lesers, manchmal weit mehr Dienstleistung denn Kunst. Und das ist in Ordnung, auch wenn nicht jeder Intellektuelle und Ästhet damit d’accord geht, dass so etwas Belangloses überhaupt existiert. Eine Tüte Chips ist auch ziemlich belanglos und schmeckt beizeiten dennoch hervorragend.

Über weitgehend belanglose (im Sinne von: erwartbare) Unterhaltungsliteratur können natürlich auch keine großen Reden geschwungen werden – und so liegt es ein Stück vielleicht auch an der Literaturauswahl von Sara Bow selbst, dass eine tiefe Auseinandersetzung mit dem Gelesenen nicht stattfindet. Weitgehend inhaltsleere, repetitive Geschichten erzeugen auch inhaltsleere Rezeptionen, es sei denn, man ist zu einem gepfefferten Verriss imstande, der allerdings zur hohen Kunst gehört. Und so sagt Sara eben einfach, ob sie mag, was sie gelesen hat. In derselben Weise, in der sie vermutlich auch darüber spricht, ob eine Hautcreme ihr zusagt oder eine Pizza geschmeckt hat. Youtube lebt durch die Nähe und direkte Verbindung zum Publikum. Wir können uns weit besser mit dem identifizieren, den wir vor der Kamera sehen und reden hören, als mit dem, den wir nur durch sein geschriebenes Wort kennen. Sara hat den Sympathiebonus bei ihren Zuschauern, die gar nicht an einer tiefschürfenden Textanalyse interessiert sind. Sie wollen kurze Zusammenfassungen, schnelle Urteile und Gefühle. Und es scheint mir nicht zielführend oder sinnvoll, dieses Bedürfnis oder das Bedienen dieses Bedürfnisses von einem Standpunkt aus zu beurteilen, der gänzlich andere Ansprüche an Literatur und deren Rezeption hat. Dahinter steht der implizite Wunsch: So, wie ich über Literatur spreche, müssen anstandshalber bitte alle darüber sprechen.

Da sitzen junge Mädchen vor der Kamera, öffnen ein Päckchen voller Bücher und nennen es dann „Rebuy Mega Haul“

Man spricht gern über den kulturellen Verfall, der sich insbesondere in solchen Formaten oder auch in Bookhauls ungehindert Bahn bricht. In dieser Rolle gefällt sich so mancher, der sich seiner Bildung immer wieder einmal auf’s Neue versichern muss. Da sitzen junge Mädchen vor der Kamera, öffnen ein Päckchen voller Bücher und nennen es dann „Rebuy Mega Haul“. Hauls gehören fraglos zu den absurdesten Blüten unserer Konsumkultur. Dass tausende Menschen einmal gebannt am Computer dabei zusehen würden, wie ein anderer irgendwo im Land seine Einkäufe auspackt, hätte sich vermutlich nicht einmal Andy Warhol so ausdenken können und wollen. Während manche Booktuber das kritiklose Abfeiern von Literatur zu ihrer Prämisse erhoben haben, sind (Book)hauls der Inbegriff kritiklosen Konsums. Wie oft wird dort gelobt, wie unheimlich preiswert dieses oder jenes war. Eine Versuchung, der man nicht widerstehen konnte. Ich persönlich kann problemlos der Versuchung widerstehen, solche Videos anzusehen. Und warum es sie gibt, mag mir nicht einleuchten. Erfreulicherweise zwingt mich aber auch niemand dazu. Jeder sollte auf seine Weise über Bücher sprechen können, ohne erst vorher von einem Intellektuellengremium abgesegnet werden zu müssen. Auch im Bereich der Literatur können wir Spielarten vertragen und aushalten, die nicht besonders relevant sind, aber allen Beteiligten Freude bereiten. Allenfalls könnte man leicht pikiert darauf reagieren, dass diese fließbandartige Empfehlungsmaschinerie gleichsam „nebenbei“ läuft, die Literatur bloß neben Beauty & Fashion eben noch ein paar Kröten abwirft. Dass die Literatur es eigentlich nicht verdient hat, so im Laufschritt abgefrühstückt zu werden. Alles andere aber ist: Geschmacksache und eine Frage der Zielgruppe.

11 Kommentare

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  2. Liebe Sophie, im Kern hast Du völlig Recht, Nina übrigens auch … und Thomas ebenso. Was mich überrascht und in Folge dann auch ein wenig gestört hat, ist die eigene Anspruchslosigkeit, die Sara (u. a.) völlig unselbstkritisch zur Schau stellt und (willentlich oder ahnungslos) zum Prinzip erhebt. Das finde ich persönlich nicht in Ordnung und habe, so denke ich, auch das Recht, das zu kritisieren oder zumindest anzumerken. Genau wie sie das Recht hat, ihre Filmchen zu verbreiten. Verwundert nehme ich allerdings zur Kenntnis, dass eine durchaus sachliche Diskussion umschlägt in eine „Heile-heile-Gänschen-Bewegung“ mit dem Tenor, lasst die Sara doch machen, was sie will, ist doch süß.
    Welche Genres Menschen lesen (und welche Fallhöhe die von ihnen präferierten Texte besitzen), ist mir egal. Jeder nach seiner Facon, wie der Alte Fritz zu sagen pflegte. Aber wer sich wie Sara (und wir auch) in die Öffentlichkeit stellt, muss auch Widerspruch ertragen, sachliche Kritik wohlgemerkt, keine Häme oder Spott.
    (Eine superduperschlaumeierische Anmerkung noch zum Schluss. Über Geschmack läßt sich durchaus streiten, denn es existieren sehr wohl Ansätze, Regeln und Maßstäbe dafür aufzustellen. Kants Kritik der Urteilskraft, Schillers Briefe zur Erziehung des Menschen sind nur zwei Versuche, die bis heute von vielen weiteren ergänzt und aktualisiert wurden. … Aber das ist nun wirklich eine Diskussion, die sich im Kommentarteil eines Blogs nicht zufriedendstellend führen läßt. Polemisch überspitzt: Über Manieren lässt sich nicht streiten, denn es gibt keine Maßstäbe dafür. Da würden die meisten wohl widersprechen, oder?!) lg_jochen

    • literaturen sagt

      Lieber Jochen,

      selbstredend darf man sie kritisieren. Ob man sich aber nun vor ihr grausen muss, weiß ich nicht. Ihr Publikum wünscht sich keine Textanalyse, sie möchte keine abgeben. Es ist mehr eine Empfehlung „unter Freunden“, lies das mal, das ist gut. Nichts weiter. Daran jetzt den Maßstab anzulegen, „Literaturkritik“ zu sein und es daraufhin zu kritiseren, ist schlicht sinnlos und unnötig. Ich sage letztlich auch, man sollte sie machen lassen. Aber nicht im „Heile-Heile-Gänschen“-Ton, sondern im gleichen Ton wie sonst auch. Ich kann mich darüber nicht so echauffieren, obwohl ich es auch nicht mag.
      Zu deiner Schlaumerei: Klar, man kann alles noch viel genauer beleuchten. 😉

  3. Liebe Sophie,

    das ist ja mal wieder eine unterhaltsame Diskussion die da vom Zaun gebrochen wurde und die du hier ganz nett aufgreifst und treffend beantwortest.

    Das Problem ist nicht eine Sara, die völlig anspruchslos über Bücher redet. Es ist die Tatsache, dass das Internet ein Medium ist, über das alle Inhalte gleichermaßen zugänglich sind. Ein anspruchsvoller Feuilleton-Artikel taucht plötzlich neben einem völlig anspruchslosen Booktuber auf und dazwischen sind dann Buchblogs und Kritiker und natürlich ein ganz großer Haufen Menschen die aus allem irgendwie viel Asche machen wollen. Und das alles irgendwie nebeneinander in diesem komischen Neuland. Und es gibt keine Polizei, keine Hierarchie, kein Lektorat. Eine Sara, deren Publikum einst maximal ihr Kinderzimmer mit ihren Freundinnen umfasst hat ist nun plötzlich Kleinunternehmerin mit einem riesigen Publikum. Und der professionelle Kritiker, der einst mit seiner Zeitung ein Millionenpublikum hatte? In der Bedeutungslosigkeit verschwunden, begraben unter den Millionen Youtube-Klicks, Facebook-Likes und Retweets.

    Was macht dieses Internet also erforderlich, was ist die große Kunst der permanent verfügbaren Informationen und Neuigkeiten? Es ist das auffinden von Informationen, das Filtern, das Navigieren durch diesen unendlich großen Informationspool, der in einer Minute mehr Inhalt schafft, als man in seinem ganzen Leben konsumieren kann. Die Kunst eines aufgeklärten Menschen ist es sich aus diesem riesigen Arsenal einen Informationsstrom aufzubauen, der einen selbst bildet, weiter bringt, den Blick für die Welt öffnet, aber einen nicht ertrinken lässt in diesem ewigen Strom. Man darf sich nicht einlullen lassen von den hirnlosen Artikeln der Massenmedien, die nur wenige Tage Gültigkeit haben, aber sich derer auch nicht verschließen.

    Irgendwo darin ist die Sara zu finden und nach einem Klick auf ein Video von ihr, einer Laufzeit von wenigen Sekunden ist sie durchs Raster gefallen. Versickert in den Myriaden von Videomaterial. Gefiltert, aussortiert und damit nicht nur sie, sondern auch alle anderen Videos von jungen, geschminkten und infantilen Mädchen und jungen Frauen, die vor einem bunten Ikearegal sitzen und irgendwas Glitzerndes in die Kamera halten.

    Es geht also vielmehr um die Kompetenz der Nutzer. Medienkompetenz ist das große Stichwort. Früher haben sich junge Mädels die Backstreet Boys angehört, Bravo gekauft und jetzt sitzen sie halt vor Ýoutube und ziehen sich solche Videos rein. Aber ich glaube nicht, dass das Abendland nun schon wieder vorm kulturellen Untergang gerettet werden.

    Liebe Grüße
    Tobi

  4. Also ich sehe das wieder etwas differenzierter, das heißt, mich regt diese junge Frau, die da achthundert Euro im Monat verdient, in dem sie fünfzehn Jugendbücher, ich habe mir das Video mit den Sommerbücher angeschaut, in die Höhe hält, den Verlag, den Preis und ein paar Worte dazu sagt und dazufügt, daß es sicher lesen wird, nicht so auf.
    Ich verdiene mit meinen Blog, mein Internettagebuch über mein Lesen, Schreiben und die Veranstaltungen, die ich besuche nichts und will das auch nicht, aber wenn die junge Frau, ihr Geld damit verdient, in dem sie Jugendliche zum Lesen bringt, kann ich nichts Schlechtes daran finden!
    Ich bin zwar ähnlich, wie bei den Selfpublisherzahlen, was die da angeblich mit ihren Büchern verdienen, skeptisch, weil ich denke, die Leute lesen immer weniger, aber offenbar gibt es im Internet massenhaft Blogger, die sich für Bücher interessieren und das Lesen empfehlen und das ist eigentlich toll.
    Super, die, die das neue Jugendbuch von Sophie Kinsella empfohlen bekommen und es vielleicht lesen, wollen vielleicht keine so fundierte Literaturkritik, ganz abgesehen davon, daß ich die von Marcel Reich Ranicky sehr sehr subjetiv empfunden habe und auch die von Klaus Kastberger, den ich vorige Woche als Bachmannjuror beobachtet habe.
    Ich finde es nach wie vor fein, daß soviele Leute über das Lesen bloggen und, daß sie das offenbar auch sehr unterschiedlich mit unterschiedlichen Ansprüchen tun, was mich nur daran stört, immer noch, ist der Neid auf den Erfolg der anderen und die Abwertung, „Das ist ein schlechter Blog, da muß ich mich grausen!“, wenn da eine junge Frau „Megamegageil!“, sagt und von Literaturkritik keine Ahnung hat, weil sie das nicht studierte.
    Vielleicht bringt sie die heutige Jugendbuch Kinsella Leserin später, wenn die dann Germanistik studiert, doch zum „Hochliteratur“ Lesen und so denke ich, jeder soll es machen, wie er es will und die anderen nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung empfinden!
    Schön, daß es in Zeiten des sekundären Analphabetismus soviele Leser und soviele Bücher gibt, ich werde wahrscheinlich keines der Jugendbücher lesen und bei Sophie Kinsella, die ich gelesen habe, bin ich zu unterschiedlichen Meinungen gekommen.
    Ihre „Schnäppchenjägerin“ habe ich für eine roßartige Beschreibung einer Kaufsucht gehalten und ich bin Psychologin vom Brotberuf und nicht Literaturwissenschafterin, freue mich auf den deutschen Buchpreis, überlege, ob ich mir die zwanzig demnächst bekanntgegebenen Bücher kaufen soll und damit meine endlos lange Leseliste aus den offenen Bücherschränken durcheinanderbringen oder nicht und freue mich ganz ehrlich auch über diese Diskussion, obwohl die Psychologin in mir wieder zu mehr Toleranz und weniger Neid oder Bedrohungsverhalten rät!
    Am Schluß noch ein Lesetip über eine Modebloggerin, nämlich Olga Flor „Ich in gelb“ Jung und Jung, das vielleicht auf dies dBP Longlist stehen könnte

  5. Liebe Sophie,
    das Praktische ist doch, das jede/r irgendetwas für einen großen Schmarren hält. Und das Internet ist groß genug für alles. Auch für die Perlen, die die eine oder der andere in dem ganzen Schmarren findet.
    Tobias hat Recht, daß die Ungeordnetheit eine Herausforderung ist. Aber die vermeintliche Gewißheit, daß eine subjektive Meinung, weil sie in der FAZ, der Süddeutschen oder in Volltext erscheint, ausschlaggebender sei, die ist wohl Vergangenheit.
    Wer die von Sara angepriesenen Bücher kauft und liest, wird sicher nicht durch ihre Videos von der Lektüre anderer Bücher jenseits der Meterware abgehalten. Vielleicht finden manche dazu, wenn es sie von innen heraus nach mehr verlangt, vielleicht nicht. Ich glaube ja immer noch an den Bildungsort Schule, hoffe auf den ansteckenden Enthusiasmus von Lehrerinnen und Lehrern.
    Liebe Grüße
    Norman

    • literaturen sagt

      Lieber Norman,

      dem stimme ich zu. Deshalb schrieb ich auch: Wir können auch Formate aushalten, die nicht relevant sind oder unseren Ansprüchen genügen. Jedenfalls sollten wir das können, sonst ist es um unsere Überzeugungen offensichtlich nicht besonders gut bestellt. Ich glaube auch, dass es nach wie vor junge Menschen gibt, die sich tiefer mit Literatur auseinandersetzen. Erst kürzlich hatte ich ein junges Mädchen im Laden, vielleicht vierzehn oder fünfzehn, die explizit nach Klassikern fragte, weil sie die gern lese. Ich sehe da eben dieses vermeintliche Untergangsszenario nicht, diese unaufhaltsame Verflachung von allem und jedem. Natürlich gibt es sie und das zu verleugnen, wäre blauäugig, aber ich sehe nicht, dass sie ausschließlich ist und nun besonders von Menschen wie Sara
      vorangetrieben wird.

      LG

  6. Liebe Sophie, leider ist dein Beitrag bislang an mir vorbeigegangen. Es nervt, dass man offenbar für alles sich eigene Listen in den Netzwerken erstellen muss, da die Algorithmen einem nicht mehr die Dinge zeigen, die einen wesentlich interessieren.

    Jetzt haben wir uns beide an einer Sache etwas abgearbeitet, die man vielleicht bei einem Zusammensein schon nach 10 Minuten ad acta gelegt hätte. Deine sehr differenzierte Betrachtung schätze ich und entspricht üblicherweise auch meiner Haltung in vielen diesen Fragen. Hätten wir alle zusammengesessen, wären wir wohl in meinem Fall gemeinsam schnell auf den Punkt gekommen, der mir aufgestossen war. Nicht der Artikel über Sara und auch nicht Saras Beiträge waren für mich zunächst der Anlass des Grauens, sondern – wie ich auch schrieb – diese wohlwollende, ja teils begeisterte Reaktion darauf, dass das doch erfolgreich sei. Vorgetragen von Menschen, die ansonsten so ambitioniert ihre Aktivitäten um die Literatur betreiben. Hier nicken sie lässig ab, dass es doch super sei, dass man Bücher so einfach verkauft.

    So verkauft man Bücher wie Schokoriegel und so werden sie denn auch konsumiert. Die ewige sozialutopische Argumentation, so würden doch auch zukünftige anspruchsvollere Leser geschaffen, kommt dann noch als Ärgernis hinzu. Deshalb hab ich das in meinem Beitrag zudem angesprochen.

    Ich habe nicht erwartet, dass die Leute sich alle über Sara echauffieren, jedoch erwartet das überwiegend viele wie Stefanie davon melancholisch gestimmt sind. Oder, wie ich, dem mit ernüchterter Ironie begegnen.

    Das Ganze war wohl auch nur der Auftakt eines Hypes, wie wir aktuelle an dem Coup von LeFloid sehen und an Artikeln wie diesen: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/youtuberin-marie-lopez-stuermt-die-bestsellerliste-13697919-p3.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3

    • literaturen sagt

      Lieber Thomas,

      danke für deine Reaktion, ja, manchmal geht ein Artikel auch irgendwie unter.
      Ich finde es schwierig, von Menschen, die ambitioniert Literatur unter die Leute bringen – sei es als Buchhändler oder Blogger oder wie auch immer – die Empörung oder Melancholie zu erwarten. Ich kann mich persönlich weder über Sara noch über die Reaktionen so derart aufregen. Es bereitet mir keine Sorgen im Sinne von: „Oh Gott, wie wird die Literaturvermittlung dann wohl in ein paar Jahren aussehen?“, weil es immer einen Gegenpol geben wird. Der wird nicht massentauglich sein, aber das war er nie. Es wird immer Menschen geben, die mit einer erschreckenden Unbedarftheit und Anspruchslosigkeit an Literatur herangehen, weil sie für diese Menschen einen anderen Stellenwert besitzt. Das kann ich persönlich sehr schade finden, denn ich weiß um den Wert und die Kompetenzen von Literatur. Aber das war es dann eben auch schon. Ich finde es schade. Schade, dass Literatur so neben Beauty abgefrühstückt wird, schade, dass Literatur gerade gut genug ist, um sich nochmal eben für die wichtigeren Internet-Aktivitäten ein bisschen Geld zu akquirieren. Aber nur, weil mich das nicht wirklich betroffen oder wütend macht, bin ich nicht diskussionsscheu oder einzig daran interessiert, der Sara (und wem auch immer) liebevoll über den Kopf zu streicheln. Ich werde sie nicht davon abhalten, genau dieses Format für genau die Menschen zu machen, die es interessiert. Und sowas sehe ich, Ambitionen hin oder her, auch nicht als meine Aufgabe an.

      LG,
      Sophie

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