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Anke Stelling – Bodentiefe Fenster

stelling

In den Kinderläden der 68er zählte nichts so viel wie das gesprochene Wort. Über alles kann man reden und in jedem steckt etwas Wundervolles, selbst wenn es nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist. Wir alle sind gleich(wertig), emotional ausbalanciert und total offen. Die in diesem Zeitgeist erzogene Sandra lebt heute in einem genossenschaftlichen Wohnprojekt, in dem sich viele dieser Denkansätze erhalten haben. Doch um welchen Preis? Was ist, wenn diese damaligen Ideale plötzlich ihre Nebenwirkungen, ihre Fehlerhaftigkeit offenbaren?

In dem genossenschaftlichen Mehrgenerationenprojekt, dessen bodentiefe Fenster in jeder Wohnung eine akribisch geplante Einrichtung erfordern, herrscht, – so heißt es in der Werbung – genau die richtige Mischung zwischen Nähe und Distanz. So viel Nähe wie möglich, so viel Distanz wie nötig. Nicht nur im Wohnprojekt selbst, sondern auch bei Sandra gerät diese Mischung immer öfter aus dem Gleichgewicht. In wöchentlichen Plena wird gesittet in der Runde über alles diskutiert. Ob zu viele Schuhe in den Hausfluren stehen oder künftig jeder ankündigen sollte, wenn er eine für die Gemeinschaft offene Aktivität auf dem Gelände plant. Nur, um niemanden auszuschließen. Nur, um sicher zu sein, dass niemand sich abgehängt fühlt, zurückgelassen von der Gemeinschaft. Sandra ist Mutter von zwei Kindern, freie Journalistin und in ihrem Freundeskreis spielt das Muttersein eine besonders wichtige Rolle. Beizeiten so wichtig, dass man meint, die Mütter lösten sich in ihren Kindern auf.

In der Zeitung steht, dass die Eltern heutzutage durchdrehen, weil sie die Kinder nicht mehr für selbstverständlich nehmen, sondern zu ihren Projekt machen würden, aber ich glaube nicht, dass das neu ist. Kinder sind die Zukunft, die unbeschriebenen Blätter, auf denen man als Eltern seine Ideen entwirft. Immer schon.

Besonders angetan haben es Sandra, die sich in fortwährender Daueridentifikation mit ihrem Umfeld befindet, besonders die ängstlichen Eltern. Die, die ihr Kind nicht nur am liebsten sinnbildlich, sondern tatsächlich an der Leine hätten. Die glauben, sie könnten ihre Kinder so lange vor der schlechten Welt beschützen, bis sie sich durch ihre steten Bemühungen vielleicht zum Positiveren verbessert hätte. Eltern, die zu keinem klaren Wort ihren Kindern gegenüber mehr in der Lage sind, weil es sie empfindlich kränken und in ihrer Entwicklung blockieren könnte. Die für alles Verständnis von ihrem Kind einfordern, das sich nicht einmal selbst die Schuhe binden kann. Jede Schrulligkeit, jedes entgleiste Benehmen ist nur Ausdruck der Besonderheit in jedem von uns. Sandra beginnt, zunächst etwas verhalten, dann immer manischer ihre Umgebung und die Menschen in ihr mit äußerst scharfem Instrument zu sezieren. Warum sind sie so? Warum lässt ihre Schwester Sandras Nichte bei Minusgraden in ungeeigneter Kleidung nach draußen gehen, wenn die sich das wünscht? Warum wird ein Kind unablässig mit Mandarinen gefüttert, um es dann vor den möglichen Gefahren zu warnen, die man selbst heraufbeschworen hat? Warum scheitert jede Bemühung, sich von den eigenen Eltern zu emanzipieren, so gnadenlos und unwiderruflich?

Aber die bodentiefen Fenster erschweren, ehrlich gesagt, das Einrichten, zumindest, wenn man nicht schon bei der Grundrisserstellung wusste, wer wo schlafen soll und mit wie vielen Möbeln und Menschen man einzieht.Die Fenster verlangen ein schlüssiges Gsamtkonzept.

Sandra steigert sich in ihre Betrachtungen und Phantasien immer leidenschaftlicher hinein, es ist eine fulminante Selbst – und Fremdzerfleischung, die jedoch niemals völlig den Bezug zur Realität verliert. Freilich ist so manches übersteigert, aufgebläht, doch insgesamt erlaubt Sandra sich einen nahezu kathartischen Aus – und Zusammenbruch. Der, man ahnt es, letztlich nicht zu einer Änderung führt. Denn im Gegensatz zu manch anderen Taten, sind die Verrenkungen der Mütter, die Anstrengungen der stets Gerechten offenkundig nicht nur schlecht. Niemand hat mehr Recht oder Unrecht, es gibt nur noch Meinungen, überall, denen man zustimmen kann oder nicht. Stimmt man nicht zu, hat man zwar das Recht dazu, deshalb aber noch lange nicht recht. In jedem Gespräch stecken schädliche Gleichmacher. Relativierer. Wo früher Orientierung war, steht heut‘ ein runder Tisch. Anke Stellings Roman bohrt so – auch sprachlich – gekonnt in den Wunden, die ein Wahnsinn wie dieser geschlagen hat, dass einem der zunehmende Wahnsinn Sandras unbedingt verständlich erscheinen muss. Obwohl der, letztlich wie das Wohnprojekt, nur nicht imstande ist, Nähe und Distanz auszubalancieren. „Bodentiefe Fenster“ handelt nicht nur vom Muttersein und all den Gedanken, die man besser weder hat noch ausspricht. Es handelt von einem grundsätzlichen Klima in manchen Kreisen, dem sich die Mütter angepasst haben. Von dem unbedingten Wunsch, zwar vieles anders, aber alles richtig zu machen.

Doch das nutzt alles nicht mehr viel: jeder weiß inzwischen genau, wie die anderen sind, alles passt, alles fügt sich – und zwar nicht mehr in das Bild, das man selbst erzeugen möchte, sondern nur noch in das feste Bild in den Köpfen anderer.

Anke Stelling: Bodentiefe Fenster, Verbrecher Verlag, 256 Seiten, 9783957320810, 19,00 €

7 Kommentare

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  2. Das klingt, als wöllte ich es gerne lesen!
    Alles, woran die Protagonistin knabbert, selbst auf dem Programm gehabt, nun geht es weiter mit erstmal einem Enkel – und dem nun leicht weise lächelnden Beobachten 🙂

  3. Hallo Sophie,
    habe eben das Gespräch im #LitSaloon gelesen (schöner Auftakt!) und nun die Besprechung hier. Das alles klingt nicht so, als ob ich das Buch lesen möchte…
    Viele Grüße
    Norman

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  6. Arthur sagt

    Ich habe das Buch hin auf deine kurze Rezension hin gelesen und bin am Ende hin und her gerissen.
    Was wirklich ihr wirklich gut gelungen ist, ist die Mileubeschreibung, die ich obwohl ich nicht in Berlin wohne, sondern im aalglatten Frankfurt, als zutreffend empfinde. Ich musste das ein oder andere mal, ob der überspitzten Formulierungen, wirklich schmunzeln. Das trägt das Buch über die ersten hindert Seiten wirklich gut. Zugleich zeigt Stelling auf, wie Eltern, insbesondere Mütter, das Erbe einer avantgardistischen Elterngeneration, an die nachfolgende Generation weiterrecht, es den Protagonisten der aktuellen Generation aber an einer eigenen Verortung inklusive aktueller Zeitdiagnose fehlt. Die Abstraktionsleistung das iegen Leben gesellschaftlich einzuordnnen, fern ab des Drucks von gutem und ethischem Handeln aus dem Blumenstrauss der verschiedenen Lebensentwürfe. Würde man das grob trennen wollen, würde ich vor 1990 und danach als Zeithorizont ausgeben, wo massive Gesellschaftsumbrüche stattgefunden haben und Handlungsstrategien keine Änderung, bzw. schleichende erfahren haben. Einbezogen und dargestellt wird das in dem Buch nur sehr oberflächlich. Dafür hätte sich meines Erachtens die Beziehungsebene zu den Partnern und dem Wandel von Beziehunsgverständis toll angeboten. Die Darstellung der Selbstverständigung dieser Generation darüber ist mangelhaft, was in dem Buch und selbst dem alternativ-bürgerlichen Milieu nur angerissen wird und somit eigentlich nicht gelingt. Die Ansprüche der vorhergehenden Generation (sogenannter Staffelstab der Geschichte) mit Leben zu füllen und aktuellen Gegebenheiten anzupassen, fehlt mir in dem Buch. So ist das Ende des Buches symptomatisch und für mich auch vorhersehbar. Es gelingt nicht die Ansprüche der vorigen Generationen einfach zu übernehmen; eine gesellschaftskritische Anpassung der Zustande vorzunehmen. Was zu Anfang in überspitzten, aber zugleich treffenden Beschreibungen, sowohl über die anderen „Leidensgenossen“ mit ähnlichen Lebensstilen, die ja alles so gut hinbekommen, bzw. ihre eigenen Ideal gesenkt haben, gelingt, versagt auf der tiefergehenden Ebene. Insbesondere die Rolle der Mutter analytisch und kritisch zu betrachten fehlt mir. Sich selbst verorten und zu wissen wer man ist, weil man weiss woher man kommt und wohin man möchte. Da fehlt es dem Buch an kritischem Umgang mit der Vergangenheit und den proklamierten Werten. Somit ist die Zukunft verstellt und der „utopische Gedanke“ des sich „freistrampelns“ aus elterlichen Strukturen per se nicht möglich. Dies kann auch als Gegenwartsdiagnose betrachtet werden. Nicht umsonst liegt die Adoleszenzkrisenbewältigung nicht mehr Anfang bis Mitte der zwanziger, sondern Ende zwanzig Anfang dreißig. Aber das scheint dann eher meine Interpretation des Buches und steht da so nicht drin. Zugleich problematisch empfinde ich mangelnde Tiefenschärfe bei aktuellen feministischen Strömungen die nicht aufgegriffen werden, schon gar nicht verhandelt. Lieber erschöpfend unter den Ansprüchen zusammenbrechen. Insbesondere das Spektrum der Paarbeziehung hätte hier vielmehr hergeben können.
    So bleibe ich auch nach meiner Selbstverständigung hier hin und hergerissen. Schönes Buch, dass einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt (der Thematik zugeordnet und der Form, die meines Erachtens nicht ganz gelungen ist). Da war am Ende mehr drin und darüber „ärgere“ ich mich wohl am meisten.

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